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Grenzen

Konjunktur der Konsequenz

Mutter schimpft Sohn

«Linie zeigen», lautet derzeit der Erziehungstipp Nummer eins. Aber gegen Schlangenlinien ist auch nichts einzuwenden.

Ich gebs zu, ich bin wischiwaschi. Ein Dorn im Auge aller Konsequenz-Apologeten. Manchmal sage ich markig: «Tja, die Ziege wollte auch einen langen Schwanz, hat sie aber nicht gekriegt», wenn meine Tochter ein zweites Glace verlangt oder rufe: «Erst die Arbeit, dann das Vergnügen », wenn sie mit einer Freundin abmachen will, bevor die Hausaufgaben erledigt sind. Und manchmal hole ich mir selbst ein zweites Eis und lass sie mit Velo, aber ohne Uffzgi losziehen. Kurz: In Sachen Erziehungskompetenz muss ich Insolvenz anmelden. Müsste ich.
Wenn denn all die pädagogischen Trendsetter Recht hätten, die derzeit auf der Welle von «mehr Disziplin, mehr Konsequenz, mehr Grenzen» surfen. Aber – haben sie das? In der Mehrheit sind sie jedenfalls:
93,3 Prozent der rund 2000 Befragten gaben in einer Studie des Meinungsforschungsinstituts GfK an, dass Eltern immer konsequent sein sollten. Ebenso viele waren der Ansicht, bei einer einmal gefällten Entscheidung habe man zu bleiben. Heulen und Zähneklappern des Kindes hin oder her. 200 000-mal ist Bernhard Buebs «Lob der Disziplin» insgesamt über den Ladentisch gegangen. Michael Winterhoffs apokalyptischer Bestseller «Wie unsere Kinder Tyrannen werden» findet eine Leserfangemeinde wie sonst nur Geschichten von Liebespaaren in Cornwall. Amy Chuas «Die Mutter des Erfolges» wurde vom Verlag früher als geplant auf den deutschsprachigen Markt geworfen, weil das in den Medien kolportierte «fadengerade Strenge bringt`s» in Amerika einen Hype auslöste, wie sonst nur ein neuer Harry Potter. Dass der Erfahrungsbericht der chinesischstämmigen Yale-Professorin keinesfalls, wie in den meisten Rezensionen zu lesen, eine Aufforderung zu Drill und Druck ist, sondern mindestens ebenso eine Chronologie des Scheiterns, ein trauriger Bericht davon, wie eine Mutter mit Härte Siegen lehren will und verliert – die Zuneigung ihrer Tochter nämlich – , das wird gerne unterschlagen.Weicheiigkeit verkauft sich nicht.
Nicht umsonst sackten die Einschaltquoten der Super-Nanny in den Keller, seit Katharina Saalfrank randalierende Zwerge nicht mehr stramm auf stille Stühle schickt, sondern moderatere Lösungen findet. Das kommt gar nicht gut an. Kante zeigen ist sexy. Durchwurschteln nicht.
Aber warum ist das so? Wieso haben Scharen von Eltern das Gefühl, sie müssten Autorität dokumentieren, nachdrücklich Gehorsam einfordern, häufiger zu Strafen greifen? Dass diese einstigen Bäh-Wörter jetzt in «Respekt», «Grenzen setzen» und «Konsequenz» umgetauft worden sind, ist ja nichts weiter als pädagogisches Neusprech. Zwei Drittel aller Paare mit Kind finden, um der offenbar grassierenden Ungezogenheit vorzubeugen, sollten sie strenger sein – wie auch immer die Ingredienzien dazu genannt werden.

Wieso eigentlich ist Kante zeigen sexy?

