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Geschwister auf einer Bank

Monatsgespräch / Heinzpeter Znoj

«Heirat unter Cousins ist erlaubt»

Geschwister untereinander heiraten nie. Nirgends. Heinzpeter Znoj, Professor für Sozialanthropologie an der Universität Bern, erforscht Verwandtschaftsbeziehungen rund um den Globus und erklärt, warum das Inzesttabu ein Erfolgsmodell ist.

Kinder, die zusammen aufwachsen, entwickeln eine Aversion gegen sexuelle Beziehungen untereinander.

wir eltern: Herr Znoj, was genau verstehen Sie unter Inzest??

Professor Heinzpeter Znoj: Wenn nahe Verwandte – Eltern und Kinder, oder Geschwister untereinander – sexuelle Beziehungen haben. Gesetzlich kommt hier das Inzestverbot zum Zuge: Auch im Erwachsenenalter dürfen Eltern und Kinder oder Geschwister keinen Sexualverkehr haben und nicht heiraten.

Betrifft das Heiratsverbot auch weitere Verwandtschaftsgrade, etwa Cousinen und Cousins?

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde das Inzestverbot in der Schweiz in katholischen Regionen rigoros ausgelegt. Cousinen und Cousins, selbst im zweiten oder dritten Grad, durften nicht heiraten. Mittlerweile ist die Heirat zwischen Cousins und Cousinen erlaubt. Allerdings kommt das selten vor und gilt im öffentlichen Empfinden noch immer als leicht inzestuös.

Sie haben als Ethnologe weltweit die Verwandtschaftsbeziehungen indigener Völker erforscht. Wie wird anderswo geliebt und geheiratet?

Viele Gesellschaften unterscheiden zwischen Parallelcousins und -cousinen und Kreuzcousins und -cousinen. Das ist nicht ganz einfach zu erklären, weil wir diesen Unterschied nicht kennen, gehört aber zu den Grundkonzepten der Verwandtschaftsethnologie. Parallelcousins und -cousinen sind die Kinder von zwei Brüdern oder von zwei Schwestern. Diese gelten in zahlreichen Kulturen als direkte Geschwister und werden auch als Bruder und Schwester angeredet. Solche Stämme empfinden eine Heirat zwischen Parallelcousins als Blutschande und verbieten sie.

Bei Kreuzcousins und -cousinen verhält es sich anders?

Kreuzcousins und -cousinen sind oft bevorzugte Heiratspartner. Denn sie gehören im Gegensatz zu Parallelcousins beziehungsweise -cousinen nicht zur selben väterlichen oder mütterlichen Abstammungslinie. Das heisst, ein junger Mann kann die Tochter seiner Vaterschwester oder jene seines Mutterbruders problemlos heiraten. Die Eltern des jungen Paares haben sogar grosse Freude an einer solchen Verbindung – es sind erwünschte Heiratsallianzen. Wo also genau die Grenze zu Inzest gezogen wird, unterscheidet sich je nach Verwandtschaftssystem.

Wie kam das Inzestverbot bei uns zustande?

Das Inzestverbot ist universell, das heisst, alle Gesellschaften rund um den Globus kennen es! In unserem Kulturkreis wurde das Inzestverbot lange vor allem von der Kirche durchgesetzt. Nach der französischen Revolution aber hob Napoleon das Heiratsverbot zwischen erwachsenen Geschwistern auf. Das hatte mit der Aufklärung zu tun, die kirchliche Verbote nicht in die Gesetzgebung aufnehmen wollte. Deshalb gibt es heute eine ganze Reihe von Ländern in Europa, die das Inzestverbot zwischen Geschwistern nicht mehr kennen beispielsweise Frankreich, Portugal, Spanien, die Niederlande. Trotzdem gelten Geschwisterheiraten auch in diesen Ländern als striktes gesellschaftliches Tabu.

Vor wenigen Jahren wollte ein Bundesrichter das Verbot der Geschwisterliebe auch in der Schweiz aufheben...

