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Mütter im Gefängnis

Kinder hinter Gittern

Sechs Kinder leben derzeit mit ihren Müttern in der Vollzugsanstalt Hindelbank. Eine Reportage aus dem einzigen Frauengefängnis der Deutschschweiz.

Amri* ist bald zwei. Er liebt Bobby-Car-Rennen, Kuchen und wild rumtoben. Amri mag es, seine Spielsachen zu zeigen, wirbelt lachend seinen Teddy durch die Luft und kramt nach dem gelben Auto unter seinem Bett. Doch wenn der Junge nach draussen schaut, sieht er Gitter vor dem Fenster. Sein Zimmer, das er mit seiner Mama teilt, nennen sie hier Zelle. Die Haustür ist verschlossen. Immer. Amri lebt im Gefängnis, in der Justizvollzugsanstalt Hindelbank im Emmental (BE). Weil seine Mutter hier eine Straftat verbüsst.

Zwangsanstalt für Weiber

Schnurgerade führt die schmale Strasse vom Dorf aus auf den Hügel, über kahle Äcker und Felder. Krähen hüpfen über dicke Erdschollen, picken an diesem nasskalten Wintertag nach Futter. Durch den Nebel tauchen die Umrisse der Strafvollzugsanstalt auf, langgezogene Wohnbauten, ein Flachdachgebäude aus Beton und – das Schloss Hindelbank. Das behäbige Gebäude, erbaut um 1720 als herrschaftlicher Sitz des Reichsgrafen Hieronymus von Erlach, wird 1892 umgewandelt in eine «Zwangsanstalt für Weiber» und ab 1912 in eine «Arbeits- und Strafanstalt für Frauen». 1959 werden weitere Bauten erstellt, der Komplex wird zu «Anstalten Hindelbank» umbenannt. Im Schloss sind die Verwaltungsbüros untergebracht und die Gefängnisküche. 1962 wird die Mutter-Kind-Abteilung eröffnet. Die beiden Einfamilienhäuser der Mutter-Kind-Gruppe stehen mitten auf dem Areal. Auf der angrenzenden Wiese gibts Kleintierställe für Hasen und Ziegen. Ein Spielplatz mit Rutsche, Schaukel und Sitzplätzen ist hinter den Häusern angelegt. Eine fast normale Quartieridylle – wäre da nicht der hohe Metallzaun mit Stacheldraht, der deutlich macht, dass hier die Freiheit Grenzen hat.
An diesem trüben Tag im Januar 2018 sind es fünf Mütter mit sechs Kindern im Alter von fünf Monaten bis zwei Jahren, die auf der Mutter-Kind-Gruppe leben. Wird eine Frau entlassen, zieht meist ein paar Tage später die nächste ein. Die Warteliste ist lang. Die einen Mütter treten mit Kind die Haft an, andere sind schwanger. Diese Babys werden im Vollzug geboren. Bis sie drei Jahre alt sind, können die Kinder bleiben. Dann müssen sie gehen.

Alternative Kinderheim

Darf man Babys einsperren? Annette Keller, ehemals Lehrerin, Pfarrerin und seit 2011 Direktorin der Vollzugsanstalt stellt klar: «Die Kinder sind nicht in Haft. Sie können raus, wann immer möglich, in Begleitung Freunde besuchen, Ferien bei Verwandten machen. Das Kindswohl hat oberste Priorität.» Die zuständigen Behörden würden jeweils genau prüfen, ob eine Unterbringung bei der Mutter in Haft das Beste sei für ein Kind. Oft wäre jedoch eine Fremdplatzierung bei Pflegeeltern oder in einem Kinderheim die einzige Alternative. Eine Trennung von der Mutter würde wohl tiefere Wunden reissen. Amri gefällt es hier. Er weiss noch nicht, dass er im Gefängnis lebt. Dazu ist er noch zu klein. Vielleicht wird ihm seine Mutter später erzählen, wo er die ersten Jahre seiner Kindheit zugebracht hat. Vielleicht auch nicht. Der Junge kam vor einigen Monaten nach Hindelbank. Er ist hier, weil seine Mutter bei der Einreise in die Schweiz an der Grenze verhaftet wurde. Sie hatte Amri auf dem Arm und Drogen im Gepäck.

