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Natur

Hurra, ein Reh!

Kinder spielen im Wald

Waldkindergärten, Bauernhof-Spielgruppen … höher stand die Natur in der Erziehung nie im Kurs. Doch wie viel braucht ein Kind davon? Und was ist «Natur» eigentlich genau?

Dies ist der rechte Zeitpunkt für ein Outing. Jawohl, ich gestehe: Ich bin ohne Natur gross geworden. Ohne Fuchs und Hase, Küngel und Kiefer. Stattdessen mit Ruhrgebiets-Beton und der Überzeugung, dass ein geschorenes Schaf so ziemlich das gleiche ist wie eine Ziege. Meine seelischen Deformationen halten sich dennoch leidlich in Grenzen. Wider Erwarten. Denn wenn es derzeit ein unwidersprochenes Credo gibt, dann das: Kinder brauchen Natur. Je mehr, desto besser.
Ohne Baum und Bach geht eine Kindheit bachab.
Gummitwist im Hof, sich heimlich in ehemalige Bunker zu schleichen, um dort «Mumie in der Pyramide des Tutanchamun » zu spielen und sich in vollem Schwung rückwärts von der Teppichstange herunter zu katapultieren, gilt offenbar weder als pädagogisch wertvoll noch förderlich.
«Und ob das zählt! Klar sind das wichtige Erfahrungen», findet erstaunlicherweise Verena Schatanek (46), Biologin und Waldpädagogin in der Zürcher Naturschule. Natur sei schliesslich eine Frage der Definition. Wenn eine Umgebung nicht bearbeitet sei, echt, wild, spannend und nicht reglementiert – warum sie dann nicht als Natur begreifen?
Aber wenn man die auch noch in Form von richtigem Wald, echten Tierspuren, Vogelstimmen und Wildschweinkot haben könne – umso besser. Waldkindergärten, Naturschulen und Bauernhof Spielgruppen spriessen neuerdings wie Pilze im Gehölz.

Bewies der amerikanische Psychologe Robert S. Ulrich schliesslich schon vor über 20 Jahren: Grüne Landschaft – und am besten Bewegung in ihr – reduziert Stresshormone, löst Verspannungen, senkt den Puls und Blutdruck, erhöht die Aufmerksamkeit und verringert Erschöpfung.

Verniedlicht und verklärt

Um kitschige Landidylle à la Marie Antoinette, die direkt neben Versailles einen Bauernhof eigens für sich bauen liess, oder um Verklärung der heimischen Scholle geht es in der Naturpädagogik niemandem. Verena Schatanek am wenigsten. Wenn sie Kindergartenlehrerinnen hört, die zu ihren Schützlingen sagen: «Nicht mit dem Stecken gegen den Baum schlagen, das tut dem Baum doch fest weh», lupft es der gestandenen Biologin die Filzmütze. «Total übertrieben! Wald ist doch nichts Heiliges, sondern normal. Eine Umgebung zum Schreien, Toben, zum stillen Staunen, Anfassen und Erforschen. Kein Museum.»
Zwischen Bambi-Verniedlichung samt Verklärung der Natur als das stets Gute, Wahre und Schöne hier und Desinteresse, meist gekoppelt mit hysterischer Angst vor Zecken und anderem Gekrabbel dort, liegt heutzutage oft nicht viel. Kein Wunder. 95 Prozent seiner Zeit verbringt der moderne Mensch hinter Glasscheiben, so eine Studie der Universität Marburg. Entsprechend schütter ist das Wissen über die Natur – den allgegenwärtigen Schlagworten von Öko, Bio und Umweltschutz zum Trotz.

Ob Innenhof oder Wald, Brache oder Buschwerk – Hauptsache raus!

70 Prozent der Zweitklässler halten Enten für gelb. 69 Prozent der Jugendlichen sind überzeugt, Bäume zu fällen sei grundsätzlich falsch. 58 Prozent finden es böse, Wild zu schiessen. Nach einer Untersuchung im Auftrag des Deutschen Jagdschutzverbandes hatte ein Drittel der Schüler zwischen 12 und 15 Jahren noch niemals einen Käfer oder Schmetterling in der Hand, und viele davon denken, es sei verboten, einen Wurm vom Boden aufzuheben.

App statt Sauerampfer

Die normale Sicht auf die Natur ist stärker bedroht als so manche Tierart der roten Liste. Woher soll sie auch kommen, die realistische Sicht aufs Grün?
Verbrachten unsere Grosseltern noch 70 Prozent ihrer Freizeit draussen, ist der Anteil heute auf 26 Prozent geschrumpft. Bauernhof-App und «Deine Tierparade» für Nintendo ersetzen Kuhfladen am Schuh, die Aufregung, ein Eichhörnchen am Stamm zu sehen, den Geschmack von Sauerampfer und Brennnesselpieken am ganzen Bein. Zehn Kinder haben am Hönggerberg in Zürich heute ihren Naturschultag. Einen Schultag, den sie, anders als zahllose andere, vermutlich nicht vergessen werden.
Oliver schon allein deshalb nicht, weil er seine Handschuhe vergessen hat und der Frost diesen Märzmorgen noch fest im Griff hat. Seinen leisen Flüchen nach wird er künftig besser hinhören, wenn die Lehrerin aufzählt, was zum Ausflug mitzunehmen ist.
Logische Konsequenz, der Quotenkönig unter den pädagogisch wertvollen Erziehungsmitteln, ergibt sich im Wald von selbst. Keine Handschuhe – an Stöcken festfrierende Finger. Trotz Ermahnung zu laut geschwatzt – Eichelhäher futsch. Unachtsam rumgetrampelt – Dachsspur plattgetreten. Pech.

