Menü

Psychologie

Ich kann nicht anders

Ein Junge spielt mit kleinen Autos

Erkrankt das Kind an einer Zwangsstörung, leidet auch die Familie. Wut, Verzweiflung und Erschöpfung dominieren den Alltag.

Vorsichtig setzt Kai* einen Fuss vor den anderen. Die Arme hält er dabei ausgebreitet, den Blick gesenkt. Während die anderen Kinder an ihm vorbeirennen, lachen, hüpfen, geht er den ganzen Weg zur Schule auf Zehenspitzen. Kai hat Angst vor Pilzen, sie unter seinem Schritt zu zerquetschen. Dass Juni ist, dass zu dieser Jahreszeit gar keine Pilze am Wegesrand wachsen, weiss der Elfjährige. Eigentlich. Aber es könnte ja sein. Es könnte sein, dass er irgendwo eine Wunde hat. Durch die offene Stelle könnten Bakterien eintreten. Dann würde er eine Blutvergiftung bekommen und am Ende – sterben.

Rund zwei Prozent aller Kinder hierzulande leiden unter einer Zwangsstörung, der psychischen Krankheit, bei der sich den Betroffenen immer wieder unangenehme Gedanken, Handlungsimpulse oder Handlungen aufdrängen. Kai ist einer von ihnen.

Kinder wie er haben Angst, dass einem Familienmitglied oder ihnen selbst etwas zustösst, ein Feuer ausbricht, sie sich mit Bakterien infizieren, zwanghafte Gedanken, die sie ans Haus binden, ans Badezimmer, wo sie sich immer wieder und wieder die Hände waschen, bis die Haut aufreisst, blutet. Andere können erst anfangen zu essen, wenn die Gabel exakt im rechten Winkel zur Tischkante ausgerichtet liegt oder sie ziehen sich 10, 20, 30 Mal hintereinander aus und wieder an, bis die Strümpfe exakt gleich sitzen. «Ob Wasch-, Symmetrie- oder Kontrollzwänge, eines haben diese Störungen gemeinsam: Die Handlungen bereiten den Kindern grosse Qualen, aber sie können nicht anders, als sie immer wieder auszuführen», erklärt Susanne Walitza die Paradoxie dieser Krankheit. Die Ärztliche Direktorin des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes (KJPD) des Kantons Zürich behandelt Kinder mit Zwangsstörungen. Ihre jüngsten Patienten sind etwa vier Jahre alt, früher lasse sich diese Krankheit kaum diagnostizieren, so die Expertin.

Keine Frage, Kinder brauchen Wiederholungen und Rituale, um die Welt zu verstehen, sich in ihr zurechtzufinden. Aber was lässt eine lieb gewonnene Zeremonie zum Drang werden? Den allabendlichen, beruhigenden Blick unters Bett zur Qual? Was auffällt: Betroffene Kinder haben oftmals betroffene Eltern. «Allerdings ist es nicht eindeutig zu benennen, ob das gestörte Verhalten nun von Vater oder Mutter geerbt oder gelernt wurde», gibt die Professorin für Kinder- und Jugendpsychiatrie zu bedenken. Sicher ist allerdings, dass es neben der Veranlagung noch den berühmten Tropfen braucht, der das Fass zum Überlaufen bringt. Susanne Walitza: «Umbruchsituationen wie der Eintritt in den Kindergarten oder in die Schule sind immer Risikophasen, in denen sich bestimmte Veranlagungen besonders deutlich zeigen.»

Vermeintliches Ventil Maike Hauser* steht am Fenster und schaut ihren beiden Kindern beim Spielen zu. «Lina und Kai so unbeschwert im Garten, das hätte es noch vor einem Jahr nicht gegeben», erinnert sich die 40-Jährige. «Es gab Tage, da hat sich Kai nur im Haus versteckt, so sehr hat er sich gequält.» Der Junge ist fünf, als seine Mutter zum ersten Mal bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Damals haben sich seine Eltern getrennt. Im August kommt er in den Kindergarten, im Oktober zieht der Vater aus.

