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Kommunikation für Fortgeschrittene

Lass uns reden, Baby

weinendes Kind im Gitterbett

Von Geburt an kommuniziert das Baby mit seinen Eltern. Nur: Was will es ihnen sagen, wenn es schreit oder die Äuglein reibt?

Gehetzt schiebt die Mutter den Kinderwagen ins volle Tram. Aus dem Buggy dringt lautes Babygeschrei. Manche Fahrgäste verdrehen entnervt die Augen, andere schauen mitfühlend zu, wie die junge Mutter verzweifelt versucht ihr Kind zu beruhigen. Sie rollt den Wagen ein bisschen hin und her – Schreien; sie nimmt es auf den Arm und wiegt es – Schreien.

Vielleicht hätte die junge Mutter in den eigenen vier Wänden, nicht unter kritischer Beobachtung der Öffentlichkeit, ihr Kind sanft und mit Geduld beruhigen können. Denn Stress, egal, woher er kommt, hindert Eltern daran, das Schreien ihres Babys zu deuten, seine Bedürfnisse zu erkennen. Eigentlich könnten sie ihr Baby nämlich intuitiv richtig verstehen oder «lesen», wie manche Fachleute es nennen. Jede Mutter, jeder Vater auf dieser Welt entwickelt mit der Geburt des ersten Kindes intuitives Elternwissen. Die Wissenschaftlerin Mechthild Papousek spricht von biologisch verankerten Fähigkeiten und Motivationen, «die komplementär auf Seiten des Säuglings und der Eltern angelegt sind und einander auf erstaunliche Weise ergänzen.»

Die Gespenster von früher

Aber wieso finden junge Eltern manchmal einfach nicht her aus, wie sie ihr Kind beruhigen können? Für die Psychoanalytikerin und Psychotherapeutin Dr. Marie-Jeanne Augustin liegt einer der zahlreichen Gründe für die Anfangsschwierigkeiten mit dem Baby in der Kindheit der Mütter selbst. «Es huschen Gespenster aus der Vergangenheit durchs Kinderzimmer und die verstellen der Mutter den Blick auf ihr Kind, verhindern, dass sie sich entspannt auf es einlassen kann», sagt die Fachfrau, die in Zürich ein Babyzentrum leitet, das Hilfe anbietet, wenn Mütter sich mit ihrem Kind überfordert fühlen.

Diese Gespenster können überhöhte Ansprüche sein oder auch eigene Trennungsängste, Schuldgefühle oder eine innere strenge Stimme, die immer mit ihr schimpft. «Fehlt es aber einer Frau an Vertrauen in die eigenen mütterlichen Kompetenzen, hat sie es schwerer, eine sichere Bindung mit ihrem Kind aufzubauen», erklärt Augustin. Und woher sollen Mütter dieses Vertrauen nehmen? Oft brauche es nur ein paar Sitzungen, um ihnen zu zeigen, dass sie es eigentlich gut machen, sagt die Mutter-Baby-Therapeutin.

Die frischgebackenen Mütter erführen ja nicht die geringste Anerkennung, von niemandem ein positives Echo. «Und das Baby schreit nur, wenn es sich mitteilen will. Da kommt schnell einmal das Gefühl auf, als Mutter zu versagen.» Augustin verfolgt einen tiefenpsychologischen Ansatz und spricht mit den Müttern über ihre «Gespenster». Zum Beispiel über ihre eigenen Ängste vor dem Alleinsein, die sie als Kind hatten und nun vielleicht aufs Kind übertragen. Und sie zeigt ihnen, wie man mit einem Säugling sprechen kann, wie er sich ausdrückt.

Kommentare bleiben nicht unerhört

Oftmals erscheint es den Müttern komisch, sich mit ihrem drei Wochen alten Kind zu «unterhalten». Schliesslich kommt ja nichts zurück, im besten Fall ein sogenanntes Engelslächeln, das zufällig über sein Gesicht huscht. Natürlich versteht ein Säugling nicht, wenn Mama erzählt, dass sie gleich duschen wird und er darum einen Moment auf sie warten muss. Doch der ruhige Ton, in dem sie zu ihm spricht und der liebevolle Blick dabei vermitteln ihm, dass sie ganz bald wieder für ihn da ist. Beim Windelnwechseln plaudern, das Kleine fragen, wie es ihm geht, sein Bäuerchen kommentieren – all das bleibt keineswegs ungehört.

