Menü
Kaisergeburt

Umstrittener Kaiserschnitt

Die Kaisergeburt

Der Kaiserschnitt soll natürlicher werden – und erhält einen neuen Namen. Selbst Schulmediziner wundern sich.

Der Blick auf den offenen Bauch kann traumatisierend sein.

Der Bauchschnitt ist gemacht, das Licht gedimmt. Das sterile Tuch, das zwischen den Köpfen der werdenden Eltern und dem Ort des Geschehens gespannt war, wird gesenkt. Jetzt zieht der Geburtshelfer vorsichtig das Kindsköpfchen aus dem Bauch der Mutter, tupft gleichzeitig Blut, Käseschmiere und Fruchtwasser ab, lässt sich viel Zeit. Mutter und Vater haben Blickkontakt mit ihrem Kind; es steckt von den Schultern an abwärts noch im Bauch, schreit aber schon kräftig. Nun wird das Baby ganz herausgehoben, in warme Tücher gewickelt und der Mutter sofort auf die Brust gelegt.

Kaisergeburt nennt sich die Form der Sectio, die der Gynäkologe Nick Fisk 2008 in Australien erstmals durchgeführt hat. Sie soll sanfter und natürlicher sein, weniger eine Operation und mehr ein Erlebnis. Hierzulande wurde sie vor allem bekannt durch den Dokumentarfilm «Kaiserschnitt – die Geburt der Zukunft?», den SRF vor wenigen Monaten zeigte. Wolfgang Henrich, Direktor der Geburtsmedizin an der Berliner Universitätsklinik Charité, sagt im Film über die Kaisergeburt: «Es ist wie eine echte Geburt, kein Unterschied, ausser dass das Kind anderswo rausgekommen ist.»

Grund genug, Schweizer Gynäkologen zu fragen, was sie von der Sache halten. Das Urteil fällt zum Teil vernichtend aus. Daniel Surbek, Chefarzt an der Frauenklinik des Inselspitals Bern: «Die sogenannte Kaisergeburt ist ein absoluter Blödsinn, schon der Name ist täuschend und hält die Schwangere für blöd. Ein reiner Werbegag.»

Monya Todesco, Chefärztin Geburtshilfe am Kantonsspital Aarau ist ähnlicher Ansicht: «Am meisten stört mich, dass die Kaisergeburt als ‹naturnahe Geburt› vermarktet wird. Man will den Frauen weismachen, dass sich sowohl der Trend zum natürlich Gebären als auch die Vorteile eines geplanten Eingriffs verbinden lassen. Für mich ist das reines Marketing.» Auch das auf ganzheitliche Medizin spezialisierte ParacelsusSpital in Richterswil ZH möchte nicht, dass mit der Kaisergeburt «die Illusion einer natürlichen Geburt in die Welt gesetzt wird»,wie Chefärztin Angela Kuck sagt. «Der Kaiserschnitt bleibt eine Operation.»

Doch was spricht dagegen, die Sectio für Mutter und Kind sanfter zu gestalten und ein sofortiges Bonding zu ermöglichen? «In der Tat machen wir das schon seit Jahren», antwortet Surbek vom Inselspital Bern. Auch in den Hirslanden­Kliniken und im Spital Zollikerberg kommt das Kind wenn möglich sofort nach der Geburt zur Mutter. «Nach drei bis vier Minuten wird es vom Neonatologen untersucht, um sicherzustellen, dass es ihm gut geht» erklärt Eduard Vlajkovic, Leiter der Frauenklinik Zollikerberg. Jeder Kaiserschnitt habe schliesslich einen Grund.

Im Kantonsspital Aarau werden die Kinder sogar eine ganze Minute an der Nabelschnur belassen. «Danach gibt die Hebamme das Kind direkt auf die Brust der Mutter, wo es rund zwei Stunden ununterbrochen bleibt – ausser die Frau oder das Kind be nötigen medizinische Hilfe», so Todesco. Problematisch an der Kaisergeburt sei, dass das sterile Tuch wegfalle. «Damit steigt das Risiko für Infektionen», sagt Todesco. «Auch kann der Blick auf die Wunde oder das Hantieren der Ärzte für die Eltern traumatisierend sein, da oft viel Blut fliesst und die Handgriffe für Laien vielleicht etwas grob wirken.»

Zumindest was die Bannung von Infektionen betrifft, gibt es bereits neue Möglichkeiten. Laut Karel Hlobil, Belegarzt in der Villa im Park in Rothrist sind inzwischen spezielle Abdeckungen mit einer Plastikfolie als Guckloch entwickelt worden. «Oder die Abdeckung wird so installiert, dass freie Sicht auf das Kind besteht», ergänzt Hlobil. In der Privatklinik sei die Kaisergeburt schon nachgefragt und nach Wunsch der Eltern durchgeführt worden. Obwohl es bis anhin kaum eine Nachfrage gebe, ist auch Frank Carlos Spickhoff, Leiter Geburtshilfe an der Hirslanden Klinik St. Anna in Luzern, offen dafür: «Ich sehe grundsätzlich keinen medizinischen Grund, der gegen eine Kaisergeburt spricht.»


Das könnte Sie auch noch interessieren:

Eine Geburt ist kraftvoll, überwältigend, emotional. Diese Bilder aus dem Internationalen Wettbewerb der Geburtsfotografinnen und -Fotografen 2017 zeigen dies eindrücklich.

Auch lesenswert