Unbesehen, welche Gepflogenheiten andere europäische Staaten kennen – ich persönlich halte das Aufheben des Verbots der Geschwisterehe für äusserst problematisch. Könnten erwachsene Geschwister heiraten, wäre das für die Kinder aus einer solchen Ehe sehr traumatisch. Bei derartigen politischen Vorstössen fehlt eine tiefere Kenntnis über die Funktion eines Inzestverbots und der Respekt vor einem sinnvollen und archaischen Gesetz, das als Tabu auch dort wirksam bleibt, wo es kein gesetzliches Verbot gibt.

Archaisch? Kannten schon frühere Gesellschaften ein Inzestverbot?

Für Ethnografen des 19. Jahrhunderts war es eine erstaunliche Entdeckung, dass auch die «Wilden» Inzest keineswegs billigten. Man war davon ausgegangen, dass Menschen, die nahe am Naturzustand lebten, ihre Sexualität triebhaft und gesetzlos ausleben würden. Die zivilisierte Gesellschaft reklamierte das Zurückschrecken vor Inzest für sich. Umso überraschter war man, dass Naturvölker bezüglich Sexualität ganz klare Regelungen kannten. Wer das Inzestverbot übertrat, wurde verstossen oder getötet.

Dann ist das Inzestverbot relativ alt?

Einer der bekanntesten Ethnologen, Claude Lévi-Strauss, folgerte aus den Entdeckungen, dass es das Inzestverbot tatsächlich schon sehr lange gab. Und er war überzeugt, dass die menschliche Kultur überhaupt erst mit dem Inzestverbot begann.

Weshalb?

Weil ein Inzestverbot gleichzeitig ein Exogamie-Gebot bedeutet. Das ist die Vorschrift, ausserhalb und nicht innerhalb der eigenen Abstammungsgruppe zu heiraten. Mit diesem Exogamie-Gebot zwingen sich die Abstammungsgruppen, untereinander Heiratspartner auszutauschen und dafür langfristige Allianzen einzugehen. Dies erlaubte schon Jägern und Sammlern, einigermassen berechenbare Beziehungen aufzubauen, kriegerische Zustände einzudämmen, aber auch kulturellen Austausch zu betreiben. Als der Mensch vor rund 40 000 Jahren von Afrika nach Europa und Asien einwanderte, brachte er jenes innovative Modell der Exogamie mit. Frühe Gesellschaften hatten damit einen enormen Überlebensvorteil. Die Neandertaler kannten das Inzestverbot vermutlich nicht – eine Inzesthemmung hingegen schon.

«Inzestverbot» und «Inzesthemmung» sind nicht dasselbe?

Nein. Es ist wichtig, diese beiden Konzepte zu unterscheiden. Die Funktion des Inzestverbots ist eine politische und kulturelle. Es erzwingt die Exogamie und den Austausch zwischen Abstammungsgruppen. Gegen innen erzeugt es klare soziale Rollen: Ehegatten, Mutter, Vater, Kinder, Onkel, Tanten, Grosseltern – diese Rollen würden ohne das Inzestverbot aufgeweicht und vermischt. In allen Gesellschaften weltweit gibt es genau eine intime Beziehung zwischen Mitgliedern der Kernfamilie: jene der Eltern.

Und was genau besagt die Inzesthemmung?

Diese ist ein uralter psychobiologischer Mechanismus, um den biologischen Nachteil fortgesetzter Inzucht zu verhindern. Schon der Homo erectus und die Neandertaler mussten die Inzesthemmung gekannt haben, genau wie die Menschenaffen und alle in Sozialverbänden lebenden Tiere Mechanismen der Inzesthemmung kennen. Bei Wildpferden etwa werden junge Hengste aus der Herde vertrieben, bevor sie geschlechtsreif sind, damit sie sich nicht mit Müttern und Schwestern paaren können. Ähnliches geschieht bei vielen anderen Säugetierarten. Die Beobachtungen gehen aber noch viel weiter: Bienen paaren sich nicht innerhalb des Bienenstocks, weil sonst die frisch geschlüpfte Königin von ihren Brüdern, den Drohnen, begattet würde. Die Königin fliegt aus und lässt sich an einem weit entfernten Begattungsplatz von fremden Drohnen im Flug befruchten.