Aus zahlreichen Studien weiss man, dass Neugeborene nicht, wie lange angenommen, einfach nur passiv Umwelteindrücke verarbeiten. Sie kommunizieren aktiv mit ihrem Gegenüber. Kinder imitieren bereits kurz nach der Geburt Mimik, Gesten und Laute, das hat die Psychologin und Säuglingsforscherin Emese Nagy von der Dundee-Universität in Schottland herausgefunden. Aber die kleinen Wesen schauten nicht nur ab, betont sie, sondern wollten sich an einem Dialog beteiligen und ihn sogar initiieren. Wer also Musse und Geduld hat, kann mit seinem ganz kleinen Kind intensive «Dialoge» führen.

Sich zwischen durch Momente für einen kleinen Babyschwatz zu gönnen, findet auch Professor Manfred Cierpka ganz wichtig, denn sie würden die schwierigen Zeiten mit ausgiebigen Schreiphasen und schlaflosen Nächten ein bisschen in den Hintergrund drängen. Er warnt aber davor, Kinder zu überstimulieren. Häufig würden Eltern in schneller Reihenfolge ihr riesiges Repertoire von Ideen abspulen, um ihr schreiendes oder quengelndes Kind zu beruhigen. «Meistens mit dem Effekt, dass das Baby immer nervöser wird und so eine Art Teufelskreis in der Kommunikation entsteht», sagt der Psychiater und Familientherapeut.

Er ist allerdings überzeugt, dass die meisten Eltern mit der Zeit beginnen, ihr Kind zu verstehen. Wenn es aber nicht klappen will, litten vor allem die Mütter unter einem Perfektionsanspruch, der ihr wiederum verunmöglicht, in Ruhe herauszufinden, was ihr Baby will.

Weiterstillen oder nicht?

Was will mein Baby? Diese Frage treibt auch die meisten Frauen um, die in die Mütter- und Väterberatung im Kirchgemeindehaus Paulus in Zürich kommen. Hier können sie ihre Kinder wägen, schauen, ob sie in der letzten Woche zugenommen haben und vor allem in der Einzelberatung bei Arlette Rutschmann ihre Probleme besprechen. Zum Beispiel Monika: Ihr 4 Wochen alter Sohn Vinzent möchte mindestens alle zwei Stunden gestillt werden.

Meistens schläft er nach dem Trinken ein, aber kaum nimmt sie den Kleinen von der Brust, weint er. Dann weiss die junge Mutter nicht, ob sie weiterstillen soll. Eigentlich tut ihr die Brustwarze weh, aber sie meint, Vinzent sei noch hungrig, wenn er weint. Ob sie sicher sei, dass er noch trinken will, fragt Rutschmann. Nein, ist Monika nicht. «Aber was will er dann?», fragt sie achselzuckend.

Während der Besprechung liegt Vinzent hellwach auf einer Wickelunterlage und schaut ganz interessiert. Ein aufgewecktes Kerlchen, der Kleine, sagt die Mütterberaterin. Sie erklärt Monika, dass das Kind im Mutterleib ja rund um die Uhr versorgt wurde und nun müsse es sich erst daran gewöhnen, nicht ständig ernährt zu werden, nicht mehr rund um die Uhr ganz nah bei der Mama zu sein. Und sie spricht mit ihr darüber, wie sie Vinzent anders als mit der Brust beruhigen könnte. Vielleicht hilft ein Nuggi oder wenn er im Tuch getragen wird?

Einsamkeit überfordert

Als ob dies das Stichwort für Vinzent wäre, beginnt er zu quengeln. Die Mütterberaterin hebt vorsichtig sein Köpfchen mit beiden Händen an, schaut ihn an, fragt ihn, was er hat, ob es ihm ein bisschen langweilig wäre. Ein Babytalk, der dem Knaben zu gefallen scheint.

Arlette Rutschmann und ihren Berufskolleginnen ist es wichtig, die Mütter bei der ersten Ablösung zu begleiten und sie beim Kennenlernen ihres Babys zu unterstützen. Dazu gehören in manchen Fällen auch Hausbesuche. Da die Väter oft nach der Geburt wieder arbeiten gehen, müssen viele Mütter gerade die erste schwierige Zeit oft ganz allein mit Schlafmangel, Zweifeln und dem weinenden Baby meistern.

Erschöpfung, gepaart mit der Einsamkeit zu Hause und dem immensen Druck, zu jeder Zeit eine super Mutter sein zu müssen, sieht die Wissenschaftlerin Mechthild Papousek denn auch als Bedrohung für das biologische Erbe, die elterliche Intuition. Und doch ist sie in jedem von uns verankert, ist sie überzeugt, man müsse aber darauf vertrauen. In diesem Punkt sind sich Fachleute aus allen Bereichen einig: Der innere und äussere Druck, nonstop alles richtig machen zu müssen, hindert viele junge Mütter daran, sich auf ihre Wahrnehmung zu verlassen. Dabei ist das Gefühl aus dem Bauch, in dem das Kind neun Monate gewachsen ist, oft der beste Berater.


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