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Mit Misserfolg umgehen

Gescheit scheitern

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Niederlagen sind Mist. Doch ohne sie kommt niemand durchs Leben. Deshalb sollten Kinder vor allem eines lernen: ihre Fehler zu handhaben.

Sind die Beatles gescheitert, weil die Plattenfirma Decca ihnen 1962 keinen Vertrag geben wollte? Begründung: «Uns gefällt ihr Sound nicht, und Gitarrenmusik ist ohnehin nicht gefragt». Ist Michael Jordan gescheitert, weil er im Laufe seiner Karriere 9000 Mal den Basketballkorb verfehlt hat? Sind es die Jungen und Mädchen, die in diesem März durch die Gymiprüfung gesegelt sind? Und was ist mit denen, die ihre Ehe in den Sand setzen, gefeuert werden, und mit der 11-Jährigen, die bei der Tanzaufführung ihre Schritte vergessen hat? Alles Nieten? Nein. Niemand kommt ohne Niederlagen durchs Leben. Und weil das so ist, sollten Kinder neben Französisch und Fagott, binomischen Formeln und Bockspringen vor allem eines lernen: Versagen. Nur wie?

Hilfreich ist es dabei sicher nicht, dass Scheitern derzeit gleichermassen als «hip» wie als «igitt» gilt. Denn einerseits drängt sich in der Selbsthilfe-Ecke der Buchhandlung Loser-Literatur ohne Zahl «Scheitern als Chance», «Warum wir scheitern» «Lust am Scheitern» … Andererseits sind auf Schulhöfen «Verlierer» und «du Opfer» die beliebtesten Schimpfwörter. Einerseits geben Lehrer ihren Schülern die Binse «Fehler sind gut, aus Fehlern kann man nur lernen» mit auf den Weg, andererseits gibt es für Prüfungen mit zu vielen der segensreichen Fehler eine 2,3, die nirgendwo so richtig gut ankommt.

Versagens-Voyeurismus

Selten waren Manager, Politiker und Promis so emsig dabei, sich als Menschen mit Schwächen, ganz wie du und ich, zu gerieren. Nach ihrem «grössten Fehler» befragt, fällt aber keinem von ihnen etwas anderes als der Vorzeige-Fehler «Ungeduld» ein. Und: Nie zuvor war Scheitern so ein Kassenknüller. Jede Woche starren die Fernsehzuschauer in der Sat 1-Pummel-Sendung «The biggest Loser» den Abnehmwilligen auf die Speckrollen, sieht ein Millionenpublikum zu, wenn Heidi Klum ihr «Ich habe heute leider kein Foto für dich» piepst. Und wenn Dieter Bohlen einem Jungsänger rustikal bescheidet: «Du hast weniger Töne getroffen als ein peruanischer Nackthund Haare am Arsch hat», schnellen die Einschaltquoten in die Höhe. Dann lacht das Publikum, und der Betroffene weint. Versagens-Voyeurismus. Was ist dann mit «Der Weg ist das Ziel», «Dabeisein ist alles» und «Versuch macht kluch»? Nix. Denn was vor allem in Erinnerung bleibt, ist nicht der Mut des Kandidaten, sondern die Blamage. Das dumme Modell, das kein Englisch kann, der talentlose Sänger mit der Quietschstimme.

«Ich kann das sowieso nicht»

