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Sexualität

Mal prüde, mal Porno

Illustration

Storch: arbeitslos. Aufklärung: easy. Da bleiben Eltern cool. Aber wie locker bleiben wir, wenn unsere Kinder online auf Pornografie stossen? Wie locker inmitten der Pädophilen-Hysterie? Oder bei manch wunderlichem Fundstück im Netz? Dann wirds wahrscheinlich verzwickter…

Mama, warum hängen da Hoden vor dem Grand Canyon?» Die grossen Fragen des Lebens stellen sich unvorbereitet. So auch neulich.

Tja, was sagt man dem erstaunten Töchterchen, das auf Instagram «Nutscapes», also Fotos von Testikeln vor Traumkulisse, entdeckt hat? Das sei Kunst? Befreiung? Spass? Wir haben uns, glaub ich, für die Erklärung «schräger Humor» entschieden, gelacht, ein paar weitere fusselige Objekte vor Landschaft diskutiert, und dann haben wir zu Abend gegessen. Abgehakt. Nur bei der Mutter des Teenagers bleiben Fragen: Was findet ein junges Mädchen eigentlich noch alles zu Sex und Anrainerthemen im Netz? Wird sie sich auch dann an mich wenden, wenn das Gesehene statt skurril, drastisch, vielleicht sogar verstörend ist? Macht das irgendwas mit meinem Kind?

Überall Übererregung

Den Storch zu rupfen ist einfach. Nur ist es damit nicht getan. Heute noch weniger als vor ein paar Jahrzehnten.

Meine Mutter jedenfalls war damals tiefenentspannt, was meine gesunde sexuelle Entwicklung anbelangt. Und das, obwohl ich als Zweijährige dem gleichaltrigen nackten Nachbarsjungen im Schwimmbad kräftig an seinem Schwänzchen gezogen hatte. Offenbar in der Hoffnung, eine ähnliche Reaktion hervorzurufen wie bei meinem Hampelmann im Kinderzimmer. Auch kann ich mich nicht erinnern, dass in der 1. Primarklasse ein ausserordentlicher Elternabend zum Thema «Sexuell diskriminierende Sprache auf dem Pausenhof» einberufen worden wäre, weil Markus B. Thomas S. voller Wut als «schwulen Sex-Pillemann und Pups» tituliert hatte. Soweit ich weiss, hat unsere Lehrerin nur geseufzt und gesagt, wir sollten nicht immer Wörter benutzen, die wir nicht kennen. Danach durften sich die beiden boxen. Lange her.

Was ist seitdem passiert? Wann ist dieser schrille Ton in das Thema «Kinder und Sexualität» gekommen? Vor allem – seit wann fehlt die mittlere Tonlage?

Übererregung wohin man blickt. Für Eltern macht dies das Thema Aufklärung nicht einfacher. In einem unübersichtlichen Dickicht Position zu beziehen, ist schwer. Denn wo sind die Orientierungspunkte, wenn jeder Vorstadt-Baumarkt Kabelbinder direkt neben der Kasse platziert, weil die Nachfrage im Kielwasser der Sadomaso- Schmonzette «Fifty Shades of Grey» enorm gestiegen ist?

Auf der anderen Seite sogar Playboy und Pirelli-Kalender, die Speerspitzen der Pudelnackig-Publikationen, ab 2016 auf vollständig Nackte verzichten?

Während Sekundarschulen Broschüren mit Kleidervorschriften für den sittsamen Dress verteilen und in Elternhirnen die Angst vor Pädophilen auf jedes noch so unschuldige Kinderfoto einen Schatten wirft, wird dagegen an einigen Schulen aus pädagogischen Gründen hellstes Licht bis in die dunkelsten Ecken der Sexualität getragen. Ein grelles Licht.

Wir backen uns ein Genital

Da stehen schon mal, etwa in dem deutschen Lehrerhandbuch «Projektbausteine Sexualität», superlockere Unterrichtseinheiten für Sechstklässler unter dem Motto «Geschlechtsorgane modellieren». Empfohlen wird dazu entweder ein Mürbeteig oder «Man kann die Geschlechtsorgane des Menschen auch gut aus Salzteig modellieren und bemalen.»

