Menü

Reisen / Mit Oma

Mamma mia!

Bilderkombination Gassenszene und Waldspaziergang

Sind einmal Kinder da, rückt die Elterngeneration plötzlich wieder näher. So nah, dass man gar gemeinsame Ferien mit der Schwiegermutter wagt. Autorin Nicole Gutschalk testete Vorteile und Tücken von solchen Familienferien.

Erfahrungen in Sachen Generationenferien konnte ich bereits vor fünf Jahren sammeln. Schauplatz damals: ein Bergchalet im Wallis. Die Akteure: die eigenen Eltern inklusive unerzogenem Hund. Das Fazit: Rückfall in alte Rollenmuster – ich kam mir zuweilen vor, als wäre ich sechzehn. «Zieh-dir-doch-nocheinen- Schal-an»-Kommentare von Mama wechselten sich mit Papas unermüdlichen Antiamerika-Monologen über «ein Land, das bevölkert von Deppen nie kulturell Wertvolles hervorbringen wird» ab. Dazwischen ich, das Kind meiner Eltern, mit den eigenen zwei Kindern im Horrorquengel- Alter. Wir sind dann zwei Tage früher als geplant abgereist, nach einer feurigen Diskussion über die Zubereitung des perfekten Gulaschs; mein Vater, ein bekennender Glutamat- Fan, konnte es einfach nicht lassen, mein stundenlang gegartes, mit feinsten Kräutern abgeschmecktes Gericht mit Aromat- Streusalz zu versauen. Das war dann zu viel für Tochters Nerven. Deshalb auch meine dezidierte Meinung zu Generationenferien: Nie wieder!

Mami

«Mami, entspann dich!» Zwischenhalt auf der Heimreise.

Unser Mann

Mit dem Ausspruch «Nie wieder!» im Familienalltag ist es allerdings so eine Sache. So hätte ich auch die Frage «Mit der Schwiegermutter in die Ferien fahren?» vor ein paar Jahren garantiert noch mit «No way!» beantwortet. Aber das war in der Pre-Kinderzeit. In einer geradezu historischen Zeit also, in der ich so einiges mit «No way!» beantwortet hätte. Wie zum Beispiel das Absaugen von Schleim aus Babys Nase. Aber eben. Sind erst einmal Kinder im Haus ändert sich zuweilen vieles. Drum also ein Toskanaurlaub mit drei Kids zwischen einem und elf Jahren, einem überarbeiteten Mann und einer stets gutgelaunten Schwiegermutter. Mit der «Schwigi», wie ich sie durchaus liebevoll nenne, würde es anders werden als mit den eigenen Eltern. Schliesslich haben wir keine gemeinsame Vergangenheit, die uns überraschend heimsuchen würde. Und mich verbindet mit dieser Frau zudem eine signifikante Gemeinsamkeit: Wir lieben den gleichen Mann. Jede auf ihre Weise selbstverständlich.

So sitzen wir also im Peugeot 5008, einem Siebenplätzer, 700 Kilometer in Richtung Rom. 700 Kilometer, die es nebenbei bemerkt nach einer Woche wieder zu bewältigen gilt. Auf dem Fahrersitz der Ehemann, der seiner Frau partout nicht zutrauen will auf italienischen Autobahnen zu bestehen. Daneben, auf dem Beifahrersitz die Schwigi, die in den 20 Stunden im Auto gefühlte dreimal geatmet hat. Mein Mann braucht beim Fahren nicht einmal auf die Bremslichter des vorausfahrenden Autos zu achten, seine Mutter liest und signalisiert drohende Gefahr quasi in Echtzeit: Mit gedrängten, halb verschluckten Achtung-Lauten: «hg!» und gleichzeitigem Griff zur Handbremse einerseits und Türgriff andererseits. So erklingt alle paar Minuten ein: «Mami, entspann dich mal, sonst hast du spätestens ab Kilometer 400 Probleme mit deinem Ausscheidungstrakt » – die bekam sie dann tatsächlich, aber erst kurz vor Abreise wegen zu viel Käse auf der Pizza. Gleich hinter der Oma-Ehemann-Fraktion, die drei Kinder, festgezurrt auf ihren Sitzen. Für Stunden. Nicht wie ich, als ich noch klein war, spielend auf der Ladefläche des Kombis, zwischen Daunenkissen und Globi-Büchern. Zuhinterst dann meine Wenigkeit, nuckelnd an einer E-Zigarette, stressbedingt und weil ich mir gerade das Rauchen abgewöhne.