Der Alltag

Amri reibt sich den Schlaf aus den Augen. Gegen sieben Uhr morgens ist bei der Mutter-Kind-Gruppe Tagwache. Die Mütter müssen sich sputen. Um acht Uhr sollen die Kinder parat sein für den Transport zur Kita Chinderhus, mitten im Dorf. Alle Kinder gehen dorthin, auch die Babys nach dem 16-wöchigen Mutterschaftsurlaub. Viereinhalb Tage die Woche. Derweil arbeiten die Mütter in einem der gefängniseigenen Werke. Sieben Stunden täglich ist Pflicht. Amri ist angezogen. Er sitzt in der Wohnküche am grossen Tisch auf einem Tripp Trapp, die Beine baumeln in der Luft, er trinkt eine Ovi. Gemütliches Zusammensitzen am Morgen gibts die Woche über nicht. «Die Frauen sind an Arbeitstagen nicht so die Frühstückstypen», erklärt Eva Straumann, Leiterin der Wohngruppe Mutter-Kind. Einen Kaffee im Stehen, eine erste Zigarette im Terrassenbereich, viel mehr ist nicht drin. Die Kinder essen später in der Kita. Der schwarze Van, der die Kleinen ins Chinderhus bringt, fährt vor. Ein Kuss auf die Wange, ein liebevolles Wuscheln durch die Haare, und los gehts in Richtung Dorf. «Vielen Müttern fällt es anfangs schwer, dass sie ihre Kinder in fremde Hände geben und Vollzeit arbeiten müssen», sagt Jacqueline von Känel, seit neun Jahren Betreuerin auf der Mutter-Kind-Gruppe. Eine Wahl haben sie jedoch nicht. Allerdings dürfen sie sich die Kita anschauen, die Leiterinnen kennenlernen. So ist es etwas leichter. Zumal die Mütter schon nach kurzer Zeit spüren, dass ihren Kindern das Zusammensein mit den anderen Kindern guttut. Amri geht gerne ins Chinderhus. Aber nur, wenn seine Gspänli von der Strafanstalt dabei sind. Sind die anderen alle krank, so wie kürzlich, fühlt er sich nicht recht wohl. Sie sind eine verschworene Gemeinschaft, die Kinder aus der Anstalt, sie halten fest zusammen. Und Direktorin Keller sagt, dass sie auch in der Dorfbevölkerung gut akzeptiert seien. Man hat sich längst daran gewöhnt, dass Kinder von Straftäterinnen die Kita besuchen. Die externe Kinderbetreuung gehört in Hindelbank zum Konzept, das verlangt, dass die Kinder nicht völlig isoliert aufwachsen. Sie sollen das Leben ausserhalb der Gefängnismauern kennenlernen, den Alltag erleben, den Strassenverkehr beobachten, mit anderen Kindern spielen. So normal wie möglich halt.

Jasminreis und Bambus

16 Uhr ist Feierabend in den anstaltsinternen Arbeitsstätten. Es dämmert bereits, warmes Licht dringt durch die Fenster der Mutter-Kind- Häuser. Obwohl die Anstaltsküche das Essen liefert, beginnen einige der Frauen zu kochen. Für sie, die oft aus weit entfernten Ländern stammen, sind die währschaften Schweizer Gerichte wie Hörnli mit Käse und Apfelmus oder Kartoffelstock mit Hackbraten gewöhnungsbedürftig. Wie sie sich und ihre Kinder ernähren wollen, liegt in der Kompetenz der Mütter. Die Betreuerinnen mischen sich nicht ein. «Die Erziehung und die Kinderbetreuung ausserhalb der Arbeitszeiten ist weitgehend Sache der Frauen», sagt Eveline Räber, Sozialarbeiterin auf der Mutter-Kind-Gruppe. Muttersein im Gefängnis ist sowieso schon verbunden mit vielen Einschränkungen. «Daher ist es wichtig, dass die Frauen so viel Autonomie wie möglich über ihre Kinder behalten können», so Eveline Räber. Zumal die Frauen das Gefängnis wieder verlassen werden und dann auch selber klar kommen müssen. Heute holt Eva Straumann die Kinder vom Chinderhus ab. Als sie mit dem Van vorfährt, hüpfen sie bereits vor dem Fenster rum, lachen, rufen «Mama, Mama». Auch Amri. Er weiss, jetzt gehts nach Hause. In der Wohngruppe warten die Mütter, ziehen Jacken aus, knuddeln weiche Kinderkörper. Amri setzt sich auf den Bobby Car und dreht wilde Runden um den Tisch. Es duftet nach Jasminreis und gebratenem Bambus, Gerüche aus der Heimat.
107 Frauen sitzen derzeit in der einzigen Justizvollzugsanstalt für Frauen in der Deutschschweiz eine Strafe ab. 47 Prozent davon sind Schweizerinnen, 53 Prozent Ausländerinnen. 30 Frauen sind wegen eines Tötungsdelikts in Haft, 31 wegen Verstosses gegen das Betäubungsmittelgesetz, 20 wegen Betrugs, Diebstahls und Hehlerei. Die Strafmasse reichen von drei Monaten über zehn Jahre bis lebenslänglich.
Und: Etwa zwei Drittel aller Frauen haben draussen Kinder. «Das schlechte Gewissen und die Scham ihren Kindern und Familien gegenüber sind ihre ständigen Begleiter», sagt Betreuerin Jacqueline von Känel. Das ist belastend, die Trauer drückend. Nach Telefonaten mit der Familie sind die Frauen oft sehr deprimiert. Zumal viele der Kinder draussen in Armut leben und es ihnen nicht gut geht. Oft ist die Beziehung zu dem Kind, das sie im Gefängnis bei sich haben, ambivalent, überschattet von den inneren Konflikten.
Weil draussen Kinder warten, während dieses hier alles bekommt, Kleider, Essen, Liebe. Aus Scham würde so manche ausländische Frau ihrer Familie erst gar nicht sagen, dass sie hier im Gefängnis ist. «Sie geben vor, in der Schweiz zu arbeiten, schicken etwas Geld nach Hause, um ihre Würde aufrecht zu erhalten», so von Känel. Und diese Lüge bedingt, dass sie den Schmerz aushalten müssen, wenn die Kinder am Telefon weinen: «Mama, wann kommst du endlich nach Hause?»