Eichhörnchens Taktik

Auch Luna (11) lernt an diesem Morgen viel. Sie ist erst vor wenigen Wochen aus Äthiopien in die Schweiz gekommen. Für die Erklärungen der Biologin, wie ein Eichhörnchen in die Nuss ein Loch raspelt, um sie dann wie mit einem Flaschenöffner aufzuknacken, und die Beschreibung, was genau in diesem grauen Eulengewölle drin ist, reicht ihr Deutsch noch nicht. Trotzdem schleicht sie aufmerksam wie ein Detektiv durchs Unterholz und sammelt Schneckenhäuser. Da ist eins! Und da! Stolz zeigt sie die Fundstücke herum. Die Klassenkameraden strahlen. Was genau Luna da Begeistertes auf Amharisch sagt, versteht keiner – und trotzdem verstehen sie alle.
«Biophilie» nennen Wissenschaftler dieses alle Menschen verbindende, angeborene Interesse an der Natur, die Liebe zum Belebten. Überall auf der Welt betrachten schon Säuglinge ein lebendiges Tier deutlich länger als ein zappelndes Stofftier. Und wenn Kleinkinder sprechen lernen, egal, wo sie aufwachsen, sagen sie als erstes Mama oder Papa und gleich danach – Hund, Katze, Reh, vielleicht auch Löwe oder Robbe.

Echte Erlebnisse, echte Erfahrungen, echtes Eulengewölle.

Überhaupt, da ist sich die Forschung ungewohnt einig, braucht die menschliche Natur die Natur, um gesund zu bleiben. Fehlt sie, stellt sich das ein, was Richard Louv, amerikanischer Psychologe und Autor des Buches «Das letzte Kind im Wald», «Nature deficit disorder» nennt: verstärkte Aggression, weil Abreagieren innerhalb der Wohnung unmöglich ist; Nervosität, weil Computerbildschirme und Shoppingmalls schnell mit Reizen überfluten und Konzentrationsschwäche. Denn wo wird heute noch Geduld, Warten, mit Frustrationen umgehen – wie dem eben weggeflatterten Eichelhäher – trainiert? Die wenigen Studien, die es zu Waldkindergärten gibt, belegen eindeutig: Waldkindergärtner sind zwar unordentlicher als Regelkindergärtner, dafür aber seltener krank. Sie spielen kreativer und können sich besser konzentrieren. Längst schlagen deshalb Hirnforscher wie Professor Gerald Hüther aus Göttingen vor, so manche ADHS-Therapie durch ein paar Wochen auf einer Alp zu ersetzen.
Alp? Wald? Was aber tun, wenn man als Familie nun mal in der Stadt wohnt, die nächste Alp eine Tagesreise und der nächste Wald – ja, wo eigentlich? – liegt. Können Eltern als Erzieher abdanken, wenn ihre Kinder einen Dachsbau für ein simples Loch halten, eine Linde für eine Buche und sich die Euphorie über den Satz «Da! Frischer Rotwild-Kot!» in engen Grenzen hält? Schädigen Mamas und Papas ihre Kleinen, wenn sie für sich selber die Theater der Grossstadt schätzen und der Nähe zum Arbeitsplatz den Vorzug vor der Nähe zum nächsten Misthaufen geben?

Kinder verstecken sich im Wald

«Mir ist so langweilig.» Das hört man beim Spielen im Wald bestimmt nicht.

Abenteuer ohne Kontrolle

«Unsinn», sagt Luzia Schmid, Regisseurin der Dokumentarfilme «Kindheit im Ruhrgebiet » und «Kindheit in der Grossstadt». Monatelang hat die jetzt mitten in Köln lebende Zugerin Kinder mit der Kamera begleitet, um zu erforschen, ob Kinderglück auch jenseits von Wald und Wiese möglich ist. Ihr Fazit: «Egal, wo Kinder leben; sie erschaffen sich ihre eigene Kinderwelt und erfinden höchst zufrieden ihre Spiele.» Ob selbstgebastelte Fallschirme auf ihre Flugfähigkeit hin über einem Luftschacht getestet werden oder Weidenrindenboote auf einem Bach, ob Geschicklichkeit auf Rolltreppen falschrum hochgerannt oder auf Baumstämmen erprobt wird, sei eigentlich egal. «Wichtig ist, dass Kinder Freiheit und Abenteuer haben. Unbeaufsichtigt». Egal, ob mit Zechen oder Zecken.
«Unfug», sagt auch die Waldpädagogin Verena Schatanek zu der Angst, ein Kind verkümmere unweigerlich ohne regelmässige Ausflüge ins Unterholz.
«Aber», lächelt sie wie jemand, der gleich einen Royal Flush aufspielt: «Die beruhigende Wirkung von Tieren wird in der Tiertherapie eingesetzt. In der Ergotherapie wird Spüren und Bewegen geübt, in Kinderunis gibt es Biologievorlesungen, und manche Psychotherapie soll Achtsamkeit und Konzentration lehren … Die Natur bietet das alles. Und völlig umsonst.»

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