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Interview Herbert Renz-Polster

Wie Kinder nicht zu kleinen Trumps werden

Deutschlands bekanntester Kinderarzt, Herbert Renz-Polster, erklärt im Interview die These seines neuen Buches, der weltweite Rechtsruck habe mit Kindererziehung zu tun.

wir eltern: Herr Renz-Polster, Ihre Antwort auf den Rechtspopulismus lautet: Kindheit wagen! Was hat Kindheit mit Donald Trump zu tun?

Herbert Renz-Polster: Die Kindheit lässt sich grob in drei Fragen zusammenfassen: Bin ich sicher? Bin ich anerkannt? Gehöre ich dazu? Aus den Antworten auf diese Fragen bildet das Kind das, was ich «innere Heimat» nenne. Die rechtspopulistische Agenda adressiert genau diese Fragen und beantwortet sie mit einem äusseren Angebot: Sicherheit wird mit Ordnung, Grenzen und Mauern vermittelt. Zugehörigkeit und Anerkennung erfährt man durch Überlegenheit und Hierarchien: die dort draussen, ich da drinnen. Der Rechtspopulismus hält sozusagen ein äusseres Pflaster bereit für ein eigentlich inneres Vakuum.

Also wurden Trumps Wähler autoritär erzogen?

Gegenfrage: Wie verletzt muss ein Mensch sein, wenn er seine Hoffnung auf eine Person richtet, die allem widerspricht, was wir als zivilisiert bezeichnen? Wo kommen diese Verletzungen her? Alles spricht für die Kindheit. Denn in dieser ersten Abhängigkeit erfahren wir, ob es unter Menschen um Macht und Überlegenheit geht oder aber um Vertrauen und Zusammenarbeit. Wenn ich innerlich sicher bin, wenn ich mich anerkannt fühle, dann muss ich nicht Anerkennung finden, indem ich andere abwerte oder mich einer angeblich überlegenen Gruppe zurechne.

Ist diese Beobachtung empirisch belegt?

Trump wurde gewählt für ein ausgrenzendes, entwürdigendes Programm: Ich bin besser. Die anderen grenze ich aus. Für mich ist das kein Zufall. Die Bundesstaaten, die in der Umfrage «Ist es o.k., Kinder zu schlagen?» am meisten mit «Ja» antworteten, gingen alle an Trump.

Was müssen wir also tun, um keine kleinen Trumps heranzuziehen?

Der beste Schutz ist für mich eine entwicklungsgerechte Erziehung. Sie vermittelt: Ich passe auf dich auf. Du wirst hier nicht entwürdigt. Du hast eine Stimme und darfst die Welt entdecken. Kinder suchen diese Signale auf Schritt und Tritt, ob beim Schlafen, beim Essen oder beim Leben in der Kita.

Tun wir das nicht bereits?

Na ja. Noch heute werden zum Beispiel Schlaftrainings propagiert, die nicht der kindlichen Entwicklung entsprechen. Kinder werden da toxischem, emotionalem Stress ausgesetzt. Und kommen in schwere Not. Das Signal «Ich bin bei dir» fehlt.

Die Zeiten der deutschen Ärztin Johanna Haarer, die nationalsozialistische Erziehungsratgeber geschrieben hat, sind ja glücklicherweise vorbei und Schlaftrainings werden immer seltener, oder?

Ja, heute nehmen 37 Prozent der Eltern ihre Säuglinge ins Bett, vor 15 Jahren waren es nur 14 Prozent. Und Schlaftrainings sind von 27 Prozent auf 9 Prozent gesunken. Eindeutig, die Eltern sind lockerer geworden, lassen mehr Nähe und Beziehungen zu ihren Kleinen zu. In Einrichtungen wie Kitas hingegen sind Kinder nach meiner Einschätzung mehr Stress ausgesetzt.

Inwiefern?

Weil heute viel mehr Kinder für viel längere Zeiten in solche Einrichtungen gehen. Und bei Weitem nicht alle von ihnen sind entwicklungsgerecht. Für den Bindungspionier Bowlby ist «Freude», also vor Freude leuchtende Augen, ein Kernmerkmal der Bindung. Das Kind fühlt sich beheimatet, wenn es weiss, hier sind verlässliche, freudvolle Menschen, die gut auf mich aufpassen und mich spielen lassen. Aber es gibt Krippen, die sind weder freudvoll noch anerkennend noch ermutigend, ich finde, wir dürfen da schon ehrlich sein.

Frauen zurück an den Herd also?

Gegenfrage: Frauen zurück an den Arbeitsplatz? 99 Prozent der Menschheitsgeschichte waren wir Jäger und Sammler. Die Frau hat die Kinder versorgt und war gleichzeitig für die Ressourcen verantwortlich. Nein, Frauen müssen nirgendwohin zurück. Heute darf das jede für sich entscheiden.

Sie plädieren klar für Betreuung zu Hause?

Auch das nicht. Ich bin nicht gegen Krippen. Sonst wären wir ja aufgeschmissen. Betreuung durch andere war immer ein Plus. Aber immer unter den Bedingungen, die das Kind stellt. Und jede Untersuchung der Kitas zeigt: Wir haben da noch einen weiten Weg vor uns.

