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Partnerschaft | Schlafen

Getrennte Betten

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Jeder für sich oder zusammen? Gespräche über die Form der Schlafstätte(n) gleichen manchmal einem Glaubenskrieg. Dabei gibt es gute Gründe, dafür und dagegen.

Pro

Manuela von Ah

Das Nachttischlämpchen brennt, ich liege im Bett und sinniere über den heutigen Besuch einer Kollegin nach. Das erste Mal bei uns, wollte sie sich umsehen: Küche, Bad, Kinderzimmer eins und zwei, hier mein Schlafzimmer, dort dasjenige meines Mannes. Und da war es wieder, dieses verrutschte Lächeln.

«Ihr schlaft getrennt?», fragt meine Kollegin geradeheraus. Immerhin. Denn meist folgt auf die Wohnungsführung betretenes Schweigen. Einzig in den Blicken spiegelt sich jeweils die Frage: «Seid ihr zerstritten? Habt ihr euch auseinandergelebt? Oder lebt gar in Trennung?» Bis ich vorauseilend meinen Rechtfertigungsmonolog hochfahre.

Da ich eine Lerche, d. h. Frühzubettgängerin und Frühaufsteherin bin, mein Mann aber eine Eule, weckt er mich nachts nicht aus meinem federleichten Schlaf, wenn er zwei Stunden nach mir in sein Bett kriecht. Ich kann dafür morgens unter die Decke gekuschelt lesen, so viel ich will.

Übermächtig scheint in den Köpfen der historische Imperativ «Ein Ehepaar – ein Bett!» verankert. Ein Tabu scheint zu brechen, wer die enge kulturelle Norm des Ehelagers hinterfragt. Dabei liegen die Vorteile, ein Bett für sich allein zu haben, auf der Hand: Man schläft schlicht besser. Eine neue kanadische Studie kommt zudem zum Schluss, dass Paare, die nachts in unterschiedliche Betten schlüpfen (zu Hause und alleine, notabene!) wesentlich glücklicher und harmonischer kutschieren als die «Doppelschläfer». Die Erklärung: Wenn zwei sich ein Bett teilen, wachen sie öfter auf, die Tiefschlaf-Phasen sind kürzer, die Wälz- und Ärgerphasen dafür länger. Die durch Schnarchen zersägte Nachtruhe führt zu tagsüber müden Menschen.

Wir wuchsen nicht wegen Kampfgeschnarche, Zähneknirschen oder somnambulen Wanderungen in das Modell «Getrennte Betten» – sondern mit den Kindern. Ich fand es einfacher, die Kleinen zum Stillen in meinem (breiten!) Bett zu haben, derweil mein Mann in seinem (sehr breiten!) Bett durchschlafen konnte. Nach dem Abstillen genoss ich die Nächte allein, mein Mann übernahm es aufzustehen, wenn eines der Kinder ihn brauchte. Selbst in unserer damals kleinen Wohnung, zogen wir es vor, je ein Zimmer für uns zu haben – die Kinder teilten ihres noch so gerne!

Der Wendung «getrennte Betten» haftet an sich schon Unharmonisches an. Denn was getrennt ist, kann ja nicht gut sein. Schon gar nicht unter der Glücksglocke Familie. Wo Beziehungen aber schlecht durchlüftet sind, da kann es schimmeln.

Wer meint, der Zustand einer Beziehung sei allein an der Bettensituation abzulesen, irrt. Wegen getrennter Betten allein entfremdet sich kein Paar. Eine Beziehung muss gehegt werden. Sex sowieso: «Zu dir oder zu mir?» trägt bei uns mitunter denselben erotischen Unterton wie damals zu WG-Zeiten.

Fremdschlafen tun wir übrigens herzlich gern zusammen: In den Ferien, in Hotels, beim Camping – da teilen wir das Bett. Da sind wir auch entspannt genug, einander das Gezupfe um die Decke, das feine Schnarchen oder nächtliche Lesestunden nachzusehen. Da freue ich mich, meine kalten Füsse an meinem Mann zu wärmen und Hand in Hand mit ihm einzuschlafen.

