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Sexuelle Entwicklung von Kindern

Lust von Anfang an

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Kinder sind sexuelle Wesen, und zwar nicht erst ab der Pubertät, sondern bereits vor der Geburt. Neueste Erkenntnisse aus der Sexologie.

Eltern von Buben haben es wohl alle mal erlebt: Da liegt der Kleine ohne Windel auf dem Wickeltisch oder steht unter der Dusche, und schwupp, plötzlich macht sich sein kleiner Penis selbstständig, wird lebendig und steif. Mütter und Väter nehmen das vielleicht etwas befremdet oder auch belustigt, meist jedoch ohne grosse Reaktion zur Kenntnis. Und ahnen nicht, welche Bedeutung moderne Sexologinnen und Sexologen diesem Erregungsreflex zuschreiben – der übrigens auch bei Mädchen wunderbar funktioniert, aus anatomischen Gründen allerdings um einiges versteckter.

Wie in anderen Wissenschaften auch wird in der Sexologie ständig geforscht. Neue Erkenntnisse nehmen Form an, verdrängen oder ersetzen bestehende Modelle. Die, vergessen wir es nicht, alle zum Ziel haben, die menschliche Sexualentwicklung, also unseren Sexualisierungsprozess, besser zu verstehen. «Im Moment findet ein Paradigmenwechsel statt», sagt Esther Elisabeth Schütz, Sexualpädagogin und klinische Sexologin aus Uster ZH.

Sprach man bis anhin von psycho-sexueller Entwicklung, die nach Sigmund Freud in die orale, anale, phallische oder genitale Phase eingeteilt wurde, kommt man heute von der künstlichen Trennung von Körper und Geist weg. Der Ansatz Sexocorporel von Jean-Yves Des jardins, Professor an der Université de Québec in Montreal, einer der wenigen sexologischen Fakultäten, geht davon aus, dass Sexualität im Laufe unserer Entwicklung genau so gelernt werden muss wie Gehen, Sprechen, Schreiben oder das Spielen eines Instruments. Das Fundament dafür bildet der Erregungsreflex, der bereits vorgeburtlich angelegt ist und sich im Verlauf der Entwicklung mit unseren weiteren Fähigkeiten, mit unserem Erleben verbindet.

Natürliche Sexualität unterstützen

«Ähnlich wie beim Saugreflex erfährt das Kind bereits als Baby, dass angenehme Empfindungen damit einhergehen, wenn die Blutzufuhr in die Geschlechtsteile verstärkt wird», so Esther Elisabeth Schütz. «Mit der Zeit merkt es, dass es diese wohligen Empfindungen durch Anspannung der Muskulatur, durch rhythmische Bewegungen und später durch Anfassen der Geschlechtsteile intensivieren kann.» All dies passiert jedoch im Kleinkindalter auf unbewusste, spielerische Weise und verbindet sich mit der übrigen Entwicklung: Das Kind lernt, seine Muskulatur im Beckenbereich zu spannen und entspannen, was es als angenehm empfindet.

Gleichzeitig lernt es, sich vom Bauch auf den Rücken und umgekehrt zu drehen. So kann Sexualität schon im frühsten Babyalter auch als Motor, als Lebenskraft verstanden werden. «Keine menschliche Fähigkeit wird in ihrer Entwicklung von den Eltern und der Gesellschaft so wenig unterstützt, begleitet und verstanden wie die der Sexualität», so der Zürcher Sexologe und Psychiater Peter Gehrig. «Während die ersten Gehversuche intensiv gefördert und mit viel Emotionalität und Zuspruch begleitet werden, rufen die ersten Erkundungen auf genitaler Ebene nach wie vor eher zwiespältige Gefühle, Verunsicherung oder Ablehnung hervor.»

Wenn uns jedoch daran gelegen ist, dass unsere Kinder später, wenn sie erwachsen sind, ihre Sexualität auf eine reife, verantwortungsvolle Art leben und genießen können, sollten wir ihre natürliche sexuelle Entwicklung unterstützen. Die erfahrene Sexologin Esther Elisabeth Schütz bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt: «Die Sexualität gehört zum Leben – wie Atmen, Essen und Trinken, und wird von klein auf gelernt wie viele andere Dinge auch.»

Buchtipp

Esther Elisabeth Schütz und Theo Kimmich: Körper und Sexualität, Atlantis im Orell Füssli Verlag, Fr. 39.90.–

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