«Und genau das ist Unsinn», findet Jürgen Oelkers, Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Zürich. «Kinder sind zu allen Zeiten subversiv gewesen, immer schon haben Eltern Probleme mit ihrem Nachwuchs gehabt.» Aber 90 Prozent aller Jungen und Mädchen seien kreuznormal, angepasst, brav und nett. «Die Datenlage deckt den derzeitigen Alarmismus in keiner Weise.»
Die Medien erwecken einen anderen Eindruck: Da geistern Zahlen von 70 Prozent gestörter Kinder durch die Presse, von einer Generation ist zu lesen, in der jeder Dritte psychologisch betreut wird, von Jugendlichen, unter denen ein Fünftel nicht reif ist für eine Ausbildung, von mobbenden, prügelnden, völlig aus dem Ruder laufenden Kids . «Ich wundere mich immer wieder, wie man rare Einzelfälle so generalisieren und die ganzen Skandalberichte eins zu eins glauben kann», beklagt Jürgen Oelkers.
Und genau da liegt der Knackpunkt. Bangemachen lassen sich nur Unsichere. Und verunsichert sind viele Eltern. Da fehlt die Erfahrung, wie Erziehung eigentlich geht, weil kaum jemand das in seinem Umfeld miterlebt, da wollen Mütter es mit ihrem einzigen Kind besonders perfekt machen, und da leben junge Mütter und Väter vollkommen isoliert. Berufsbedingte Mobilität macht es schwierig, sich zu vernetzen. Wie Schimmel in einem feuchten Keller wuchern so Unzulänglichkeitsgefühle wie: Nur mir allein tanzt mein Kind auf der Nase herum, nur ich schreie meine Familie an, nur ich hab es nicht im Griff.
«Regeln vermitteln gelingt nur, wenn man klare Vorstellungen hat», sagt Annina Brunold, Erziehungsberaterin der Bildungsdirektion in Dietikon.
Mütter und Väter, die selbst nicht so genau wissen, was sie eigentlich denken, die sich nicht sicher sind, ob es okay ist, dem Töchterchen die Sandschaufel zu entwinden, wenn sie dem Nachbar-Buddler zum zweiten Mal damit eins überbrät, werden sich schwer tun, richtiges Verhalten einzufordern und falsches abzustellen.
Denn Stärke der Eltern, so Jesper Juul – dänischer Kämpfer gegen den angesagten Kasernenhofton im Kinderzimmer – Stärke sei die unverzichtbare Basis für authentisches Auftreten. Ohne Authentizität geht gar nichts. Wer an kindlichen Tischsitten herumnörgelt und selbst in unbeobachteten Momenten das Messer ableckt, oder wer Fusstritte des Kindes mit einem windelweichen «Du gell, Müsli, das tuet em Mami weh, im Fall» pariert, hat schon verloren. Oder wie Jesper Juul in seinem Buch «Nein aus Liebe» über das weit verbreitete Erziehungsgesäusel sagt: «Eltern sprechen mit ihren Kindern so, wie sie sich vorstellen, dass Eltern mit ihren Kindern sprechen sollten. Als authentische Menschen sind sie jedoch nicht spürbar.» Mamas und Papas, die halbe Tage in der Hocke zubringen, weil es angeblich pädagogisch wertvoll ist, mit dem Kind auf Augenhöhe zu reden, sind eine bizarre Zeiterscheinung, über die nicht nur unsere Vorfahren herzlich gelacht hätten, sondern die auch unsere Nachfahren lächerlich finden. Die Folge: Zweijährige, die sich kreischend am Boden wälzen, bis Papa «ach, Schätzeli» seufzend, den Fernseher wieder anmacht; Fünfjährige, denen es völlig piepe ist, dass ihr Mami, egal, ob rausgestreckte Zunge oder ruinierter Plastikbagger, stets «fescht truurig» ist.

