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Wohnen

Hallo, Nachbarn

Besser schön freundlich die Leute von nebenan grüssen. Denn kaum hat man Kinder, wird sie so richtig wichtig – die Nachbarschaft.

Frau Przywitt ass getrocknete Wacholderbeeren. Frau Przywitt spielte Mandoline. Sie sprach einen sonderbar singenden Dialekt aus Schlesien, kochte schlesisch und eigentlich war sie ständig zu Hause, ausser wenn sie zum Coiffeur musste und sich akkurate Wellen in strahlendem Gelb legen liess. Frau Przywitt war unsere Nachbarin und ihre Art zu leben eine exotisch fremde Welt, Wand an Wand mit meiner eigenen vertrauten Kinderwelt. Die Fernreise nach nebenan. Jederzeit anzutreten. Denn sie freute sich immer, wenn ich klingelte.

Das alles ist lange her. Heute habe ich selbst eine Tochter. Ihre beste Freundin: Lucy, das Nachbarsmädchen. Denn während Nachbarn, solange man keine Kinder hat, einfach diese Leute sind, die in der gleichen Ecke wohnen, ihre Socken in derselben Waschküche aufhängen und die man halt grüsst, wenn man sie trifft, ist für Familien alles anders. Dann werden aus Nachbarn: Helferinnen in der Not, Schwatz-Gelegenheiten, Ratgeber* innen, Hamster-Fütterer und begehrte Gspänli für die Kinder. Manchmal auch Streithähne und Nervensägen. Immer aber sind sie – wichtig.

Und das, obwohl das Wort «Nachbarschaft» begonnen hatte, einen miefigen Geruch zu verströmen. Einen von «Sie haben schon wieder vergessen, das Laub zu fegen!», von «bitte das Altpapier ordentlich gebündelt an die Strasse stellen» und «Kind, was sollen die Nachbarn denken». Cool geht anders. Nachbarschaft, das schien ein Konzept von gestern zu sein. Schliesslich ist der moderne Mensch mobil, global vernetzt, nur einen Klick entfernt von Hunderten von Facebookfreund* innen, Information und Plauderei – alles jederzeit frei Haus per Smartphone. Pffft, Nachbarn. Braucht die jemand? Und ob die jemand braucht. Wie sehr, das rückt erst jetzt so richtig ins Blickfeld.

Revival des Wir-Gefühls

«Die Nachbarschaft erlebt gerade ein Revival», sagt Sebastian Kurtenbach (35), Professor für Sozialpolitik an der Fachhochschule Münster und selbst nicht ganz unschuldig an eben diesem Revival im Wissenschaftsbetrieb. Seine Studien, für die er sich für mehrere Monate in die Hochhäuser des Problemviertels Köln-Chorweiler einmietete, um etwas herauszufinden über die Zusammenhänge von Quartier und Hilfsbereitschaft, Umfeld und Integration und darüber, ob abgeranztes Drumherum sich auf die Menschen und deren Verhalten negativ auswirkt, schlugen nämlich Wellen, die bis in die Medien schwappten.

Vielleicht lagen die Forschungen zu «nachgeburn», den nahen Bauern – daher stammt nämlich das Wort – aber auch nur im Zeitgeist. Fielen doch in höchst unterschiedlichen Kontexten die Nachbarn als entscheidende Grösse auf. So erforschte die Uni Bonn beispielsweise, dass individuelles Wohlbefinden bei 80 Prozent der Menschen von einem «Wir-Gefühl» abhängt. Bedeutsam dafür: die Nachbarn.

Kinder haben lieber Gschpänli in der Nähe als Bäume und Büsche

Auch im Dienste ökologischerer Lebensführung finden es zunehmend mehr Leute widersinnig, für einen Schwatz mit Bekannten erst 20 Kilometer im Auto juckeln zu müssen, einen Rasen-Vertikutierer ganz für sich allein zu besitzen, zu klein gewordene Kinderskianzüge wegzuschmeissen oder per App jemanden anreisen zu lassen und zu bezahlen, der dem Goldfisch während der Ferien Mückenlarven ins Aquarium krümelt, statt – einfach nebenan zu klopfen. «Share economy» heisst hier das angesagte Zauberwort.

Früher schlicht «Nachbarschaftshilfe» genannt und während Corona plötzlich wieder gefragt. Auch die viel diskutierte Integration von Migrant* innen gelingt am besten von Tür zu Tür. Und am unkompliziertesten durch: Kinder. Wer zusammen spielt, lernt schneller als in jedem Sprachkurs, was «Willst du auch eine Glace?», «Goal!», «Komm, mach mit» oder «Verzieh dich, du Pfeife» in der Landessprache heisst. Mit klar positiven Folgen für den Schulerfolg, wie Bildungsforscher der Universität Genf nachweisen konnten.

