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Erziehung / Werte

«Geduld und Verständnis»

Zukunftsexperte Andrea M. Walker (52), aus Basel

Manche sagen, ich sei so eine Art eidgenössischer Matthias Horx, andere nennen mich den wissenschaftlichen Mike Shiva. Mein Metier ist die Zukunft. Dabei ist mir wichtig: Unser Bild von Zukunft ist geprägt von unserer Gegenwart und Vergangenheit. Wenn wir über eine Prognose zukünftiger Werte diskutieren, müssen wir klären: Prägt die zukünftige Welt unsere Wertorientierung – oder werden wir die Welt entsprechend unserer Werte gestalten? Wahrscheinlich stimmt beides. In einer asiatischen Megacity ist anderes Verhalten wertvoll als in einem Flüchtlingslager oder in einer Schweizer Kleinstadt. Wenn wir die Vergangenheit anschauen, fällt auf, dass gewisse Themen der Geschichte sich wiederholen. Im Augenblick wiederholt sich ein fliessender Übergang von der Klassik zur Romantik und zum Biedermeier. Die Klassik des 18. Jahrhunderts, das war die Zeit klarer Vorstellungen, Argumente und Konzepte, wie wir sie in den 80ern erlebten. Dann kamen Mauerfall, Globalisierung, Jahrtausendwende und Internet … Alles schien möglich, wie schon in der emotionalen Romantik zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Das Biedermeier danach war geprägt durch den Rückzug ins Private, die eigenen vier Wände, die Familie. Heute erleben wir eben ein «Neo-Biedermeier» als Reaktion auf die Komplexität und Dynamik. Vielen sind Grenzenlosigkeit, Beliebigkeit und andauernde Veränderung zu viel geworden. Ausdruck davon sind Magazine wie die «Landliebe», der Ernährungskult, «Urban Gardening» oder «Shabby-Chic im Landhausstil». Auch dass viele junge Erwachsene mit grossen romantischen Festen heiraten und eine Familie gründen wollen, ist neo-biedermeierlich. Keine Revolten, keine Aufmüpfigkeit, keine grossen Utopien, stattdessen Work-Life- Balance zwischen einem netten Beruf und Privatleben, der Mann als Hauptverdiener, Kinder und ein eigenes Häuschen … Die grossen Konzepte von Sozialismus und Kapitalismus, die weltanschaulichen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts haben sich im Zuge der Neoliberalisierung und des allgemein verfügbaren Konsums aufgelöst. Alles ist situativ, tolerant und flexibel geworden. Das war einerseits befreiend und angenehm, andererseits erschwert es, dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit gerecht zu werden. Wir früher durften ja noch markige, aber identitätsstiftende Äusserungen machen wie «Wir Jungs – ihr Mädchen». Dafür bietet uns Facebook heute 60 Gender-Varianten an. Doch wir wollen ja über Wertekompetenzen für die Zukunft reden: Der technische Fortschritt wird uns viele Zukünfte möglich machen – doch was wollen wir, was befinden wir für gut und wertvoll? Digitalisierung, Robotik und Künstliche Intelligenz werden unsere Arbeitsethik stark verändern. Die Frage, wo die Grenze zwischen Mensch und Maschine verlaufen soll, werden wir diskutieren, ebenso was eine gesunde Körperlichkeit ist. Die Weiten des Cyber Space, Social Media und die Unfassbarkeit von Digitalisierung erfordern die Fähigkeit, Wichtiges erkennen und auswählen zu können. Eine Gesellschaft, die immer älter wird, ist auf Frieden zwischen den Generationen angewiesen. Dann werden Einfühlungsvermögen, Hilfsbereitschaft, Geduld und Verständnis die wirklich wichtigen Werte werden.


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