Aufkleber: Hasen beim Sex

In diesem Fall müssen sie ein bis zwei Tage trocknen. Anschliessend sind die Geschlechtsorgane parat, um kreativ ausgestaltet zu werden mit «Lebensmittelfarbe, Kakaopulver oder Spinatsaft». Auch ein weiteres von Soziologie-Wissenschaftlern der Universität Kassel für den Unterricht entwickeltes und empfohlenes Werk «Sexualpädagogik der Vielfalt» sieht für 15-Jährige allgemeinbildende Schulstunden vor. Überschrift: «Der neue Puff für alle». Leicht ist die Übung nicht. Schliesslich gilt es, bei einem in Kleingruppen gestalteten Entwurf des «idealen Bordells», gleichermassen sexuelle Präferenzen und innenarchitektonische Möglichkeiten zu beachten. Geplanter Zeitumfang: 60 Minuten.

Die paar Holzpenisse und Plüschvaginas, die in Schweizer Schulen vor ein paar Jahren zu Aufklärungszwecken zum Einsatz kommen sollten, sind dagegen nun wirklich kein Aufreger. Da bleiben wir modernen Eltern cool. Zumindest bis die Grosse aus der Schule kommt und sich kaputtlacht, dass nicht mal die Lehrerin die französische Vokabel «biffler» gekannt habe. «Als Franzlehrerin, stell dir vor!» Da bleibt nur lächeln, googeln, sich wundern, wozu es alles ein mit avoir gebildetes passé composé gibt und die Unsicherheit, was jetzt wohl noch an Information von der Mutter gefordert ist.

«Gut tut dem ganzen Thema Sexualität auf alle Fälle – Gelassenheit», sagt Claus Buddeberg, emeritierter Professor für Psychosoziale Medizin des Universitätsspitals Zürich und Leiter der sexualmedizinischen Sprechstunde. Seit über 40 Jahren beobachtet er gesellschaftliche Wellenbewegungen, Strömungen und Tendenzen von Sexualität. Einen Grund zu Alarmismus hat er nie gesehen, sieht er auch jetzt nicht: «Fakt ist, dass viel von der ganzen Hysterie ein Produkt der Medien ist. Sex sells.» Klar machten sich Eltern Sorgen, wenn allenthalben zu lesen ist von Pädophilen; Politikern, die online Kinderpornos bestellen; Internaten, in denen Schüler von Lehrern befummelt werden; Serien-Vergewaltigern und Kitas, in denen die Kinder einander vermeintlich sexuell drangsalieren. Mögen diese schlimmen Fälle statistisch auch extrem selten sein. Sicher machen sich Mütter und Väter so ihre Gedanken, wenn an Schul- und Kindergarten- Infoabenden – durchaus auch berechtigt – vor Gefahren aus dem Internet gewarnt wird. Und klar bleibt es nicht ohne Wirkung, dass beim Googlen von «Kind und Sexualität» hunderte von Treffern zu Missbrauch und Übergriffen auf dem Bildschirm erscheinen und nur einzelne, versprengte zu Liebe, Lust und schönen Gefühlen. Das macht Angst und ist doch nicht Alltag.

Tabubruch inklusive

«Aber Polarität gehörte stets zum Thema Sexualität. Immer schon», sagt Buddeberg. Der Graben zwischen angstvoll-verklemmt und hemmungslos-verrucht sei uralt. Mag etwa im Zuge der 68er-Sexual-Revolte die medial mit Trommelwirbel untermalte Parole ausgegeben worden sein «Wer zwei Mal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment», so hatte dennoch Muttis Leben daheim im Reihenhaus wenig zu tun mit wildem Leben und Kommune, dafür viel mit Kittelschürze, Kuchen und Koitus nur mit Papi. Tabubruch und Sexualität sind Geschwister. Skandale sorgen zwar für Klicks und Auflage, für Hysterie bei Eltern sollten sie besser nicht sorgen. Seriöse Studien liefern derzeit jedenfalls wenig Anlass für Aufregung.

