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Väter im Gespräch

Männer über ihre Vaterrolle

Was bedeutet es heute, Vater zu sein und Verantwortung für die Familie zu übernehmen? Vier Väter diskutieren über Nähe, Mental Load und ob ihre Väter ihnen Vorbilder sind oder waren.

Die Idee zu diesem Gespräch kam von den Vätern selbst. Wir haben einzig das Thema etwas enger umrissen, hin und wieder eine Zwischenfrage gestellt und das Ganze in die vorliegende Form gebracht.

Drei der vier diskutierenden Männer engagieren sich in der Väter-Initiative Allenmoos (siehe Box) und kennen sich schon länger: Christoph Krucker (42) und Roland Keller (54) haben Kinder, die das städtische Betreuungsangebot im Hort Brunnenhof in Zürich besuchen; Luzi Dressler (64) setzt sich seit vielen Jahren für die Väterarbeit ein und hat als Leiter des Horts Brunnenhof die Väter-Initiative Allenmoos (VIA) ins Leben gerufen.

Der vierte Vater, Charles Dahinden (45), wohnt nicht im Quartier, arbeitet aber als Assistent in einem benachbarten Hort. Reichlich Nüssli stehen auf dem Tisch, alkoholfreies Bier, Weisswein und Wasser, als das Vätergespräch beginnt.

wir eltern: Könnt ihr euch kurz vorstellen und skizzieren, wie ihr in eure Vaterrolle gefunden habt?

Charles Dahinden: Ich bin in den USA aufgewachsen und vor 21 Jahren aus Liebe zu meiner Frau in die Schweiz gekommen. Anfang 30 hatte ich eine Krise in meinem Beruf als Körpertherapeut. Gleichzeitig wurde mir klar, dass es nun Zeit war, Vater zu werden. Ich wollte kein Opa sein für meine Kinder, sondern mit ihnen spielen und rennen können, wie es mein Papa mit mir gemacht hatte.

Meine Frau hat Ethnologie und ausländisches Recht studiert und als sie schwanger wurde, hatte ihre Karriere eben erst begonnen. Wir einigten uns deshalb darauf, dass sie weiterarbeiten und ich als Hausmann bei den Zwillingen bleiben würde. Für mich ging damit ein Traum in Erfüllung.

Luzi Dressler: Ich war 32, als ich 1989 das erste Mal und zwei Jahre später das zweite Mal Vater wurde. In den Jahren davor haben wir in WGs und an der Sozialarbeiterschule viel diskutiert und auch fantasiert – übers Mannsein, Frausein, über Familie und die Prägungen durch die eigenen Eltern. Daraus ist der Wunsch entstanden, es mit meinen Kindern anders zu machen, die Zeit mit ihnen nicht zu verpassen.

Die Mutter meiner Kinder ist Psychotherapeutin und wir entschieden uns, Arbeit und Kinderbetreuung gleichberechtigt aufzuteilen, ich war also halbtags Vater. Dass wir beide keine hohen Karriere- oder Wohlstandswünsche hatten, begünstigte diesen Lebensentwurf.

Roland Keller: Als mein erster Sohn auf die Welt kam, war ich 42 und meine Frau 29. Ich bin Innovationsmanager und arbeite 100 Prozent, meine Frau ist 60 Prozent als Kommunikationsverantwortliche tätig. Anfangs beschränkte sich mein Beitrag aufs Kinder ins Bettbringen, Spielen am Wochenende und Entscheidungen gemeinsam treffen.

Seit ich im Homeoffice arbeite, spare ich drei Stunden Arbeitsweg pro Tag und kann zum Beispiel für die Familie Zmorge machen oder die Kinder ins Fussballtraining bringen. Mir ist aufgefallen, dass du, Luzi, vorhin gesagt hast: «Ich war halbtags Vater.» Für mich ist das anders. Ich bin immer Vater, vom Moment der Geburt an, eigentlich schon mit der Zeugung.

