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Betreuung

Kita-Kerle

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Sie sind so selten wie Frauen in der Teppichetage: Männer in Kinderkrippen. Wie geht es diesen Quotenmännern?

Yanosh Drosson sitzt im Schneidersitz auf dem Boden und angelt einen Kinderlatz aus dem Wäschekorb. Er faltet ihn einmal, legt die Bändel nach innen, faltet ihn nochmals, fertig. Nächster Latz. Nach wenigen Augenblicken erhält der 20-Jährige Unterstützung: Die zweijährige Ann setzt sich zu ihm und beginnt ebenfalls mit ihren kleinen Händen, vom Tumbler in ganz warmer Wäsche zu wühlen. Dann kommt der vierjährige Silvana. Im Schlepptau hat er Julia, die erst seit wenigen Wochen laufen kann. Dank der freiwilligen «Helfer» ist der Korb in kürzester Zeit geleert.

Yanosh Drosson macht eine Ausbildung zum Kleinkindbetreuer. Offiziell heisst das «Fachperson Betreuung, Fachrichtung Kinderbetreuung», aber so sagt kein Mensch. Der 20-Jährige ist mittlerweile im zweiten Ausbildungsjahr. In der Zürcher Kindertagesstätte, in der er lernt, ist der junge Mann alleine unter Frauen. So wie ihm geht es vielen seiner Berufskollegen. In der Schweiz sind Kleinkinderzieher die Ausnahme. Experten schätzen, dass maximal zwei Prozent aller Betreuungspersonen Männer sind. Das scheint sich aber zu ändern, wenn auch langsam. Während 2006 nur fünf Prozent der neuen Lehrverträge an Bewerber gingen, waren es 2011 schon über neun Prozent, Tendenz weiter steigend. «Was wir gerade erleben, ist ein guter Anfang, aber wir haben noch einen weiten Weg vor uns», sagt Edith Tribelhorn, Geschäftsführerin a. i. des Verbandes der Kindertagesstätten Schweiz (KiTaS).

Für die «Kita-Kerle» ist dieser Weg mitunter steinig, denn sie müssen sich gleich an mehreren Fronten beweisen: Da sind die skeptischen Arbeitskolleginnen, die den Neuzugang kritisch beäugen, um ihre Vormachtstellung fürchten und sich erst an das Zusammenspiel in einem gemischten Team gewöhnen müssen. Da sind die teilweise schlecht informierten Eltern, die nicht so recht wissen, ob sie ihr Kind einem Mann ebenso anvertrauen können wie einer Frau. Da ist die eigene Familie, die der Mann mit dem wenig üppigen Erziehergehalt kaum über die Runden bringen kann. Da ist die Gesellschaft, in deren Augen ein Kita-Betreuer im besten Fall ein Weichei und im schlimmsten Fall ein Pädophiler ist. Die einzige Gruppe, die unvoreingenommen und entspannt mit der Situation umgeht, sind die eigentlichen Hauptpersonen, die Mädchen und Buben in den Kitas.

Verschiedene Rollenvorbilder anbieten

«Wir wissen, dass die Kinder profitieren, wenn sie sowohl von weiblichen als auch männlichen Erziehern betreut werden», sagt Eliza Spirig vom Marie-Meierhofer-Institut. Die Pädagogin, die sich auch mit Geschlechterfragen beschäftigt hat, findet es wichtig, den Kleinen verschiedene Rollenvorbilder anzubieten. Es geht dabei nicht um eine klassische Geschlechterverteilung, in der ein männlicher Erzieher für den Werkraum zuständig ist und immer dann gerufen wird, wenn etwas repariert werden muss. In einer modernen Kita sollte jeder alles machen können: Popos putzen, Gebasteltes aufhängen, Breie füttern, Tränen trocknen, Fussball spielen. So viel zur Theorie. In der Praxis ist es nicht ganz so einfach. «Es kann für die männlichen Betreuer sehr zermürbend sein, wenn ältere Arbeitskolleginnen oder auch Eltern auf die Einhaltung der alten Geschlechterrollenbilder bestehen», weiss Edith Tribelhorn von KiTaS. Selbst junge Frauen, die in einem liberaleren Umfeld als ihre Mütter aufgewachsen sind, glauben mitunter, dass Männer in den Kindertagesstätten nichts verloren haben.