Schwarze Tage

Psychischer Stress, Kummer, Ausweglosigkeit, Zukunftsängste, kriminelle Biografien: Ist es zumutbar, dass Kinder in einem solchen Umfeld leben? Kommt es nicht auch mal zu gefährlichen Situationen? «Wir haben klare Verhaltensregeln. Gewalt wird in keiner Form toleriert und hat umgehend Konsequenzen», sagt Direktorin Annette Keller. Doch derartige Vorfälle seien äusserst selten. Bisher sei es auf der Mutter-Kind-Gruppe einmal zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen zwei Frauen gekommen, die eine umgehende Fremdplatzierung zweier Babys zur Folge hatte. «Das war einer der schwärzesten Tage in Hindelbank», sagt Annette Keller.

Ungewisse Zukunft

Hat eine Insassin ihre Haftstrafe abgesessen, ist das nicht zwingend ein Tag der Freude. Mehr als 90 Prozent aller Frauen aus dem Ausland werden direkt ausgeschafft. So manch eine wird in eine ungewisse Zukunft oder zurück in die Armut entlassen. Auch Amri und seine Mutter. Doch bevor es so weit ist, steht dem kleinen Buben vermutlich noch eine weit schwerere Zeit bevor. Amri wird in einem Jahr drei Jahre alt. Dann wird er die Anstalt verlassen müssen. Seine Mama muss noch bleiben.
«Es ist nicht so, dass der Geburtstag der Stichtag wäre, doch viel mehr als eine dreimonatige Verlängerungsfrist können wir nicht gewähren», sagt Annette Keller. Weil Kinder in diesem Alter beginnen, ihre Umgebung zu realisieren. «Man muss die Kinder schützen. Es geht nicht, dass sie im Kindergarten ihr Zuhause mit Gittern vor den Fenstern zeichnen», so Keller. Manche Frauen schicken ihr Kind in ihr Heimatland zurück, wenn dort eine Familie ist, die es aufnehmen kann. Bei Amri gibts niemanden. Er wird wahrscheinlich in einer Pflegefamilie platziert werden. Der einzige Trost für die Mutter ist, dass sie ihren kleinen Jungen zumindest im Rahmen der Besuchstage regelmässig sehen kann. «Wir versuchen, solche Trennungen zu verhindern, die meisten Kinder können mit ihren Müttern entlassen werden. Doch leider ist das nicht immer möglich», so Annette Keller. Eine Fremdplatzierung kann zur Tragödie werden. Eva Straumann: «Schlimm für die Mütter ist, wenn die Kinder sich zu entfremden beginnen, wenn sie schweizerdeutsch sprechen, eine Kommunikation mit der Mutter schwierig wird.» Und wenn sie sich bei der Pflegefamilie wohlzufühlen beginnen, die ja doch nur eine Familie auf Zeit sein wird.
Mittlerweile ist es acht Uhr abends geworden. Amri liegt mit seinem Schnuller eingekuschelt im Bett. Zufrieden schlummert er ein. Noch weiss er nichts von seiner Zukunft.
Er ist noch zu klein.

*Name geändert

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