Illustration: Frau in aufreizender Pose

Ein Drittel der Elfjährigen hat, laut Untersuchung des Marktforschungsinstituts iconcids &Youth, im Netz schon Pornofilme und -bilder gesehen. Im Alter von 17 Jahren sind es 93 Prozent der Buben und 80 Prozent der Mädchen. Regelmässig landen Pornoseiten in den Treffer-Rankings deutlich vor den Websites der Nachrichtenmagazine. Und doch sind es lediglich 8 Prozent der Jungen und nur 1 Prozent der Mädchen, die sich regelmässig Sexseiten ansehen. «Bei der grossen Mehrheit ist es einfach eine grundsätzliche Neugier», so Buddeberg. «Jugendliche interessieren sich für Vieles. Für Musik, für Sport, für Haustiere – und eben auch für Sex.» Teenager, die sich komplett in den Netzen des Netzes verfangen, der virtuellen Welt den Vorzug vor der wirklichen geben, hätten meist ganz andere gravierende Probleme, die zum Abdriften in exzessive Online-Erotik führten. Einsamkeit. Verwahrlosung. Isolation. In den weitaus meisten Fällen dagegen läuft es wie bei dem 10-jährigen Sohn meiner Freundin, der seinen Google-Suchverlauf vergessen hatte zu löschen. Ergebnis: «Sex. Grosser Penis. Hund».

Von wegen verwegen

Zu einer allgemeinen Überhitzung haben die Clips mit umtriebigen Nackten offenbar nicht geführt. Seit Jahren unverändert erleben die Schweizer Jungen und Mädchen, je nach Studie, ihr erstes Mal zwischen 16 und 17 Jahren. Rund 40 Prozent haben auch mit 17 Jahren noch keinen Sex gehabt. Damit sind die Schweizer im Europa-Vergleich ein Jahr früher dran als Spanier und Polen, ein Jahr später als Deutsche und Österreicher. Gemütlich im Mittelfeld also. Und noch eine weitere Zahl spricht dafür, dass Schweizer Teenies sich vielleicht interessiert Miley Cyrus’ hormonell übersteuertes Gebaren auf Youtube angucken, selber allerdings lieber brav und verantwortungsvoll bleiben. Bei den Teenagerschwangerschaften, gern herangezogenes Indiz für den Grad von Aufklärung und Vernunft in einer Gesellschaft, sind Schweizer Pubertierende verhütende Vorbilder: Lediglich 3 von 100 Müttern sind hierzulande jünger als 20 Jahre. In den meisten anderen europäischen Ländern liegt die Zahl zwischen 10 und 20 Prozent. Natürlich gäbe es gewisse Mythen und Verunsicherung, die erst durch die Allgegenwart der Pornoindustrie in die Köpfe der Jugendlichen komme, sagt Claus Buddeberg: «Die Erwartung einer stundenlangen Erektion oder Schönheits-OPs an den Schamlippen – das sind unzweifelhafte Folgen. Deshalb sollte man Pornofilme und die Tatsache, dass sie mit der Realität einer Liebesbeziehung nichts zu tun haben, als Eltern thematisieren. Aber bitte nicht dramatisieren », so Buddeberg.

Künstlich – na und?

Auch sein Kollege, der deutsche Sexualwissenschaftler Klaus Starke sieht in einem Interview mit der Zeitschrift «Brand Eins», keinen Grund, allgemeinen sexuellen Realitätsverlust bei Jugendlichen zu befürchten: «Wir sind doch ständig von Künstlichkeit umgeben. Dem Gewandhausorchester in Leipzig zu unterstellen, ein falsches Bild von der Wirklichkeit zu vermitteln, weil sie alle so gut Geige spielen, wäre grober Unsinn. Das gleiche gilt für Pornografie, in der Menschen etwas Übertriebenes haben oder tun.»