Erwachsenenfreies Reservat

«Nachbarn sind neben Familie und Freunden die dritte informelle Sozialisationsinstanz», sagt Sebastian Kurtenbach. «Durch sie erfahren Kinder erstmals Werte der Gesellschaft ausserhalb der Kernfamilie, haben Kontakt mit dem ‹Anderen› und lernen, was ‹man› so tut.» Ausserdem, so Kurtenbach, bewegten sich Familien mit jungen Kindern – anders als etwa Manager* innen, die nur zum Schlafen nach Hause kämen – gewöhnlich in einem sehr kleinen Radius um ihr Zuhause. Stillen, Wickeln, Mittagsschläfchen, Spielgruppe, MukiVaki-Turnen, Spaziergang inklusive Häsligucken – alles in der Nähe. Kein Wunder, dass die Nachbar* innen für die Kinder, und die Kinder für die Nachbar* innen enorm wichtig sind.

Unsere Nachbarn und wir

Nachbarschaft

Unsere Nachbarn und wir - drei Familien erzählen.

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Ja, das ist schön für das Quartier, dass die Kinder so viel zu Nachbarschaftskontakten beitragen. Aber haben die Kinder selbst eigentlich auch etwas davon? Schliesslich gehen sie doch in die Kita, in die Schule, in den Fussballclub, zu Flöte, Geige oder Cello und ausserdem kratzen sie jeden Dienstag zusammen mit anderen kichernden Mädchen auf dem Pferdehof den Tieren begeistert den Dreck aus den Hufen. Für gleichaltrige Gesellschaft ist also gesorgt.

Was braucht es da Nachbarschaft? «Weil das Draussen-Spielen mit den Nachbarskindern das einzige erwachsenenfreie Reservat ist», sagt Marco Hüttenmoser (80), Erziehungswissenschaftler, Autor und Gründer der Zürcher Dokumentationsstelle «Kind und Umwelt». «Überall, wo Kinder heutzutage auf andere Kinder treffen, sind auch Erwachsene dabei, die irgendwie regelnd eingreifen.» Die Erzieherin, die herbeischwebt wie ein Friedensengel, sobald zwei Kinder an einer einzigen Puppe zerren. Der Vater auf dem Spielplatz, der aufpasst, dass bloss niemand die von frappierendem Talent zeugenden Sandkuchen seines Sohnes zertritt. Die Mutter, die das Kind zu allen Freizeitaktivitäten chauffiert, damit auch ja nichts passiert und auch gleich an der Bande oder auf der Tribüne hocken bleibt… Sie alle, findet Marco Hüttenmoser, behindern Kinder darin, sich selbst und ihre Sozialkompetenz zu entwickeln. «Wie sollen die Jungen und Mädchen denn lernen, eigenständig Probleme miteinander zu klären? Wie Ideen für gemeinsames Spiel entwickeln? Und wie sollen sie mutig ihre Umwelt erkunden, wenn ihnen stets jemand im Nacken sitzt?»

Nachbarskinder, davon ist er überzeugt, sind das A und O glücklichen Aufwachsens. Ob das nun welche aus Hochhaussiedlungen oder Eigenheimen mit Rollrasen sind, sei für Kinder eigentlich egal. «Ich singe hier nämlich nicht das Hohelied des ‹in der Natur›-Wohnens», betont er. «Dorf und Land mag für die Eltern schön sein, die Kinder – wissen wir aus Untersuchungen – haben lieber Gschpänli in der Nähe als Bäume und Büsche.» Und deshalb, das ist ihm wichtig, müsse Raum, vor allem städtischer, viel stärker aus Kindersicht gedacht werden. Haustüren von Siedlungen müssten sich auch von schwächlichen Kinderärmchen aufdrücken lassen, Strassen verkehrstechnisch so gestaltet sein, dass kein Risiko beim Spielen besteht. Und alle Zäune sollten Törchen haben zum Hin- und Hergehen der Kinder. Besser noch: zum Rausgehen, statt zu Besuch auf den jeweils anderen Sitzplatz. Dahin, wo nicht sofort eine Mutter fragt: «Wollt ihr Trauben? Hier sind Servietten für die Finger.» Dahin, wo sie sich die Welt selbst erobern können. Zusammen mit den Nachbarskindern.

Meine Eltern hatten, wie viele Eltern, plötzlich auch den Drang «ins Grüne» zu ziehen, wo es Blick statt Blöcke gibt und Erwachsene beständig tief inhalieren. Nachbarn muss es wohl auch gegeben haben, hinter der hohen Hecke vermute ich, obwohl nie ein Ton durch die Glanzmispeln sickerte. Geschweige denn Mandolinenspiel.

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