Christoph Krucker: Ich habe drei Kinder im Alter von 8 ½, 10 und 12 Jahren und arbeite 80 Prozent in der Pflege. Meine Ex-Frau ist Hebamme und arbeitet 60 Prozent. Ich bin natürlich auch immer Vater, auch wenn ich am Arbeiten bin. Trotzdem war es für mich von Anfang an wichtig, auch zu Hause mit den Kindern zu sein und den Haushalt zu übernehmen, sodass auch sie arbeiten konnte.

Als ich die Chance hatte, in eine leitende Position aufzusteigen, habe ich sie wahrgenommen, auch aus lohntechnischen Gründen; Vollzeit wäre aber nicht in Frage gekommen. Wir sind seit einem Jahr getrennt und leben das Nest-Modell: Die Hälfte der Woche bin ich bei den Kindern, die andere Hälfte wohnt die Mutter bei ihnen. Das funktioniert super.

Was bedeutet für euch Verantwortung übernehmen?
Christoph: Als getrennte Eltern heisst Verantwortung übernehmen auch, die Kinder nicht gegen den andern Elternteil auszuspielen, sondern zu schauen, dass es ihnen gut geht und als Eltern weiterhin gemeinsam für die Kinder da zu sein.

Roland: Für mich bedeutet es, die Konsequenzen des eigenen Handelns zu tragen und sich bewusst zu sein, dass man für die Kinder immer ein Vorbild ist. Auch wenn man nicht viel zu Hause ist, ist man eben genau darin Vorbild.

Charles: Ich möchte meinen Kindern helfen, die Welt zu sehen, zu verstehen und eigenständig denken zu lernen, sodass sie irgendwann selbstständig und verantwortungsbewusst in der Welt leben können, ohne die Weltprobleme zu vergrössern.

Roland: Ich sehe meine Verantwortung in der Familie in drei Bereichen: in der Beziehung zu meinen Kindern, zu meiner Frau und zu mir selbst. Alle drei hängen voneinander ab und beeinflussen sich gegenseitig.

Christoph: Es gehören aber auch all die praktischen Sachen dazu, die Familienorganisation: Wie Zahnarzttermine wahrnehmen, wissen, wann Meo den Ausflug hat, Waschmittel kaufen, bevor es ausgeht, und so weiter.

Auf eine Art war ich froh, dass sich mein Vater nicht gekümmert hat, so konnte ich meine eigenen Sachen machen.

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Luzi Dressler findet es wichtig, dass Hortkinder männliche Bezugspersonen haben.

Habt ihr da eine klare Aufteilung, wer wofür zuständig ist?
Charles: Bei uns passiert das spontan, fast schon telepathisch. Wenn ein Kind krank ist und beide arbeiten, schauen wir, wer wichtigere Arbeitsverpflichtungen hat. Ist sie am Einkaufen, gibt sie einen Funk und fragt, was wir noch brauchen. Die Abfallsäcke vergessen wir trotzdem immer (lacht). Ok, meine Frau kümmert sich ums Finanzielle, weil sie es besser kann.

Roland: Ich kann nicht kochen, dafür putze ich immer die Küche und wenn meine Frau mir den Auftrag gibt, Rüebli zu schnippeln, mache ich auch das.

Christoph: Bei uns mache ich die Finanzen, sie schaut, dass die Kinder eingekleidet sind. Früher habe ich mehr gekocht, sie hat mehr aufgeräumt. Alles andere haben wir ziemlich 50:50 aufgeteilt. Es fördert das Verständnis für die Arbeit des anderen, wenn ich weiss, wie es ist, den ganzen Tag mit den Kindern zu sein. Und sie weiss, wie es ist, nach einem anstrengenden Arbeitstag vom turbulenten Familienleben überrollt zu werden.