Überdenken und überarbeiten statt Prinzipienreiterei

Ohne Autorität kann niemand eine Richtung für andere vorgeben. Nur – wie entsteht so etwas wie natürliche Autorität?
Robert Sapolsky, Neurobiologe an der Universität Stanford, hat das erforscht: Grösse ist nützlich und dynamisches Auftreten. Eine kräftige Stimme ist von Vorteil, Selbstsicherheit und Impulskontrolle. Was bedeutet, so Sapolsky, «den anderen einfach zu ignorieren, wenn die Angelegenheit nicht wirklich wichtig ist», sowie soziale Intelligenz. Erforscht hat der Wissenschaftler das Wesen von Führungsstärke wie ein Undercover-Agent: als temporäres Mitglied einer Pavianhorde. Doch für Menschen, da sind sich die Forscher einig, gilt in etwa dasselbe: Nur wer in sich gefestigt ist und souverän, nur wer sich in seine Mitaffen oder Mitmenschen einfühlen kann, wird auf die Dauer als Leitfigur anerkannt.
«Genau daran fehlt es vielen Eltern. Und zwar deutlich häufiger als an Konsequenz», sagt Annina Brunold. «Klar, Eltern wollen ihre Wünsche durchsetzen, aber sie müssen auch spüren, was das Kind gerade braucht, wie seine Wünsche sind.» Mitfühlen ohne Regeln macht das Kind orientierungslos. Aber Konsequenz ohne Empathie ist blosse Prinzipienreiterei.
Balance und differenziertes von Fall zu Fall entscheiden ist gefordert. Schwierig für Mütter mit wenig Zeit und Väter im Stress. Ein starres Korsett mit der Aufschrift «Konsequenz » gibt mehr Halt als die Verpflichtung, Entscheidungen regelmässig in Frage zu stellen, Vereinbarungen wieder zu überarbeiten, Regeln zu verhandeln. Und dennoch geht es nicht ohne. Wenn acht Uhr die richtige Bettzeit für eine Neunjährige ist, dann ist sie das noch längst nicht für eine Dreizehnjährige. Ganze Tage zu vertrödeln ist im Vorfeld einer Matheprüfung blöd. Eine Kindheit ohne vertrödelte Tage aber ist eine traurige Kindheit.
Zudem tickten Kinder, so Annina Brunold, genau wie alle anderen Menschen: Kooperation funktioniere besser, wenn niemand das Gefühl habe, es sei einfach über seinen Kopf hinweg entschieden worden, wenn Beschlüsse von allen gemeinsam getragen würden. Und vor allem, so die Erziehungsberaterin, sollten sich Eltern mal fragen: «Was ist eigentlich wichtiger: Das Grenzen setzen, der Zaun? Oder ist es nicht viel wichtiger, wie der Garten innerhalb des Zaunes bepflanzt wird?»
Nämlich am besten: bunt, üppig und in schönen Schlangenlinien.

«Reagieren? Später.»

wir eltern: Herr Professor Omer, der Standard-Tipp für Eltern am Anschlag lautet «Ruhe bewahren». Leider wird nie erklärt, wie das zu schaffen ist ...

Haim Omer: In der Tat ist Deeskalation das Wichtigste. Sich nicht in das Ping-Pong-Spiel von Provokation und Aggression hineinziehen lassen. Das muss man schlicht üben. Hilfreich zu wissen: Ich muss nicht sofort reagieren.

Einfach blöd dastehen?

Warum nicht? Erst mal zu schweigen oder zu sagen: «Darüber muss ich nachdenken», ist besser als eine unüberlegte Reaktion. Extremer Ärger und der Verlust von Selbstkontrolle entstehen durch Hilflosigkeit. Sehe ich mich nicht gezwungen, unverzüglich zu handeln, fühle ich mich nicht so hilflos.

Aber konsequent handeln muss man doch …

Unbedingt. Eltern sind zu «wachsamer Sorge» verpflichtet. Läuft alles glatt, können die Zügel lang sein. Sendet das Kind aber Notsignale in Form destruktiven Verhaltens, müssen Eltern heranrücken. Beispielsweise dem nächtelang am Computer spielenden Schüler den Strom abstellen.

Das wird aber eskalieren.

Das ist auszuhalten. Aber man sollte nicht dann miteinander reden, wenn die Emotionen hochkochen, sondern wenn es gut läuft. Mein Leitsatz lautet «Schmiede das Eisen, solange es kalt ist.» Und: Man darf sich Unterstützung holen – beim Partner, bei einer Fachperson, bei einer Nachbarin … Das ist kein Zeichen von Schwäche.

Schwach fühlen sich aber Eltern, die das Gefühl haben, ihnen entgleite die Kontrolle.

Das stimmt. Hauptsache, das Kind entgleitet nicht, Mutter und Vater bleiben präsent. Ansonsten gilt: Eltern dürfen Fehler machen. Das ist unvermeidlich. Aber: Fehler lassen sich korrigieren.

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