Die Sache mit der Wirklichkeit scheint eher für die Eltern schwierig zu sein. Krankhaftes wird überall gewittert. So wurschteln sich Video-Wickelanleitungen für Windeln entweder ganz ohne Baby durch oder der Genitalbereich des Babys ist verpixelt. In Amerika werden, laut einem «Zeit»-Bericht, Eltern, die Mädchen im Kindergartenalter lediglich ein Badehöschen zum Schwimmen anziehen, schon mal gefragt, ob es nötig sei «the french thing» zu pflegen. Also «oben ohne» zu baden. Der britische Soziologe Frank Furedi beklagt, dass Eltern-Hysterie es inzwischen unmöglich mache, auch nur noch bei einem Buben-Fussballmatch zu fotografieren. Auch in der Schweiz lassen sich Kindergartenlehrer zur Absicherung gegen Missbrauchsvorwürfe schon mal von der Elternschaft schriftlich geben, dass sie ein weinendes Kind auf den Schoss nehmen dürfen. Und Eltern, die ihrem Kind einen Schmatz auf den Mund geben, sehen sich in den Kommentarspalten der Zeitungen und Online-Medien schon mal als «Pädophile» beschimpft.

Kann es sein, dass der Blick der Eltern penetrant oversexed ist? Erwachsensexualität zu schnell auf Kindersexualität übertragen wird, was jedes «dökterle» suspekt macht und «natürlich» nur noch bei Lebensmitteln erstrebenswert erscheinen lässt? Schliesslich ist es doch immer die Perspektive, die eine Situation erotisch auflädt: Vorsorge-Untersuchungen beim Gynäkologen sind definitiv unerotisch – unabhängig von der involvierten Region. Blanke Geschlechtsteile mit Sonnenbrand an einem FKK-Strand wecken selten frivole Assoziationen, häufiger welche an das Porterhouse-Steak vom letzten Grillfest. Bleibt noch die praktische Frage: Wie, bitte, mache ich es denn nun richtig? Wie erkläre ich meinem Sohn oder meiner Tochter alles Wichtige, das über Bienchen, Blümchen und den arbeitslosen Storch hinaus geht? Wie schaffe ich es, Sexualität genauso ernst zu nehmen und genauso entspannt zu vermitteln wie ich ja auch erkläre, wie man den Schneepflugbogen macht, warum Tiefschnee toll, und ausserhalb der Pisten zu fahren verboten ist? Wie vermeide ich als Mutter – nur 5 Prozent der Väter beteiligen sich an der Aufklärung der Kinder – Fettnäpfchen, Peinlichkeiten und den nervenden «typisch Eltern»-Ton. Genaugenommen: Welchen Ton nimmt man überhaupt und welche Wörter? Schnäggli und Pfifeli, Schnäbi, Schlitzli, Pippimann und Mumu? Vagina und Penis?

Oder gleich das, was die Kinder auf der Strasse hören? Karoline Bischof, Zürcher Gynäkologin und Sexualtherapeutin am Zentrum für Interdisziplinäre Sexologie, lacht. «Na, ich würde doch sagen, man nennt am besten alles so, wie es heisst. Zur Nase sagt ja auch niemand Rüsseli.» Von Klarheit hält sie viel, von Schweigen wenig. «Selbst ein kleines Kind merkt, dass alles, was es tut, kommentiert wird, ausser wenn es sich an den Geschlechtsorganen berührt. Da heisst es oft nervös: Lass das mal. Warum eigentlich sagt kaum jemand ‹das ist schön, oder?›?» Sexualität sei etwas Tolles. Das solle auch ein Kind lernen. Notfalls auch mithilfe von Geschlechtsteilen aus Salzteig? «Warum eigentlich nicht, lustvoller Umgang mit Sexualität ist doch prima. Und dann braucht es eigentlich nur noch genaues Hinsehen und Hinhören. Jedes Kind sendet deutliche Signale, ab wann es ihm mit der Aufklärerei zu viel wird und wo seine Grenzen sind.» Ganz wie mein Töchterchen beim Nutscapes- Gespräch: «Mama, ich hab Hunger. Weg jetzt mit den Hoden.» Okay. Wie wärs mit Salat?


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