Luzi: Es fördert auch das Verständnis für das, was Frauen immer schon gemacht haben und von der Gesellschaft häufig für selbstverständlich genommen wurde. Früher hing ja die finanzielle Verantwortung einseitig am Mann, alles andere an der Frau.

Frauen beklagen sich auch heute noch über zu viel Mental Load. In einer kürzlich publizierten Umfrage der «annabelle» sagten vier von fünf Frauen, dass sie immer noch deutlich mehr Verantwortung für die Familie übernehmen, auch wenn sie 80 bis 100 Prozent arbeiten.
Christoph: Der Mental Load ist gross, ohne Zweifel. Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass die Frauen ihn grösser machen, als er ist.

Charles: Ja! Da bin ich mit dir einig.

Wie meint ihr das?
Christoph: Es sind die Ansprüche.

Charles: Der Perfektionismus. Meine Frau hat oft das Gefühl, dass sie nicht loslassen kann. Sie kommt von der Arbeit und ihr Kopf läuft und läuft. Das ist bei mir nicht so.

Christoph: Ich komme manchmal auch von der Arbeit und sehe die Unordnung zu Hause, sie nervt mich auch. Doch wenn ich zu müde bin zum Aufräumen, dann blende ich die Unordnung aus.

Roland: Es gibt verschiedene Arten, ein solches Problem anzugehen. Ich als Mann fange an, zu priorisieren: Hier liegen zwar Kleider am Boden, jetzt ist aber erst mal wichtig, dass wir etwas zum Znacht haben. Bei meiner Frau sind alle Sensoren immer an, dementsprechend nimmt sie vieles gleichzeitig wahr und dadurch wird der gefühlte Mental Load grösser.

Redet über die eigene Überforderung und tut nicht so, als hättet ihr immer alles im Griff

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Die Kinder stehen auf den Schultern der Eltern: Christoph Krucker und seine älteste Tochter Oona.

Sie ist dann also nicht nur am Kochen, sondern denkt auch noch daran, dass sie ein Geburtstagsgeschenk fürs Nachbarskind besorgen muss.
Roland: Genau. Wenn ich dafür zuständig bin, mache ich es einen Tag vorher und denke davor kein einziges Mal daran. Meine Frau befasst sich schon eine Woche vorher damit und wenn sie an diesem Tag gerade im Laden ist, kann sie das Geschenk bereits kaufen. Sie ist also flexibler – und eigentlich braucht es das in dieser schnelllebigen Welt.

Luzi: Unter dem Strich ist die Arbeit gerecht aufgeteilt, wenn beide nach dem Geldverdienen, der Kinderbetreuung und dem Haushalt gleich viel Freizeit haben. Meine Ex-Frau war sehr strukturiert und hatte den Anspruch, die Sachen schnell in den Griff zu bekommen. Ich bin eher der Typ, der die Dinge etwas laufen lässt und auch den Raum bekommen möchte, dies zu tun.

Das hat zu viel Reibung geführt und ich hätte immer schneller sein müssen, als sie, um sie entlasten zu können. Manchmal dachte ich mir, die Paare mit traditioneller Rollenteilung haben es deutlich einfacher.

Wie habt ihr eure eigenen Väter in eurer Kindheit erlebt?
Charles: Mein Vater war mein bester Freund und ist es bis heute. Unter der Woche hat er voll gearbeitet und ich habe ihn fast nie gesehen. Am Wochenende aber hat er von morgens bis abends mit uns Dinge unternommen, Sport gemacht, Ausflüge in die Natur.

Dabei hat er mich immer evaluiert und wusste genau, wo es Grenzen brauchte, doch nie hätte er mich aufgrund meiner Fehler verurteilt. Ich hatte das Gefühl, er liebt mich so sehr, dass er genau weiss, wer ich bin.

Roland: Mein Vater hatte sein Büro zu Hause und hat viel gearbeitet. Mit mir und meinen zwei Brüdern hat er Bubensachen gemacht wie Seifenkisten bauen, er hat mit uns gebastelt und uns das Schlittschuhlaufen beigebracht.