Da bringt es gar nichts, das Müffeln des Versagens zu verwedeln und «Lichtjuwel Aromaspray: Erfolg» drüberzusprayen. Denn die Wahrheit ist: Niederlagen tun weh. Schlecht gewesen zu sein, macht traurig. Ein Ziel nicht zu erreichen, schubst oft in ein Loch, dessen Wände ziemlich glatt aussehen. Manchmal so glatt, dass es vermeintlich gar nicht lohnt, das Herausklettern zu versuchen. Roland Schmid, Leiter des Nachhilfestudios «Lernpilot» in Affoltern am Albis, kennt sie nur zu gut, die Kinder, die am Boden des Lochs einfach hocken bleiben. «Ich habe vor allem zwei Sorten Schüler: die Plötzlich-Gescheiterten und die Schleichend-Gescheiterten.» Die Plötzlich-Gescheiterten, das seien Kinder, die etwa durch die Gymiprüfung gefallen seien und den Schock nicht händeln konnten. «Das sind häufig gute Schüler, die erstmals eine Niederlage einstecken mussten», sagt Roland Schmid. «Manche leiten daraus fälschlich ab ‹Ich bin dumm, Schule ist offensichtlich nichts für mich›». Eine Talfahrt der Noten ist die Folge. Diesen Schülern sei vergleichsweise leicht zu helfen, so der Mathematiklehrer. Dadurch, dass man ihnen klarmache, dass ein Versagen bei der Prüfung nicht heisse, ein Versager zu sein; bei einer solchen Prüfung stets auch eine Portion Glück im Spiel sei «Und am wichtigsten ist, ihr Selbstbewusstsein ein bisschen aufzupäppeln.

Schwierig dagegen seien die «Schleichend-Gescheiterten». Denn wenn sich über einen längeren Zeitraum schlechte Note an schlechte Note reihe, würde das Selbstwertgefühl pulverisiert und die Überzeugung verankert «Ich kann sowieso nichts». Der fatale Mechanismus der zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird: Selbst wenn der Schüler den Stoff beherrscht, versagt er bei der Prüfung oft trotzdem. Eine Abwärtsspirale setzt ein. «Langes Zuwarten bei schwächelnden Leistungen ist deshalb fatal», findet Roland Schmid. Ausserdem würde er den Spruch «aus Fehlern lernt man» viel lieber durch «aus Erfolgserlebnissen lernt man» ersetzen: «Gute Leistungen sind es nämlich, die Glauben an sich selbst geben, Lust aufs Lernen machen und – damit für neue gute Leistungen sorgen.»

Gleichung «Erfolg = Leistung + Status»

Wissenschaftler wie die amerikanische Motivationspsychologin Carol S. Dweck empfehlen nicht von ungefähr, Kinder bei guten Noten für ihre Anstrengung zu loben statt für ihre Intelligenz. Ihre Studien an der Stanford University belegen, dass Mädchen und Jungen, die Erfolg ihrer eigenen Anstrengung zuschreiben, langfristig bessere Noten aufweisen als Kinder, die ihre Intelligenz als Ursache der Note sehen. Stellt doch bei den «Anstrengungs-Kindern» eine Niederlage nicht das Selbstbild, sondern lediglich die Arbeitsweise infrage. Und auf die hat man Einfluss. Kinder dagegen, die davon ausgehen, ihre Intelligenz sei das A und O bei Prüfungen, werfen Misserfolge leicht aus der Bahn. Zum Schutz ihres Selbstwertgefühls vermeiden sie zuweilen rigoros alle Herausforderungen, die ein Scheiter-Risiko beinhalten. Damit entfallen jedoch auch Freude und Stolz.

Aber ist es überhaupt richtig, beim Thema «Scheitern und Versagen» vor allem auf den Einzelnen zu schauen? «Nein», sagt Jürg Frick, Dozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich und Autor zahlreicher Texte über den Umgang mit Niederlagen. «Man muss unsere Gesellschaft mit ihrer stetig wachsenden Angst vor dem Versagen in den Blick nehmen», so der Pädagoge. Derzeit gelte die Gleichung «Erfolg = Leistung + Status». «Fähigkeiten wie Empathie und Hilfsbereitschaft erfahren eine Abwertung. Eltern geben stattdessen dieses ‹zum Gelingen verdammt› an ihre Kinder weiter.»

