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Beziehung und Finanzen

Geld birgt ein hohes Konfliktpotenzial

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Geld verleiht Einfluss, Geld bedeutet Freiheit. Und es ist nicht unendlich. Kein Wunder, dass Paare darüber streiten.

wir eltern: Herr Professor Kirchler, Geld ist in Familien das Streitthema Nummer eins. Sind wir alle zu kleinlich oder zu materialistisch?

Erich Kirchler: Daran liegt es nicht. Das Thema Geld birgt ein hohes Konfliktpotenzial, weil Interessen kollidieren und Werte aufeinander prallen. Zudem laufen Finanzkonflikte meist unter Zeitdruck ab. Paare verbringen etwa vier Stunden täglich miteinander, davon reden sie insgesamt eine Stunde: über die Kinder, das Essen … und eben über Geld. Meist abends, wenn man ohnehin müde ist. Das macht die Diskussion nicht einfacher.

Warum ist ein Geld-Gespräch überhaupt schwer?

Man hat ja fast das Gefühl, etwas Unsittliches anzusprechen. Das stimmt. Geld ist ein Tabu, weil wir in Finanzentscheidungen alles wiederfinden, was die Beziehung ausmacht: Freiheit, Macht, Wunschberücksichtigung … Wer über Geld redet, redet über die Essenz der Partnerschaft. Finanzverhalten ist der Spiegel der Beziehung. Ausserdem ist Geld symbolisch. Es steht für Leistungsvermögen, Potenz, Erotik, Unabhängigkeit. Erschwerend kommt hinzu, dass die Bedürfnisse meist grösser sind als der finanzielle Kuchen. Man muss also verhandeln. Da prallen Werte aufeinander. Nehmen wir den Kauf eines Autos oder einer Wohnzimmereinrichtung – da geht es längst nicht nur um die Kosten, sondern auch um grundsätzliche Einstellungen. Männer behaupten zuweilen recht selbstbewusst, ihre Finanzentscheidungen seien stets rational und sie seien sachlicher. Das möchte ich aber dahingestellt lassen.

Sie sprechen Männer und Frauen an. Sobald ein Kind kommt, werden aus ebenbürtigen Partnern Mutti und Vati, die finanziell plötzlich oft sehr ungleich dastehen. Die Gleichberechtigung bekommt Schlagseite.

Es ist richtig, dass meist die Frauen, weil sie weniger verdienen, beruflich zurückstecken und damit in eine Abhängigkeit vom Mann geraten. Unsere Studien belegen aber: Sie empfinden das heutzutage nicht unbedingt derart. Sie bleiben selbstbewusst und wichtig bei Entscheidungen. Es ist nicht mehr so, dass derjenige, der mehr Geld nach Hause bringt, auch mehr bestimmt. Jeder entscheidet da, wo er die meiste Kompetenz hat. Das kann durchaus sie beim Auto und er bei der Kücheneinrichtung sein. In Vietnam, wo wir gerade geforscht haben, in Indien oder Mexiko sieht das anders aus. Da gibt es nach wie vor geschlechtsspezifisch getrennte Einflusssphären. Bei uns nicht.

Das ist doch eine gute Nachricht.

Ja. Aber es gibt auch mehr Konflikte. Wenn über alles verhandelt werden muss, gibt es naturgemäss mehr Meinungsverschiedenheiten und Streit.

Sind wir wirklich so fortschrittlich? Oder wird emanzipiert geredet und traditionell gefühlt? Der Mann, der die Frau in einer Bar nicht einlädt, hat ein Sympathieproblem.

Alte Muster sind schwer abzulegen. Noch immer signalisiert dieses Einladen die Rolle des Mannes als Beschützer und Brotverdiener. Das sitzt tief. Aber wir befinden uns in einem Wandlungsprozess.

Welche ist die modernste Variante der Familien-Wirtschaft?

Das kann man nicht sagen. Deutliche Unterschiede gibt es allerdings bei Erst- und Zweitbeziehungen. In der ersten Beziehung werfen die Paare meist alles in einen Topf. Bei Wiederverheirateten gibt es das «Pooling» seltener.

Wie unromantisch.

Vielleicht. Beim Pooling ist Romantik tatsächlich involviert. Die andere Variante reduziert aber die Zahl der Konfliktherde.

Also ist nüchternes Rechnen am besten für die Beziehung?

Ich persönlich, aber das ist nur meine Meinung, halte es jedenfalls für vernünftig, wenn man wenigstens mental buchführt und die Familie sich gemeinsam Gedanken macht, wie viel man für Wohnen, Kleidung, Freizeit ausgibt und ausgeben kann, und wie viel jeder Einzelne zur freien Verfügung haben sollte. Das bedeutet natürlich nicht, über jeden Bagatellkauf Rechenschaft ablegen zu müssen. Aber geredet werden muss.

Frauen fühlen sich beim Aufrechnen der Kinderbetreuung versus 100-Prozent-Job oft unterlegen.

Ach ja? Unsere Studien stützen das nicht. Vielmehr sind Mütter sich ihrer Leistungen durchaus bewusst. Ein Machtgefälle würde keine moderne Frau mehr akzeptieren. Diskutiert wird auf Augenhöhe.

Der alte Hut, «Wo das Geld ist, spielt die Musik», stirbt also aus?

Nein. Aber der alte Hut wird stetig kleiner.


Erich Kirchler ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Universität Wien (A) und Autor des Buches «Liebe, Geld und Alltag». Ein Gespräch über Brotverdiener, Selbstbewusstsein und alte Hüte.

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