Vater und sohn hoch
Pitigliano
Pool

«Uuaah, waas isch das dääänn?!» Das Städchen Pitigliano verursacht kollektiven Aufschrei.

Kraftort und Ausverkauf

Die letzten Kurven vor unserem Ziel Sorana ziehen sich wie ein zäher Kaugummi in die Länge. Und dies obwohl wir uns in einem der beeindruckendsten Winkel der Toskana befinden. In der südlichen Maremma um genau zu sein. Da, wo die Linien der Hügel den Horizont zeichnen, wo jeder Stein, jedes Blatt, jeder Baum eine Geschichte aus Jahrtausenden zu erzählen wüsste, die Wege sich wie ein Netz über das Land legen und die unberührte Landschaft nur hie und da von den weissen Dämpfen der Thermalquellen verschleiert wird. Wir sind zu erschöpft, um der bezaubernden Kulisse ihren gebührenden Respekt zu zollen. Im Hintergrund unser Musikprogramm: The Sound of a Baby! Bei Kurve 367 dann ein kollektiver Aufschrei, aber nicht etwa Gewohntes «Wäään siiimmer ändlich daaaa?!» sondern «Uuaah, waas isch das dääänn?!» Erhoben auf einem Felsplateau eine Stadt, die mit ihrem steinigen Untergrund zu verwachsen scheint – Pitigliano steht auf dem Ortsschild ein paar hundert Meter weiter die Strasse runter. Würden wir nicht zusammengepfercht in einem Auto aus der Neuzeit sitzen, so könnte man annehmen, dass wir in einer mittelalterlichen Pferdekutsche durch die Lande zuckeln. Pitigliano kann unmöglich von heute sein.

Spätestens jetzt wird klar, warum dieser Teil der Toskana als Nabel der Welt bezeichnet wird. Denn hier hat alles seinen Anfang genommen. Oder sagen wir mal vieles. Mitunter stammen aus dieser Gegend die ältesten Funde der Spezies Homo sapiens neanderthalensis. Hier brodelt im Untergrund der Vulkan Amiata, der nach wie vor dafür sorgt, dass die Gegend mit warmem Quellwasser versorgt wird, was sich die hier angesiedelten Etrusker vor rund 3000 Jahren mit der «Gnade der Götter» erklärt haben. Die Malaria wütete während Jahrhunderten in dieser Gegend und raffte ganze mittelalterliche Dörfer dahin. Heutzutage schwärmen allerdings keine tödlichen Stechmücken mehr durch die sumpfige Landschaft, dafür aber Esoteriker, die zu sogenannten Kraftorten pilgern. Gar nicht kraftvoll, sondern von ihrer schwächelnden Seite zeigen sich die Städte Pitigliano, Sorano oder Grosseto. An jedem dritten Haus prangt ein Vendesi-Schild, das den schmerzlichen Ausverkauf der Region versinnbildlicht. Es ist das Italien der sterbenden Städte, das Italien, in dem junge Menschen in nahegelegene Metropolen, nach Rom, Florenz oder Sienna abwandern, um nach Arbeit zu suchen. Es ist das Italien, das die Nebenwirkungen der Globalisierung mit seiner ganzen Brutalität zu spüren bekommt. Es ist aber auch jenes Italien, wo Oliven, Weisswein oder Trüffel aromatischer nicht sein könnten und das Essen schmeckt, als hätten etruskische Götter selbst Hand angelegt.