Dabei ist Scheitern eigentlich eine ziemlich neue Erfindung. Zu Zeiten als «das Schicksal» oder Gott noch bestimmten, wo der Mensch im Leben stand, wo der Sohn des Schmieds Schmied wurde und der Knecht niemals Grossgrundbesitzer, konnte der Einzelne nicht scheitern. Er lebte was höhere Mächte mit ihm vorhatten. Erst wenn jeder «seines Glückes Schmied ist» kann man das Schmieden auch vermasseln. Erst wo Toyotas «Nichts ist unmöglich» zur Doktrin wird, muss sich schämen, wer die Möglichkeit nicht nutzt. In einer Gesellschaft, die «Made in Switzerland» als Synonym für Korrektheit und Perfektion erachtet, sind Fehler höchst unbeliebte Gäste.

Einmal mehr aufstehen

Niemals hätte ein «Alexis Sorbas» nach dem grandiosen Zusammenbruch der Seilbahn statt an einem griechischen Strand am Zürichsee tanzen können. Kaum ein Schweizer Elternpaar wird seinen Kindern «Eddie the Eagle» zum Vorbild andienen: jenen schlechtesten Skispringer der Welt, der damals bei den olympischen Spielen in Calgary durch nie da gewesen unterirdische Leistung Misserfolg zum Kult erhob. Warum eigentlich nicht? Immerhin hat sich der Brite nie selbst etwas vorgemacht – und seine fulminante Niederlage sportlich genommen. Und vermutlich ist es doch eher die von Churchill beschworene Kunst «einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird», die zum Erfolg führt, als Homer Simpsons Credo: «Versuchen ist der erste Schritt zum Scheitern».

Scheitern kann man lernen

  • Merke: Wir alle sind Donald Duck. Jeder versagt ab und an und irgendwo. Das gehört zum Leben. Übung mit den Kindern: Spiele. Brettspiele, Sportspiele. Passend zum Können des Kindes! Dann ist jeder mal Sieger, mal Verlierer.
  • Merke: Die Erwartung ist die Falle. Allzeit glücklich, beliebt und superschlau ist niemand. Realität und Ziele miteinander abzugleichen – darin liegts. Übung mit den Kindern: Miteinander sprechen, sprechen, sprechen. Den 6er in Mathe anzupeilen, wenn es bisher immer 2er waren, macht nicht viel Sinn. Eine 4 wäre doch auch schon toll.
  • Merke: Versagt? Ja. Versager? Nein. Der Wert eines Menschen ist unabhängig von der Leistung. Übung mit den Kindern: miteinander schmusen, kuscheln, lachen, zuhören – mit Leistung hat das nichts zu tun. Und doch ist es wichtig.
  • Merke: Fehler ohne anschliessende Analyse sind nur doof. Warum eigentlich ist etwas schiefgegangen? Was muss anders werden? Erst wenn man das herausgefunden hat, kann sich etwas ändern. Übung mit den Kindern: Berichtigungen. Ja, sie sind verpönt, aber einfaches Abhaken wird wohl nie ans Tageslicht spülen, ob da jemand schlampig liest, die Aufgabenstellung nicht verstanden hat, vom Stoff überfordert oder unkonzentriert ist.
  • Merke: Nimm es sportlich! Wenn jeder Fussballer, der einen Elfmeter an die Latte gesetzt hat, seine Fussballschuhe an den Nagel hängen wollte, wäre die Sportart ausgestorben. Übung mit den Kindern: Geschichten erzählen oder vorlesen von Menschen, die sich nicht haben entmutigen lassen. Mama oder Papa erzählt ein eigenes Scheiter-Erlebnis. Und – Mannschaftssport.
  • Merke: Lieber gerade Scheitern als krumm Siegen. Zu Fehlern muss man stehen. Vertuschen und Verschleiern machen alles nur schlimmer. Übung mit den Kindern: Das Kind darf alles, alles ohne Angst gestehen. Also ruhig bleiben, wenn es kleine – und auch ziemlich grosse Bockmist-Ansammlungen offenbart. Immer wieder. «Wir haben dich lieb» steht niemals auf dem Prüfstand.

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