Braucht es eine Kinderpartei? Die sich für leuchtende Augen in der Kindheit einsetzt?

Da bin ich skeptisch. Massgeblich ist doch unsere Haltung gegenüber Kindern. Und eine fragwürdige Haltung können wir nicht politisch wegschaffen, sondern nur wegerziehen. In dem wir unsere Kinder anders behandeln. Und sie dann wiederum beziehungsstärker und vertrauensvoller werden.

Dieses Wegerziehen ist aber alles andere als einfach. Die meisten von uns wurden anders erzogen ...

... und sind doch entwicklungsbereit. Ich zum Beispiel war ursprünglich eigentlich derjenige, der nicht wollte, dass unser erstes Kind bei uns schläft. Ich konnte mir das einfach nicht vorstellen. Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass es mit dem Familienbett für uns viel besser funktioniert. Alte Erziehungsmuster kann man durch gute Erfahrungen überschreiben.

Woher kommt die Angst davor, Kinder zu verwöhnen?

Viele meinen, Kinder werden nur selbstständig, wenn man sie schiebt oder lockt. Dass Bindung auf der einen Waagschale liege und Autonomie auf der anderen. Es ist deshalb sehr befreiend zu verstehen, dass das keine Widersprüche sind. Das eine ist die Eintrittskarte für das andere. Wie zwei Magnete – wenn beide gut aufgeladen sind, läuft der Motor. Jede Beobachtung in jedem Alter des Kindes zeigt, dass Kinder, die sich wohlfühlen, mutig werden. Bindung macht frei.

Kann es zu viel Nähe geben?

Solange das Nähesignal vom Kind kommt, nein. Menschen brauchen viel mehr Bindung als andere Säugetiere, weil sie unglaublich unreif geboren werden und extrem schutz- und versorgungsabhängig sind. Gleichzeitig müssen wir viel mehr Autonomie als jede Art entwickeln. Denn anders als bei Tieren müssen Menschen ihre Kinder auf ein Leben vorbereiten, das sie nicht kennen. Menschliche Zukunft war immer unvorhersehbar.

Können Eltern, die selber Bindungsprobleme haben, ihren Kindern Bindung vermitteln?

Aber natürlich! Die Suche nach Bindung hört nie auf, der Motor läuft ein Leben lang. Wir Erwachsenen suchen ja auch Nähe, Schutz und Zugehörigkeit in Beziehungen und gleichzeitig Autonomie und Anerkennung. Wir brauchen beides. Und in jeder Beziehung, die wir eingehen, kommen neue Erfahrungen hinzu, ob in einer Ehe oder während wir mit Kindern leben. Und mit jedem Gelingen überschreiben wir ein Stück weit unsere Bindungserfahrung. Es ist ein lebenslanges Lernen. Und Menschsein.

In Ihrem neusten Buch ist oft die Rede von der sicheren Kindheit. Wie können Eltern diese gestalten?

Indem sie dafür sorgen, dass rund um die existenziellen Verhaltensweisen – also Schlaf, Essen, Sauberwerden, Spielen – kein Beziehungsstress entsteht. Ein Kind schöpft Sicherheit, wenn es weiss: Wir können hier essen und es gibt keinen Stress. Ich kann schlafen und bekomme die Begleitung, die ich suche, ohne in Not zu geraten. Wenn die Stimmung zu Hause sinkt, wenn Eltern merken, wir haben keine leuchtenden Augen mehr, ist es Zeit, sich zu hinterfragen.

Was ist das Ziel der Kindheit?

Ich würde sagen: Das auszubilden, was es für das Neuland braucht, das Menschenkinder nun einmal zu besiedeln haben. Also Selbstbewusstsein, Rückgrat, die Fähigkeit gut für sich selbst, aber auch für die anderen zu sorgen. Unsere Kinder gehen ja auf eine Zukunft zu, die die besten Eltern nicht kennen können, sie werden sich neu erfinden, sie werden neue Dinge machen, neue Beziehungen und Familienmodelle eingehen. Dazu braucht es mehr als Folgen und Nachmachen, dafür braucht es echten Eigensinn!

Ein Autoritätsproblem ist für Sie demnach keins?

Was ist ein Autoritätsproblem?

Wenn man nicht gerne folgt und ausführt.

Das ist eine Riesenressource und wenn ich die Welt betrachte das Einzige, was unsere Gemeinschaft retten kann. Vor allem in unserem Erziehungssystem, das Kinder darauf polt, Fragen zu beantworten, die sie nicht selber gestellt hätten. Da wünsche ich mir ganz viele Kinder mit einem echten Autoritätsproblem.

Und ich sehe schon die ersten Facebook-Kommentare, die künftige Probleme solcher Kinder in der Berufswelt prophezeien.

Wir wissen nicht, wie die Berufswelt und die Welt von morgen ausschaut. Kindheit ist ein unschätzbar wertvoller Teil des Lebens und nicht die Aufwärmstrecke für den späteren Beruf. Anstatt uns um den späteren Beruf zu sorgen, sollten wir öfter nach leuchtenden Augen bei unserem Kind Ausschau halten. Wenn es die hat, wird es seinen Weg schon gehen.

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