«Mami, bist du auch sicher zu Hause, wenn ich gleich komme?» Seine Stimme ist fein, leise. Er ruft jeden Mittag vom Kindergarten aus an, sonst kann er nicht losgehen. Zu gross die Angst, verlassen zu werden, allein zurückzubleiben. Zu Hause lässt Kai seine Mutter nicht mehr aus den Augen, folgt ihr in die Waschküche, in den Garten, auf die Toilette. «Er musste immer kontrollieren, ob es mir gut geht, ich noch da bin», erzählt Maike Hauser und greift sich an den Hals, dort wo die Enge sass nach der Trennung, zu jener Zeit, in der sie sich selbst freischwimmen musste, neu orientieren mit zwei kleinen Kindern. «Kai hat mir keine Luft dafür gelassen.» Monatelang geht das so, bis die Kinderärztin Kai zu einer Psychologin überweist. Danach wird es besser. Erst einmal.

«Pfuh, pfuh, pfuh.»

«Kai, was machst du da?»

«Ich blase den Schmutz weg.»

Kai hockt auf dem Boden, wischt hektisch mit einem Lappen über das helle Parkett. Immer wieder und wieder. Er ist sieben, als seine Eltern die Diagnose bekommen: Kai leidet an einer Zwangserkrankung. Eine Nachricht, mit der Maike Hauser nicht viel anfangen kann. «Über ADHS hört man einiges, aber über Zwänge?» Sie liest viel, spricht mit Psychologen, erfährt, dass es Kai immer um die Angst vor Einsamkeit, Erkranken und letztendlich um den eigenen Tod geht. Sie versteht, wie sehr er unter Druck steht. Die Zwänge sind sein vermeintliches Ventil, sein Regulativ, mit dessen Hilfe der Dampf entweicht – für eine kurze Zeit Erleichterung. «Pfuh, pfuh.» Pusten, wischen.

Meist harmloser Beginn

Fragt man Susanne Walitza, erfährt man, dass vom Beginn einer Zwangsstörung bis zur ersten Sitzung beim Kinder- und Jugendpsychiater oder Kinderpsychologen durchschnittlich zwei Jahre vergehen. Sie steht in ihrem Büro in Zürich, schön gelegen in einer alten Villa, in der auch das Zentrum der Spezialambulanz für Zwänge im Kindes- und Jugendalter untergebracht ist. Nur wenige Strassen weiter hat ihre Mitarbeiterin Veronika Brezinka ihr Büro, in einer Nebenstelle des KJPD. Hier behandelt die Psychologin und Verhaltenstherapeutin Kinder wie Kai und hat dafür das therapeutische Computerspiel «Ricky und die Spinne» entwickelt. Gebannt schaut das Mädchen auf den Bildschirm, sieht wie der Grashüpfer Ricky und der Marienkäfer Lisa vor Aufregung auf- und abspringen. Die Siebenjährige lacht. «Willst du uns helfen?», fragt Ricky. Das Mädchen nickt. Die beiden Insekten brauchen eine Verbündete gegen den Zwang, symbolisiert durch eine Spinne, die ihnen immer absurdere Aufgaben stellt. Das Ziel des Spiels: Zusammen mit Ricky und Lisa sollen die kleinen Patienten lernen, sich über den Zwang lustig zu machen und sich so von ihm zu distanzieren. «Die Kinder sind erleichtert, wenn sie während des Spiels merken, dass sie nicht die einzigen mit einer solchen Problematik sind», berichtet Veronika Brezinka aus ihrer Therapiepraxis. Aber wer sein Problem versteht, kann es in seinem Alltag nicht zwangsläufig lösen. Deshalb ist das Spiel nur ein Baustein der Behandlung – neben Elementen der kognitiven Verhaltenstherapie, in denen Kinder schrittweise lernen sollen, dem Zwang nicht nachzugeben. Und bei Kindern, die sich sehr stark ängstigen, kann eine zusätzliche Medikamentengabe Sinn machen, so die Expertin.

Dabei fängt es meist harmlos an. Aus fünf Minuten Duschen werden zehn Minuten, dann eine Viertelstunde, eine halbe Stunde. Veronika Brezinka: «Irgendwann sind diese Kinder so sehr mit ihren Zwängen beschäftigt, dass sie zum Teil nicht mehr in den Kindergarten oder zur Schule gehen können.» Auch bei Kai wurde es mit den Jahren immer schlimmer.

