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Kuckuckskinder

«Gewissheit erlöst, selbst wenn sie schmerzlich ist»

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Josef Jung, Psychotherapeut am Institut für Kinder-, Jugendlichen- und Familientherapie Luzern, über Kuckuckskinder und die Auswirkungen ihrer Existenz auf die Familie.

wir eltern: Wann ist der Zeitpunkt, an dem man einem Kind sagen soll, dass sein biologischer Vater ein anderer ist?

Josef Jung: So früh wie möglich. Der Fall liegt ähnlich gelagert wie bei Adoptivkindern. Nur gibt es einen zentralen Unterschied: Beide Adoptiveltern wissen, dass sie nicht die leiblichen Eltern sind – bei Kuckuckskindern weiss es oft nur die Mutter. Diese hat aus ihrer Sicht gute Gründe, das Ganze zu verheimlichen. Sie fürchtet, alles zu verlieren.

Wie geht man hierbei am klügsten vor?

Am besten wäre natürlich, die werdende Mutter könnte ihren Seitensprung mit Folgen unmittelbar offenlegen. Das dürfte aber in den meisten Fällen Wunschdenken sein. Ein solches Geheimnis zu lüften, birgt grosse Gefahren für alle Beteiligten. Insbesondere beim sozialen Vater. Zum einen wird das Vertrauen in die Partnerin zerstört, wie auch das Vertrauen in sich selbst. Der Scheinvater muss sich zugestehen, unter falschen Voraussetzungen gelebt zu haben, selbst wenn er gespürt haben sollte, dass etwas nicht stimmt. Dieses Spüren ist unangenehm und man lässt sich gerne beruhigen.

Gibt es ein Verhaltensmuster, das den meisten als Kuckuckskinder identifizierten Menschen eigen ist?

Viele Kuckuckskinder ahnen oft, dass etwas nicht stimmt. Sie fühlen sich fremd. Ihnen wird dieses Gespür oft ausgeredet. Sie können dann generell ihrer eigenen Intuition, ihrer Wahrnehmung gegenüber verunsichert werden. Gewissheit erlöst, selbst wenn sie schmerzlich ist. Das Leben kann dann auf sicheren Boden gestellt werden.

Oft brechen Familien nach der Identifikation eines Kuckuckskindes auseinander – warum?

Die Welt vor und nach der Entdeckung des Geheimnisses ist grundverschieden. Oft kommt ein solches Geheimnis erst ans Licht, wenn die Beziehung zwischen den Eltern ohnehin schon angespannt ist. Dann reicht so etwas mit Sicherheit aus, die Beziehung zu beenden. Die am meisten leidtragende Person ist dabei das Kuckuckskind – es verliert die Beziehung zu einem bisher als Vater wahrgenommenen Mann. Die bisherige Lebensgeschichte muss neu geschrieben werden. Alles erscheint in einem neuen Licht: Geburtstags- und Weihnachtsfeiern, die glücklichen Besuche bei den vermeintlichen Grosseltern und vieles mehr. In einer Zeit, in der die Scheidung viel einfacher geworden ist – juristisch und wirtschaftlich – als noch vor drei bis vier Generationen, gibt es unter diesen Umständen kaum Gründe, zusammenzubleiben.

Ist die Forderung von Seiten des Familienvereins VEV nach einem obligatorischen Vaterschaftstest unmittelbar nach der Geburt sinnvoll?

Wenn man einen solchen Test obligatorisch machen wollte, so müsste er so selbstverständlich durchgeführt werden wie der Blutgruppentest nach der Geburt. Sollte dem allerdings nicht so sein, entstehen sofort psychische Belastungen: Es gibt Verdächtigungen, Misstrauen und so weiter. Wie soll man in einer Beziehung denn weiterfahren, falls sich ein solcher Verdacht nicht erhärten sollte?

Zur Person

Josef Jung ist Psychotherapeut am Institut für Kinder-, Jugendlichen- und Familientherapie Luzern. www.psychotherapie-jung.ch

Zahlen und Fakten

  • Fachleute schätzen den Anteil der Kuckuckskinder in der Schweiz auf 4 bis 7 Prozent. D. h. in jeder Schulklasse sitzt ein Kind, das nicht vom angeblichen Vater gezeugt wurde.
  • Laut Schweizer Gesetz darf ein Vaterschaftstest lediglich bis zum 5. vollendeten Lebensjahr des Kindes durchgeführt werden. Der DNA-Test muss bei einem Institut für Rechtsmedizin oder bei einem vom Bund anerkannten Labor durchgeführt werden. Die über das Internet zugänglichen Vaterschaftstests sind vor Gericht nicht verwendbar. Der Versand von Proben ins Ausland ist ebenfalls nicht zulässig.
  • Der Ausdruck Kuckuckskind ist vom Kuckucksvogel abgeleitet, der seine Eier in fremde Nester legt – auch Brutparasitismus genannt.

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