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gute muetter machen fehler

Erziehung

Gute Mütter machen Fehler

Mütter wollen nicht nur gut, sondern perfekt sein. Warum eigentlich? Ein Plädoyer für die ganz normale Mama.

«Jetzt hat er mir doch tatsächlich in die Hose gemacht!» Ein Mutter-Satz, der es lohnt, in seiner ganzen Schönheit durchdacht zu werden. Zeigt er doch vor allem eines: die Überidentifikation vieler Mütter mit ihren Kindern. Zwischen Mama und Sohn oder Tochter geht kein Blatt. So zumindest sieht heute das Idealbild der guten Mutter aus. Wer eine wirklich, wirklich gute Mutter ist, nimmt sich ein Beispiel an schwangeren Enten und Braunen Kugelspinnen. Die einen reissen sich die Brustfedern für ihre Kleinen aus, die anderen werfen sich ihrem Nachwuchs gleich zum Frass vor. Vorbildlich. Nein, nicht vorbildlich. Ausser für Enten und Spinnen. Denn inzwischen sickert die in der Psychoanalyse schon lange bekannte Tatsache bis zur Allgemeinheit durch, dass es nichts Schlimmeres gibt, als aufopferungsvoll das Beste für einen anderen Menschen zu wollen. Die hehre Motivation sorgt nämlich schon mal gerne dafür, dass geklammert, gedrängt, gezwängelt und Dankbarkeit eingeklagt wird. Das volle Programm, das Kindern verlässlich die Luft abschnürt.

Gerade für gute Mütter gilt also: «Weniger ist mehr.» Das Streben danach, Supermamis wie Angelina Jolie oder die doofe Nachbarin mit ihren Schul-Znünis in Form beschnitzter Radieschen in Mäuschengestalt zu überholen, ist völlig überflüssig. Denn mit der Erziehung ist es so, wie es Freud mal so schön formuliert hat, als er von einer eifrigen Mama gefragt wurde, wie sie denn nun richtig mit ihrem Nachwuchs umgehen solle: «Ganz wie Sie wollen, Madame, es wird sowieso verkehrt sein.» Wenn das nicht entlastend ist. Und Entlastung ist dringend notwendig, denn wohl kaum eine Gruppe ist derart schnell bereit, sich kübelweise Asche übers Haupt zu schütten wie Mütter. Niemand hebt so flott den Finger, wenn ein Sündenbock für kindliches Fehlverhalten gesucht wird. 36,4 Prozent aller Mütter sind laut einer deutschen Studie der Ansicht, in der Erziehung ihrer Kinder gravierende Fehler zu machen; jede dritte glaubt, ihr Kind durch die Berufstätigkeit zu benachteiligen und 23,7 Prozent, so eine Umfrage der Zeitschrift «Family und Co», fühlen sich durch andere Mütter verunsichert.

Ist das Kind auch tadellos gelungen?

Durch die Realität gedeckt wird dieses Gefühl von Unzulänglichkeit kein bisschen. Mütter verbringen – trotz erhöhter Berufstätigkeit – doppelt so viel Zeit mit Erziehungsarbeit wie noch in den 60er-Jahren. Und auch theoretisch wollen sie alles über gute Erziehung wissen: In den wie Pilze aus feuchtem Waldboden spriessenden Erziehungskursen stellen sie die satte Mehrheit; sie sind es, die sich die zahllosen Erziehungsbücher nicht nur kaufen, sondern auch lesen.

Eigentlich hätten Mütter also alles Recht der Welt zu finden, sie seien gute Mütter. Tun sie aber nicht. Denn gut reicht nicht, perfekt soll es sein. Seit etwa 50 Jahren, seit Erfindung der Pille, entscheiden sich Frauen bewusst für Kinder. Auch bewusst für weniger Kinder. Damit einher geht zum einen vielleicht grössere Freude an diesen Wunschkindern, aber auch der Druck, die bewusste Entscheidung rechtfertigen zu müssen: durch besonderes Engagement und dadurch, dass aus diesem – oft einzigen – ersehnten Kind auch ein prächtiges Kind wird. War es noch zur Generation unserer Grosseltern komplett ausreichend, seine Kinder gesund und ohne längere Gefängnisaufenthalte derselben gross zu ziehen, um als gute Mutter zu gelten, genügt das heute längst nicht mehr. Eine perfekte Mutter ist nur, wer ein perfektes Kind vorweisen kann. Und ein perfektes Kind lispelt nicht, benutzt keine Schimpfworte, spielt Bratsche, hat viele Freunde, gerade Zähne und stets lobende Worte der Lehrerin im Schulheft stehen. Bitte? Irgendwo haperts beim eigenen Kind? Ja, wozu gibt es denn Logopäden, Schulpsychologen, Kieferorthopäden und Lehrer für alles Mögliche? Wer als gute Mutter gelten will, hat, bitteschön, die ganze Entourage nicht nur einzuschalten, sondern das Kind auch überall hin zu chauffieren und das nötige Back Office zu leisten. Wie: Vokabeln abfragen, zum Üben von «Zwischen zwei Zwetschgenzweigen zwitschern zwei Schwalben» zu ermuntern, die Bratsche zu ertragen, freudig die rund 4500 Windeln pro Kind zu wechseln, die es laut Statistik füllt, und das alles nach dem Job, milde lächelnd und in versteckten, aber heissen Dessous für Papa. Merke: Gute Mütter haben gute Ehen und dreigängige Menüs auf dem Tisch.

