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Bestattung von Kindern

Eine Kinderbestatterin erzählt

Die Kinderbestatterin Eva Finkam begleitet Eltern und Geschwister ein Stück weit auf dem schweren Weg, nachdem ein Kind gestorben ist.

wir eltern: Frau Finkam, es fällt mir schwer, Ihnen Fragen zu stellen. Das Thema, mit dem Sie sich tagein, tagaus beschäftigen, ist unsagbar traurig. Wie halten Sie die Verzweiflung der Eltern aus?

Eva Finkam: Ich begleite Eltern auf einem Weg, der eigentlich nicht gangbar ist. Trotzdem müssen sie ihn gehen. Niemand lässt sein totes Kind liegen und rennt davon. Ich helfe, die Tage nach dem Tod eines Kindes oder Jugendlichen zu überstehen. In meinen Begegnungen erlebe ich neben dem Schmerz aber auch, dass die Trauer der Angehörigen eine Form intensivster Liebe ist. Eltern wollen für ihr Kind noch einmal alles tun, was für sie menschenmöglich ist. Dabei unterstütze ich sie und das gibt mir Kraft.

Sie begleiten die Eltern bereits vor der eigentlichen Bestattung?

Wenn ich von Bestattung rede, meine ich die Tage zwischen Tod und Beisetzung, oder bei einem sterbenskranken Kind die Tage oder Wochen vor seinem Tod bis hin zu seiner Beerdigung. Es ist zentral, dass die Zeit dazwischen gut und bewusst gestaltet wird. Für diesen Ablauf gibt es keine goldene Regel. Für mich ist eine gute Bestattung, wenn eine stimmige Form von Verabschiedung von allen Mitgliedern der Familie möglich ist.

Was meinen Sie mit einer stimmigen Form von Verabschiedung?

Zwischen Tod und Beerdigung ist eine Zeit, in der Eltern ihr Kind noch einmal tiefgreifend erleben. Mit dem toten Körper noch ein letztes Mal unter dem Apfelbaum sitzen, ein letztes Mal am Fluss spazieren gehen. Das wird nach der Bestattung nie mehr möglich sein. Eltern gehen «letzte Wege» mit ihrem Kind: das Verlassen des Spitals mit dem Sarg. Die letzte Fahrt weg von zu Hause auf den Friedhof. Die Sargschliessung. Der Moment, in dem der Sarg ins Krematorium gefahren oder in die Erde gelassen wird. Es sind extrem schmerzhafte, aber auch sehr kostbare Tage.

Wollen Eltern denn so stark in die Gestaltung miteinbezogen werden? Sind sie in ihrem Schmerz nicht absolut überfordert damit?

Ich habe noch nie Eltern erlebt, die etwas bereut hätten, was sie in der Abschiedszeit mit ihrem Kind gemacht haben. Es gibt nur Reue darüber, was nicht gemacht wurde. Das Kind hatte einen Charakter, egal wie jung es starb. Daraus ergeben sich Bilder, Wünsche, Ideen, wie Eltern die letzte Zeit mit ihrem Kind gestalten möchten. Sie sollen und dürfen bei jedem Schritt entscheiden. So statten die meisten Eltern den Sarg selber aus. Manchmal häkelt eine Mutter eine kleine Decke, um ihr Kind darin einzuwickeln. Oder Geschwister malen das Särglein an. Wenn wir auf dem Friedhof stehen und es geht darum, den Sarg ins Grab hinabzulassen, wissen die Eltern vielleicht noch nicht, ob sie dies dem Friedhofsgärtner überlassen oder es selber tun möchten. Ich ermutige sie, möglichst viele Handlungen selber zu übernehmen.

Allein beim Zuhören kommen mir die Tränen. Das hat wohl auch viel mit der Tabuisierung von Sterben und Tod in unserer Kultur zu tun – erst recht, wenn ein Kind stirbt. Wie durchbrechen Sie dieses Schweigen?

Eine Trauerkultur wird bei uns seit 100 Jahren nicht mehr gelebt. Wir Bestatter haben die Aufgabe, die rituelle Form des Trauerns wiederzubeleben. Früher wuschen die Angehörigen die Verstorbenen, zogen ihnen die schönsten Kleider an und bahrten sie in der Stube auf. Weil jeder den Toten noch besuchen konnte, spürten die Hinterbliebenen die Anteilnahme. Für einen gesunden Trauerweg braucht es solche Rituale.

Wie lassen sich solche Trauerriten zurückholen?

Zunächst, indem man Gefühle zulässt. Alle. Die Trauergefühle sind immens und es wird viel – aber nicht nur – geweint. Manchmal, wenn Eltern sich an Schönes erinnern und eine Anekdote erzählen, entstehen kurze Momente der Leichtigkeit. Durch die Emotionen und die äusseren Handlungen der liebevollen Totenfürsorge vollzieht man die inneren Abschiedsschritte: Wenn Eltern ihr Kind noch einmal kämmen, waschen, ölen und ankleiden, hat das etwas sehr Heilendes.

Viele Menschen scheuen sich davor, einen Toten zu berühren …

… noch mehr Angst haben viele bei der Vorstellung, einen Toten ein paar Tage bei sich zu Hause aufzubahren. Ich verstehe diese Angst. Trotzdem ermuntere ich die Eltern, ihr totes Kind noch eine Weile bei sich zu behalten. Wenn wir den Raum und den Körper so gut als möglich kühlen, ist das kein Problem.

Ewig kann man einen toten Menschen aber – auch aus rechtlichen Gründen – nicht bei sich daheim liegen haben.