Christoph: Mein Vater war Seklehrer und hat am Wochenende und in den Ferien auch viel mit uns gemacht. Als ich 15 oder 16 war, haben wir extrem viel gestritten und er hat mir unglaublich die Stirn geboten. Ich brauchte das, um mich abzunabeln.

Heute merke ich, dass ich oft genau so cholerisch reagiere wie er, wenn mir alles zu viel ist. Als ich 24 war, starb er überraschend an einem Herzinfarkt. Heute fehlt es mir manchmal, dass ich mich nicht mehr mit ihm austauschen kann, und ich würde ihn gerne fragen, wie es ihm damals ergangen ist, als ich ein Kind war.

Luzi: Mein Vater hat einfach viel gearbeitet. Er war Wissenschaftler und ging voll in seinem Beruf auf. Er wusste nur am Rande, was meine Brüder und ich machen oder wofür wir uns interessieren. Erst als er Grossvater wurde, merkte er, was er verpasst hat und hatte grosse Freude an den Enkeln. Auf eine Art war ich froh, dass er sich nicht gekümmert hat, so konnte ich meine Sachen machen. Anderseits hat es auch gefehlt.

Was bedeutet euch die Beziehung zu euren Kindern?
Roland: Kürzlich haben meine Frau, mein Sohn und ich draussen gegessen. Als meinem Sohn kalt wurde, hat er sich an mich angekuschelt. Es hat mich sehr gefreut, dass er die körperliche Nähe zu mir suchte, und es zeigte mir, dass unsere Beziehung von ihm wahrgenommen und gelebt wird. Ein Glücksmoment!

Charles: Ich möchte meinen Kindern ermöglichen, vieles auszuprobieren, verschiedene Erfahrungen zu machen – sei es im ganz normalen Alltag, aber auch mit Musik, Kunst, Mathematik oder mit Freunden. Sodass sie selber erkennen, wie sich etwas auf sie auswirkt und sich anfühlt, welche Konsequenzen das Erlebte hat und wie sie damit weitergehen. Sie sollen einen inneren Kompass erhalten, mit dem sie durchs Leben gehen können.

Es erfordert enorme Reife, um ausgeglichen durchs Leben zu gehen.»

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Roland Keller: «Ich bin immer Vater, auch wenn ich arbeite.»

Welchen Rat würdet ihr Jungvätern geben, die am Anfang der Familienphase stehen?
Christoph: Arbeitet weniger, nehmt euch Zeit für die Familie. Wenn ihr voll arbeiten und Kinder haben wollt, dann müssen Kollegen und Freizeit sekundär sein.

Luzi: Holt euch möglichst früh Hilfe, wenn ihr merkt, dass es in der Partnerschaft schwierig ist. Wartet nicht, bis es brennt. Spätestens nach zwei Jahren sollte es fast Pflicht sein, als Paar eine Beratung aufzusuchen und Dinge wie Mental Load mit einer neutralen Person anzuschauen. Und: Sucht das Gespräch mit anderen Vätern, redet darüber, wie es euch geht, über eure Gefühle, über das Scheitern.

Roland: Genau, das machen Männer weniger als Frauen. Vielleicht spielt da auch das Männerbild rein. Nach Hilfe fragen heisst, ich habe es nicht geschafft.

Christoph: Was völliger Blödsinn ist. Deshalb: Redet über die eigene Überforderung und tut nicht so, als hättet ihr immer alles im Griff.

Roland: Die vielen Möglichkeiten heute erfordern, dass man sich bewusst wird, was einem wirklich wichtig ist und welchen Weg man gehen will. Wer arbeitet wie viel? Will ich noch eine Weiterbildung machen? Alles kann hinterfragt, alles muss ausgehandelt werden. Es erfordert eine enorme Reife, um ausgeglichen durchs Leben zu gehen.

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