Schon bei der Ankunft in der Therme di Sorano wird klar, was eine Oma im Gepäck wert ist: überall dort, wo es brennt, ist sie zur Stelle, sie füllt Milchpulver in den Schoppen und verhilft dem jüngsten Familienmitglied zum Seelenfrieden, sie kramt das Badezeug aus dem Kinderkoffer, da es die Minis kaum erwarten können ins Thermalwasser zu hüpfen - schliesslich wurde das ja von der Elternschaft versprochen, und Versprechen gilt es zu halten. Auch wenn es bereits 19 Uhr ist, die elterlichen Mägen vor Hunger knurren, noch eingecheckt und das restliche Gepäck ins Haus verfrachtet werden muss. Es ist ein Ankommen der anderen Art. Der angenehmeren Art.

Hippies

Durchaus angenehm gestaltet sich denn auch der ganze Aufenthalt in der Terme di Sorano. Nicht nur, weil wir mit dem gebuchten Vamos-Reiseprogramm auch auf ein Angebot in Sachen Kinderbetreuung zurückgreifen können, sondern weil die Schwigi einen grossen Teil zur Entspannung beiträgt: Will Papa mit dem Sohn Tennis spielen, während Mama das Töchterchen zum Reiterhofbegleitet, wägelet die Schwigi währenddessen mit ihrem jüngsten Enkel durch den Wald. Ist Einkaufen in der Stadt angesagt, stationiert sich die Oma im warmen Pool, während die zwei Grossen um die Wette tauchen. Selbst wenn ihre Nerven zuweilen auf eine harte Probe gestellt werden, wie beim Ausflug in die nahegelegene Thermalkaskade Saturnia, wo Hippiestimmung vorherrscht, Camper an Camper am Strassenrand stehen, sich Touristen bei ihren Vehikeln in ihre Badeoutfits zwängen, um sich auf den Weg zur Natursensation der Region zu machen, ja selbst dann bewahrte die 63-Jährige Haltung. Nur als sie auf ihrer «Wanderschaft» Richtung Naturspektakel in einen Haufen Sch ... tritt - in einen menschlichen Haufen, wie sie bis heute behauptet - stürzt ihre Stimmung kurz auf den Nullpunkt. Die Schuhe der Oma mussten im übrigen in der Toskana bleiben, da der unangenehme Geruch auch nach mehrmaliger Waschaktion nicht verduften wollte.

«Und, wie wars?», lautet die gespannte Frage aus dem Freundeskreis nach unserer Rückkehr. Wobei ein gewisser Unterton, von den Fragenden impliziert, klar zu erkennen ist. Antwort: «Jederzeit wieder!» Natürlich ist das in Abhängigkeit des jeweiligen Oma-Exemplars zu werten und kann deshalb auch nicht verallgemeinert werden. Aber zugegeben, es gab sie auch, die nervigen Momente mit der Schwigi. Wenn wir uns abends, nachdem die Kinderbande zu Bett gebracht wurde, jeweils gemütlich mit einem Glas Wein auf dem Balkon installierten und sie von Müller Karin, Reiniger Franz und Koller Regula und deren Krankheitsgeschichten erzählte. Gerne auch in der Endlosschlaufe. Ihr Sohn hatte für solche Momente schon seine eigene Taktik entwickelt, die er bereits seit seiner Jungendzeit probt - genannt Göschenen-Airolo. Zum einen Ohr hinein, zum andern hinaus. Ich hingegen bemühte mich redlich um Anteilnahme. Dieses Engagement flachte allerdings gegen Ende der Ferien merklich ab. Und natürlich kam es auch zum klassischen Schwiegermutter-Schwiegertochter-Eklat. Kurz vor Abreise. Der Sohn wollte nämlich früher als geplant heimreisen, während die Schwiegertochter noch dringend in die Stadt huschen wollte, um dort Delikatessen zu kaufen. Eine Konstellation, in der nur einer als Gewinner hervorgehen konnte: Das eigene Fleisch und Blut. Der Sohn fährt ja schliesslich stundenlang Auto und hat deshalb auch die Entscheidungsmacht. Punkt. Würde ich wohl einst mit meiner Schwiegertochter in die Ferien fahren, ich würde die gleiche Position vertreten; das ist Mutterliebe.

Auch lesenswert