«Mami, ich kann das nicht essen, der Teller ist dreckig.» «Mami, ich kann nicht aus dem Glas trinken, es splittert!» Immer wieder läuft Maike Hauser vom Esszimmer in die Küche, tauscht Messer, Gabeln, Gläser aus, schrubbt Teller, auf denen kein Krümel zu sehen ist. «Natürlich wusste ich, dass ich es damit nicht besser mache, den Zwang womöglich nur verstärke, aber was soll man als Mutter machen, wenn das Kind nicht isst, nichts mehr essen kann aus Angst zu ersticken?»

«Mami, ich habe so grossen Hunger, warum hilft mir keiner?» Auf Anraten der Kinderärztin versucht Maike Hauser einen Termin beim Kinder und Jugendpsychiatrischen Dienst ihres Kantons zu vereinbaren, muss Formulare ausfüllen, geduldig sein, die Nachfrage ist gross.

Kai hält das jetzt aus

Sechs Wochen Teller austauschen, halbvolle Joghurtbecher wegschmeissen, Gipfeli anbeissen, ausspucken, im Wohnzimmer sitzen, sich nicht mehr raustrauen, dorthin, wo Pilze wachsen, Spinnen und Ameisen lauern. Verzweiflung, Erschöpfung, Wut sind die Gefühle, die ihre Tage dominieren, dann wird Kai untersucht. Er bekommt Zoloft verschrieben, ein Antidepressivum, das in die Gruppe der selektiven Wiederaufnahmehemmer gehört.

«Ausserdem müssen wir Kai stationär behandeln, Frau Hauser.» «Das geht nicht, er hat so grosse Trennungsangst, das kann ich ihm nicht antun!» Die Ärztin erklärt der Mutter, dass es sein muss, dass sich Zwänge hauptsächlich zu Hause zeigen, in der vertrauten Umgebung, dass sie sein Zuhause verlagern müssen, in die Klinik, um die Zwänge auch dort behandeln zu können. Zwölf Wochen sind geplant. Verhaltenstherapie, Mal- und Bewegungstherapie, Schulunterricht. Letztendlich ist er viereinhalb Monate dort. Eltern, die so etwas durchmachen, fragen sich oft, ob sie etwas falsch gemacht haben.

«Wir können sie beruhigen, es gibt keine Studie, die belegt, dass beispielsweise eine zu rigide Erziehung zu einer Zwangsstörung führt», erklärt Susanne Walitza. Wichtig sei es aber, sein Kind zu beobachten: Bittet es voller Freude, die Gutenachtgeschichte zum fünften Mal vorzulesen oder aus einer Qual heraus? Und dann nicht lange zu zögern, Hilfe anzunehmen. Denn die gute Nachricht lautet: Je früher das Kind behandelt wird, desto besser ist die Prognose – in den meisten Fällen, die Zwänge auf ein Mass zu reduzieren, mit dem sich gut leben lässt.

Heute kann Kai wieder gut leben – im Garten spielen, freudig zur Schule laufen. Wer bei der Familie zum Essen eingeladen ist, sieht, wie schnell der schmale, blonde Junge seine Portion herunterschlingt. Der heute Zwölfjährige macht das aus Angst, der Zwang könnte zurückkommen. Manchmal tut er das noch. Aber Kai hält das aus. «Spannend wird es, wenn Kai in die Pubertät kommt, dann verändert sich ja wieder einiges. Aber das schaffen wir schon», sagt seine Mutter und zwinkert ihm zu. * Namen geändert

Hilfe für betroffene Kinder und ihre Eltern:

  • Die Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste der Kantone, wie Zürich, www.kjpd.zh.ch St. Gallen, www.kjpd-sg.ch oder Schwyz, www.kjpd-sz.ch
  • Die Sprechstunde für Kinder und Jugendliche mit Zwangsstörungen und Tic-Störungen des KJPD Zürich, Anmeldungen via Sekretariat Poliklinik ZKJP, Neumünsterallee 3, 8032 Zürich, Telefon: 043 499 26 26
  • Die Schweizerische Gesellschaft für Zwangsstörungen (SGZ), www.zwaenge.ch
  • Selbsthilfegruppen, zum Beispiel vermittelt über www.selbsthilfecenter.ch
  • Buchtipp: Michael Rufer, Susanne Fricke: «Der Zwang in meiner Nähe, Rat und Hilfe für Angehörige von zwangskranken Menschen»

Auch lesenswert