Zum Glück jedoch merken Frauen so nach und nach, dass diese Erwartungen nicht nur völlig unerreichbar sind, sondern gepaart mit allzu pädagogisch wertvollem Verhalten auch – doof. Denn mal ehrlich, was denkt wohl ein Kind, das seine Mama sagen hört: «Kassandra, wenn du das Katzenfell anzündest, muss die Katze sterben, und das ist dir doch bestimmt nicht recht, oder?» Mit tiefer Weisheit schreibt die französische Autorin Corinne Maier über dieses Mama-Sprech-Beispiel: «Eltern-Kinder-Dialoge sind wie Dinner für Spinner – und das siebenmal die Woche.» Zu den Büchern der Mamaflüsterer der letzten Jahre gesellen sich nämlich in jüngster Zeit immer mehr Bücher von Autorinnen und Wissenschaftlerinnen, die das Bild der gebenedeiten Über-Mutter zunehmend nervt.

Nur wer sich mal ärgert, löst sich ab

Vorreiterinnen sind hier die Französinnen. Vielleicht, weil Frankreich momentan das Kinder-und-Mütter-Vorzeigeland Nummer 1 ist: mit 2,07 Kindern pro Frau hat es die höchste Geburtenrate der EU, die meisten Mütter mit Vollzeitstelle, Carla Bruni, die nicht nur schön, Mama und First Lady ist, sondern – in vermutlich glücklicheren Tagen – auch noch Sex mit Mick Jagger gehabt haben soll … Wahrscheinlich sind es gerade darum die Französinnen, denen das allzu perfekte Bild auf den Wecker fällt. Zumindest sind sie die Ersten, die plötzlich Bücher mit Titeln wie «No Kids» von Corinne Maier, Caroline Thompsons «Die Tyrannei der Liebe» oder Elisabeth Badinter mit «Der Konflikt: Frau und Mutter» auf den Markt brachten. Diverse deutsche Autorinnen sind inzwischen nachgezogen. Dabei ist der Gedanke, mal einen Gang zurückzuschalten, gar nicht neu. Der britische Kinderarzt und Begründer der Kinderpsychotherapie, Donald Winnicott, prägte schon 1958 den Begriff «good enough mother», also «hinreichend gute Mutter». Gemeint war damit auch damals nicht, als Mutter tagsüber «Mieten, kaufen, wohnen» auf Vox zu schauen und dem Nachwuchs Geld für einen «bacon triple Cheeseburger» in die Finger zu drücken, sondern Winnicott war der Ansicht, dass Mütter liebevoll und aufmerksam sein sollten und – Fehler machen dürfen. Eine unangreifbare Mama sei für ein Kind geradezu bedrohlich. Auf die rundum wunderbare Mutter lässt sich schwer sauer sein, die Zaubermami bleibt stets unerreicht, hat immer recht; und sollte das Kind – unvermeidlich – doch mal ärgerlich sein auf diese eierlegende Wollmilchsau mit Heiligenschein, dann wird es verlässlich sich selbst die Schuld für seine «bösen» Gefühle geben. Wem sonst. Zudem, so Winnicott, ermöglicht nur eine Mutter mit Schwächen, dass sich das Kind ablöst.

Kurz: Ein klein wenig ist es gut, das eigene Kind zu vergraulen. Es sei denn, man strebe an, dass es sich noch mit 36 Jahren die Hemden von Mama bügeln lässt. Da, so die Zeitschrift Focus, aber fast jede zweite Mutter eine stärkere und innigere Bindung an ihr Kind als an ihren Partner hat, kann es allerdings sein, dass es die eine oder andere Mutter bei dem Gedanken nicht mal gruselt. Und heimlich auf eine typische Muttertagskarte hofft, etwa mit dem Text «Mutter sein – das heisst vor allen Dingen / verzichten können und Opfer bringen / Sorgen müssen in Stunden und Tagen / Antwort geben auf tausend Fragen.»

Zum Glück finden langsam immer mehr Mütter: Opfer, Sorgen, verzichten – okay, aber im Rahmen bitte. Lieber sind wir so, wie wir halt sind, hören auf unser Gefühl und machen es mit den Kindern, wie es zu unserer eigenen Familie am besten passt. Sollen die Super-Muttis doch milde lächeln, sanft ermahnen und stets die angebrannte Ecke vom Kuchen mümmeln. Wir regen uns lieber manchmal furchtbar auf, lachen oft und laut, und die angebrannte Ecke nehmen wir auf gar keinen Fall. Sondern ein richtig schönes Stück vom Kuchen. Verdient haben wirs.

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