Die Vorstellung, dass Frauen eher für die Betreuung und Erziehung kleiner Kinder geeignet sind als Männer, ist weltweit verbreitet. Warum die Idee gerade im deutschsprachigen Raum besonders viel Gewicht hat, lässt sich nicht in wenigen Sätzen erklären. Es scheint, als würde der Mutterkult der Nationalsozialisten auch achtzig Jahre später in Deutschland, Österreich und der Schweiz nachschwingen. «Hierzulande ist zudem das Ideal vom männlichen Ernährer noch sehr stark, der einer bezahlten Vollzeitarbeit nachgeht, während die Frau daheim für die Kinder verantwortlich ist», sagt die Psychologin Julia Nentwich, die derzeit an der Uni St. Gallen ein Forschungsprojekt zu Männern im Beruf des Kinderbetreuers durchführt. Obwohl diese Befunde aus dem familiären Bereich stammen, lässt sich vieles auf den öffentlichen Raum übertragen. Laut einer aktuellen Studie des Zentrums «Gender Studies» der Uni Basel ist die geschlechterdifferenzierende Berufswahl bei uns stärker ausgeprägt als in anderen Ländern. Mit anderen Worten: Für viele junge Schweizerinnen und Schweizer kommen bestimmte Berufe nicht infrage, da sie als nicht genügend weiblich oder männlich eingestuft werden. Es gibt umgekehrt aber immer mehr Menschen, die diese stereotypen Vorstellungen durchbrechen. Männer eignen sich ehemals weibliche Eigenschaften, Interessen und Fähigkeiten an und umgekehrt.

Im städtischen Raum ist die strikte Rollenverteilung seltener ein Thema als auf dem Land. Überall dort, wo sich Eltern die Erwerbs- und Betreuungsarbeit teilen, weiss der Papa sehr wohl, wo die Windeln liegen und wie das Gutenachtlied geht. Manche Mutter stellt sogar fest, dass der Vater den besseren Brei kocht als sie selbst. In diesem Umfeld wundert man sich erfahrungsgemäss seltener, wenn das eigene Kind von einem Erzieher statt einer Erzieherin betreut wird.

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Unter Generalverdacht

Spielen, trösten, wickeln, umziehen – das Kita-Personal kommt den Mädchen und Buben sehr nahe. Gerade die Kleinsten brauchen viel Nähe und Körperkontakt. Die Initiative sollte aber immer vom Kind ausgehen. Wenn eine Betreuerin von sich aus ein Baby küsst, dann verhält sie sich nicht nur unprofessionell. Es liegt bereits eine Grenzüberschreitung vor. Viele Eltern sehen das nicht so eng. Würde aber ein Angestellter ihr Kind küssen, läge der Fall anders. 2011 wurde ein Kleinkinderzieher verhaftet, nachdem er ein ihm anvertrautes Kind in einer Zürcher Kita sexuell missbraucht hatte. In solchen Momenten stehen alle männlichen Betreuer unter Generalverdacht. Keine leichte Situation für alle Beteiligten.

«KiTaS» hat reagiert und einen Verhaltenskodex in Bezug auf sexuelle Gewalt für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Kindertagesstätten herausgegeben. Dort ist beispielsweise festgehalten, dass die Tür zum Wickelraum immer offen bleiben sollte und Kinder nur dann zum WC begleitet werden dürfen, wenn sie Hilfe benötigen. «Viele denken bei Missbrauch immer automatisch an die Männer und blenden aus, dass auch Frauen für Übergriffe verantwortlich gemacht werden können», sagt Edith Tribelhorn, Geschäftsführerin bei KiTaS. Vielleicht ist die gesamte Geschlechterdiskussion bereits überholt. Die Zeiten, in denen es in dem Job vor allem darauf ankam, dass man Säuglinge und Kleinkinder herzig fand, sind schon lange vorbei. «Natürlich ist es von Vorteil, wenn die angehenden Erzieherinnen und Erzieher geduldig sind und Kinder gerne haben», so Edith Tribelhorn. «Aber das reicht bei Weitem nicht.» Das Personal der Zukunft muss nicht nur professionell arbeiten, sondern auch die immer höheren Standards erfüllen. Da tritt die Frage, ob jemand männlich oder weiblich ist, in den Hintergrund. Kinderkrippen werden immer mehr zu Bildungseinrichtungen, das Hütedienst-Image ist längst passé. Lernende wie Yanosh Drosson haben übrigens nie etwas anderes kennengelernt.

Weitere Infos

www.kitas.ch

www.kinderbetreuer.ch

www.fachperson-betreuung.ch

Lesetipps

• «Männer in Kitas», herausgegeben von M. Cremers, S. Höyng, J. Krabel und T. Rohrmann. Budrich Verlag 2012. 412 Seiten. ISBN 978-3847400096.
• Fachzeitschrift «Und Kinder» Nr. 90, Schwerpunkt: Gender im Frühbereich, Marie-Meierhofer-Institut 2012. Bestellungen unter www.mmi.ch

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