Die Eltern sollen entscheiden, wann für sie der richtige Zeitpunkt für die Kremation oder die Sargbestattung gekommen ist. Ich habe Eltern begleitet, die ihr Kind mehrere Tage bei sich zu Hause oder im Sternenzimmer des Spitals behielten, um von ihm Abschied zu nehmen. Als sie merkten, dass der kleine Körper allmählich nicht mehr wie ihr Kind riecht, konnten sie es gehen lassen.

Wir haben jetzt vor allem von den Eltern gesprochen. Wie geht es eigentlich den Geschwistern eines verstorbenen Kindes?

Sie haben oft Schuldgefühle. Deshalb muss ein Erwachsener ihnen explizit sagen, dass sie am Tod keine Schuld tragen. Geschwister sollen die Wahrheit erfahren und wissen, wie der Bruder oder die Schwester gestorben ist.

Auch Kinder müssen trauern können.

Deshalb ist es von Bedeutung, auch sie während der Bestattungszeit eng in den Ablauf miteinzubeziehen. Es geht darum nachzuspüren, wo eine Handlung für ein Kind stimmig ist. Mag es sein totes Geschwister noch sehen, ein letztes Mal streicheln? Oder will es nach der Feuerbestattung die Asche seines Bruders in die Urne schütten? Kinder und Jugendliche haben eine natürliche Begabung, mit Tod und Trauer umzugehen. Sie müssen aber spüren: Ich darf authentisch trauern und eine Bezugsperson ist für mich da. Der bewusste Umgang in der Familie ist wichtig für den Trauerweg und das Leben danach. Dabei zu sein und Handlungen auszuführen macht einen Abschied nicht weniger schmerzhaft. Aber trauern ist gesund und deshalb auch für Geschwister so zentral.

Und was ist mit dem sozialen Umfeld des verstorbenen Kindes? Seine Freunde und Spielkamerädli? Eltern haben in dieser Situation kaum noch die Kraft, auch diese mit einzubeziehen.

Trotzdem ist die Möglichkeit, sich vom Kind oder Jugendlichen zu verabschieden, auch für die Kollegen aus dem Sportverein, aus der Nachbarschaft oder für die Schulfreundinnen wichtig. Zum Beispiel während eines offenen Nachmittags, an dem Verwandte, Bekannte und Freunde vorbeikommen können. In einem Fall besuchte ein Teil einer Klasse mit der Lehrerin das zu Hause aufgebahrte Mädchen und sang Lieder. Durch solche Trauerrituale können neben den vielen Tränen immer wieder Ruhe und Frieden einziehen.

Eine etwas nüchterne Frage: Vor Ihrem Haus steht ein heller Bestattungswagen mit der Aufschrift «Sternlicht Bestattungen». Sind Kinderbestattungswagen eigentlich speziell ausgestattet?

Nein. Genau wie die Wagen für Erwachsene muss das Auto gekühlt werden können, eine Notfallausrüstung für einen Unfall und Stauraum für Trauer- und hygienisches Versorgungsmaterial enthalten. Das Sarg-System besteht aus ein oder zwei metallenen Schiebeladen und einem Sargwagen, um den Sarg zu schieben. Für die kleinen Särge ist auf den ausfahrbaren Bahren ein Schieber montiert, den ich auf die Länge des Sarges einstellen kann. Damit es nicht so kahl aussieht, schmücke ich das Innere jeweils mit farbigen Tüchern.

Mit diesem Bestattungsauto fahren jeweils auch die Eltern mit?

In den herkömmlichen Bestattungswagen gibt es nur eine Mitfahrgelegenheit. Mein Traum ist es, neben der Schiebelade eine Reihe von Sitzen zu montieren. Denn für mich wäre es das einzig Richtige, dass die Eltern die ganze Zeit und überall dabei sein können. Leider ist solch ein speziell ausgestatteter Bestattungswagen ausgesprochen kostspielig.

Sie begleiten Eltern und Kinder in ihrer wohl verletzlichsten und traurigsten Zeit ihres Lebens. Da entsteht eine Bindung. Bleiben Sie mit den Hinterbliebenen über die Beerdigung hinaus in Kontakt?

Bevor ich mich von der Familie verabschiede ist es mir wichtig, dass sie auch weiterhin gut betreut sind. Ich schaue für weiterführenden Hilfsangebote und Ansprechpersonen wie Seelsorgerinnen, Trauerbegleiter und Trauergruppen für Eltern und Kinder in der Region. Damit die Hinterbliebenen nicht auch noch zu Alleingebliebenen werden. Ich lasse mich auf jede Familie als Fachperson, vor allem aber als Mensch sehr tief ein. Nach der Beisetzung und wenn ich sie bestmöglich begleitet weiss, nehme ich bewusst Abschied von ihr. Ich hätte keine Zeit und Kraft mehr für weitere Trauerfamilien oder für meine eigene Familie, würde ich zu allen eine länger dauernde Beziehung pflegen.

Zum Schluss: Was bedeutet für Sie der Tod?

Das ist eine grosse Frage. Ich kann nur so viel sagen: Der Tod ist für mich ein Übergang, nicht das Ende. Jeder tote Mensch hat für mich auch etwas Schönes und Anmutiges. Ich begrüsse jeden Toten, berühre ihn. Das hilft den Angehörigen, eine gewisse Natürlichkeit darin zu sehen und es nachzutun.

Als Familie trauern: Buchtipps

♦ «Die Königin und Ich» von Udo Weigelt und Cornelia Haas (Verlag Sauerländer) ist ein Bilderbuch und erzählt eine einfühlsame Geschichte zum Thema Sterbebegleitung.

♦ «Gemeinsam trauern – gemeinsam leben. Der Familientrauerkalender» von Mechthild Schroeter-Rupieper (Patmos Verlag) enthält Gestaltungsideen und kleine Rituale nach einem Todesfall in der Familie, passend zu den Jahreszeiten».

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