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Elternkolumne

«Die Kinderlieder meiner Mutter»

Die Soziologin und Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach hat als Kind nicht nur weichgespülte Kinderlieder gelernt. Dafür ist sie dankbar, denn: Die Lieder ihrer Kindheit prägten ihr politisches Bewusstsein.

Bei uns zu Hause wurde in meiner Kindheit viel gesungen. Geprägt haben mich vor allem die Lieder, die meine Mutter uns vor dem Schlafen vorsang. Erst im Nachhinein ist mir klar geworden, dass das nicht nur einfach Lieder waren, sondern vielmehr die Vermittlung eines Lebensgefühls und einer Lebenshaltung. In Mutters Liedern ging es oft um Schwächere, um gesellschaftlich marginalisierte Menschen. Um Ausgestossene, aber auch um Verfolgte und Diskriminierte.

Eine Liedgeschichte handelte von einer kleinen Krähe aus Wolle, «die Krähe Hinkel», die ein kurzes und ein langes Bein hatte. Im Spielzeugladen will deshalb niemand das Plüschtier kaufen. Die Krähe ist sehr traurig und einsam. Bis eines Tages ein kleiner Junge in den Laden kommt und – entgegen der Meinung der Erwachsenen – unbedingt diese versehrte und unperfekte Krähe haben will.

Das Lied, das mich am meisten beeindruckt hat – vielleicht, weil es kein Happy End hat – war ein jüdisches Schlaflied aus dem Krakauer Ghetto. Es heisst «Hungerik, dajn Kezele». Es ist die todtraurige Geschichte einer Mutter, deren Kind Hunger leidet und das deshalb nicht einschlafen kann. Die Mutter versucht, das Kind mit Versprechungen und Beschwichtigungen zum Schlafen zu bringen: Morgen gibt es wieder Brot, deine Katze (Kezele) ist auch hungrig, deine Puppe auch. Und sie schreit nicht wie du. Mama ist auch hungrig. Schau, mach es wie Mama, schlaf, das lindert die Not. Schlof schojn, majn orem klejn mejdele/ wajl der schlof lindert di nojt.

Das Lied hat Mordechai Gebirtig in den 1930er Jahren komponiert. Der Dichter, Sänger und Tischler – «Möbelarbeiter» nannte er sich selbst – war einer der grössten polnisch-jiddischen Volksdichter und -sänger. Überall, wo Juden aus Osteuropa zusammenkamen, kannte man die Lieder des «Tischlers aus Krakau». 1942 wurde er im Krakauer Ghetto von einem deutschen Soldaten erschossen. Auch seine Familie, Frau und Kinder wurden ermordet.

Meine Mutter hatte durch ihre polnischen Wurzeln Zugang zu diesen Liedern. Ich selbst hatte damals weder eine Vorstellung von einem Ghetto noch von der Judenverfolgung oder vom Holocaust. Aber ich spürte, dass es hier um etwas ging, das grösser und Gravierender war als mein eigenes, unmittelbares kleines und einigermassen sicheres Leben. Ich spürte Abgründe und Verzweiflung, Gefahr auch. Vor allem aber erschütterte und bestärkte das Lied vom hungrigen Kind meinen kindlichen Gerechtigkeitswunsch, es möge doch allen, wirklich allen gut gehen.

Ich habe diese Lieder als junge Mutter auch meinen eigenen Kindern vorgesungen. Vor dem Schlafen, oder einfach so. Lange habe ich sie mehr oder weniger unreflektiert gesungen, aber mit viel Leidenschaft – so, wie man eben Traditionen oder Rituale weitergibt: Man tut es einfach.

Irgendwann begann ich, mich mit der Frage zu beschäftigen, was Frauen an Frauen weitergeben, Grossmütter an Mütter, Mütter an Töchter. Und was ich von meiner Mutter bekommen und übernommen habe. Für mich war das nicht nur eine persönliche, sondern eine politische, eine grundsätzliche Frage: Was geben Frauen weiter in einer Welt und Menschheitsgeschichte, in der die Hebel der Macht in Politik, Kultur, Wirtschaft und Geschichtsschreibung bis heute mehrheitlich von Männern besetzt sind? Wo sind die Ritzen und ungeahnten Zwischenräume, in denen marginalisierte Menschen und Stimmen – oft jenseits grosser Bühnen – etwas weitergeben? Zum Beispiel mit einem jüdischen Wiegenlied?

Lange Zeit dachte ich, es wäre mein Vater gewesen, der mir mit seinem Interesse für Metaphysik, für Politik und Philosophie ein politisches Bewusstsein weitergegeben hatte. Heute weiss ich, dass meine Mutter einen mindestens so grossen Anteil trägt.

Ich bin meiner Mutter dankbar, dass sie mir nicht nur «Alle Vögel sind schon da» oder «Schlaf Kindlein schlaf» vorsang. Sondern mir auch diese tiefe Traurigkeit und einen Sinn auch für das Böse und Ungerechte vermittelte. Kinder spüren, und viele erfahren ohnehin, dass es das gibt. Die Lieder erlaubten mir, kleine oder grössere Traurigkeiten zuzulassen, aber vor allem: Über diese individuelle, ich-bezogene Ebene hinauszugehen. Sie waren meine erste politische Erfahrung.

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