Der Widerwille, mit einem nahen Verwandten intim zu werden, ist also sozusagen genetisch verankert?

Vor bald 100 Jahren stellte der Sozialanthropologe Edward Westermarck in seinen Forschungen fest, dass Kinder, die im Kleinkindalter miteinander aufwachsen – egal ob leibliche Geschwister, Adoptiv- oder Stiefgeschwister – eine Aversion entwickeln, untereinander sexuelle Beziehungen einzugehen. Studien aus israelischen Kibbuzim bestätigten diese Beobachtung. Dort wachsen Kinder zusammen in grossen Gruppen auf. Diese finden einander im Jugend- und Erwachsenenalter als sexuelle Partner nicht attraktiv. In der Psychologie spricht man von der primären Prägung und Vertrautheit. Diese schliesst sexuelle Interaktionen zwischen Geschwistern oder Eltern und Kindern weitgehend aus.

Bienenköniginnen lassen sich nicht von ihren Brüdern, den Drohnen, begatten.

Gilt das auch für Kinder in Patchworkfamilien?

Wenn nicht verwandte Kinder von klein auf gemeinsam aufwachsen, greift die natürliche Inzesthemmung. Ziehen Kinder aber erst im Schulalter oder in der Pubertät zusammen, wirkt diese schwach oder gar nicht. Sie können sich ineinander verlieben. Sind die Kinder aus dem Schutzalter heraus und wurden sie nicht vom neuen Partner adoptiert, ist eine sexuelle Beziehung untereinander rechtlich zwar möglich, doch auch hier gilt: Das Umfeld wird sehr irritiert reagieren.

Was ist mit Geschwistern, die im Kleinkindalter getrennt wurden und sich später kennenlernen und ineinander verlieben?

Relevant ist die Prägung in einem frühen Zeitfenster – aber nicht schon bei der Geburt. Bei Kindern, die im Alter von wenigen Monaten getrennt wurden, wirkt die Inzesthemmung nicht.

Inzest wird heute vor allem mit dem Argument verboten, dass Inzucht Erbschäden verursache.

Dass heute das Inzestverbot mit genetischen Argumenten begründet wird, ist interessant – entspricht aber nicht seinem historischen Ursprung, der politisch und kulturell ist. Inzucht über viele Generationen schmälert die genetische Vielfalt rasch und untergräbt damit die Anpassungsfähigkeit an Umweltveränderungen. Das führt über kurz oder lang zum Aussterben solcher Linien. Tierzüchter wussten vermutlich schon vor Tausenden von Jahren, dass es mit Inzucht nicht gut kommt. Dank den Erkenntnissen der Genetik und der Evolutionsbiologie weiss man heute, weshalb.

Es gibt Gesellschaften, die relativ streng unter sich heiraten, orthodoxe Juden etwa.

Juden in Williamsburg in Brooklyn zum Beispiel schauen sehr genau darauf, dass sie dabei keine inzestuösen Verbindungen eingehen. Die Tatsache, dass die meisten Ehen unter ihnen arrangiert werden, erlaubt es ihnen, Ehen unter nahen Verwandten zu verhindern.

Historisch sind dennoch Beispiele von Ehen zwischen Geschwistern zu finden – Kleopatra beispielsweise…

… Kleopatra heiratete ihren jüngeren Bruder. Im alten Ägypten gab es ab und zu Geschwisterehen. Allerdings beschränkten sich diese auf die Mitglieder von Herrscherfamilien, die so ihre Macht erhalten konnten. Diese stellten sich als Gottkönige über die menschlichen Gesetze und mussten keine Abstrafung durch die Götter befürchten.

Auch in der Mythologie gibt es zahlreiche Inzestverbindungen unter Göttern.

Diese sind gewissermassen als Gegenentwurf zum Menschen zu verstehen. Handelt aber in der griechischen Mythologie kein Gott, sondern ein Mensch inzestuös – Ödipus zum Beispiel – folgen Strafe und Unglück.

In einer Kernfamilie gibt es genau eine intime Beziehung: jene der Eltern.


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