«Vielleicht hätten getrennte Betten damals meine Beziehung gerettet?», mutmasst meine Kollegin. Ganz ernst meint sie es nicht, Beziehungen sind zu vielschichtig. Mein Mann und ich jedenfalls sind glücklich mit unseren kleinen Rückzugsoasen. Seit 20 Jahren. Das breite oder das sehr breite Bett des andern in der Wohnung zu finden, ist kinderleicht.

Contra

Caren Battaglia

Ja, ich weiss, es ist Trend. Getrennt zu schlafen ist momentan so was von hip. Allein in Amerika ist die Zahl, der nicht von Tisch-, aber Bett-Getrennten laut New York Times von 12 Prozent im Jahr 2001 auf 23 Prozent im 2005 gestiegen und für 2015 werden satte 60 Prozent an Separiert- Schläfern erwartet. Und selbstverständlich surfen die üblichen Verdächtigen wie Brad Pitt, Angelina Jolie, Tom Cruise und die Beckhams auf der Welle von «Mein Bett gehört mir».

Nur – was interessieren mich Promis und Trend, wenn es um meinen Mann geht?

Ich hab ihn gerne bei mir. Möglichst nah.

Ich finde das gemütlich, kuschelig und einfach schön. Altmodisch? Ja und? Romantisch? Ja klar.

Vielleicht ist es nicht vernünftig, Nacht für Nacht neben jemandem zu liegen, der eine Schlafzimmertemperatur angenehm findet, die nur für Pinguine artgerecht ist. Vernünftig ist es auch nicht, Wissenschaftler zu ignorieren. Die haben nämlich herausgefunden, dass Frauen rund eine Stunde Schlaf mehr pro Nacht bekämen, liessen sie den vor sich hin schnorchelnden Gatten alleine schnorcheln. Aber mal ehrlich – wann sorgen Vernunft und wissenschaftlich Empfohlenes schon für die Highlights im Leben? Wann je hätte laktosefreier Tofu, lauwarmer Ingwertee und frühzeitiges Erledigen der Steuererklärung so recht von Herzen glücklich gemacht?

Na bitte. In Schlafzimmer und Liebe haben Wissenschaft und Vernunft deshalb nix verloren.

Klar, jetzt kommt das Argument, wie prickelnd es doch sei, sich mit seinem Liebsten zu einem Sex-Date zu verabreden, nachts über den Flur zum Tête-à-Tête zu schleichen und sich dabei jung und verwegen zu fühlen, wie einst im Klassenlager. Meiner Ansicht nach könnte man sich da genauso gut, um sich jung zu fühlen, die Pickel zurückwünschen.

Denn: Wie erotisch ist geplanter Sex wirklich? Lässt sich Leidenschaft terminieren? 22.45 - 23.30: ausschweifender Koitus? Und was ist, wenn der andere gar nicht so begeistert von dem Türgeklopfe seines hormongefluteten Partners ist? Dann schleicht man mit nackten Füssen über die Fliesen wieder zurück in sein eigenes leeres und kaltes Bett? Nicht mein Geschmack. Fahrpläne sind was für Busse.

Aber mal von Sex, Schlaf und Schnarchen abgesehen: Wie viel Zeit hat man als Paar überhaupt ganz für sich allein? Welcher Ort ausser dem Bett ist nur für zwei reserviert? Ehrlich gesagt kenne ich eine Menge Paare, bei denen die Beziehung schlicht verläppert, weil das Gemeinsame vor lauter Arbeit, Elternabenden zum Thema «Zecken», kaputter WC-Spülung und «wo-ist–bloss die-vermaledeite- Zahnspange» nach und nach auf der Strecke bleibt. Sieben intime Stunden nur für zwei sind da gar nicht schlecht.

Gar nicht schlecht ist es auch, kalte Füsse zum Auftauen rüberschieben zu können, einen vertrauten Arm in Griffweite nach einem gruseligen Film zu haben; zu hören, wie der Mann, den man liebt, manchmal im Schlaf leise lacht – und sich dann anzukuscheln.

Okay, ich hab eine Stunde Schlaf weniger als Getrennt Schläfer. Aber eine verdammt schöne Stunde!

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