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Schule

Fil zu fiele Vehler

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Die Schule vernachlässigt die Rechtschreibung, kritisieren Eltern und Medien. Die Kinder würden nicht mehr richtig schreiben lernen. Wirklich?

Elternabend in Zürich. Gut gelaunt erzählt die Lehrerin einer 3. Primarklasse vom vergangenen Schuljahr und skizziert den Lehrplan der nächsten Monate. Statt sich vom Enthusiasmus anstecken zu lassen, erhebt sich eine Mutter zum Frontalangriff. Ihre Tochter mache Schreibfehler wie eine Erstklässlerin, die Hausaufgaben strotzten vor Orthografiefehlern, kein einziges Diktat im ganzen Jahr. So würde ihr Kind nie richtig schreiben lernen! Die Mutter beendet ihre Tirade erst, als die Lehrerin in Tränen ausbricht.

Steht es wirklich so schlimm um die Schreibkompetenz unserer Kinder? Wer über die Grenze nach Deutschland guckt, stellt erschüttert fest: Ja, das Zeitalter des Analphabetismus 2.0 ist angebrochen! Zumindest einer Titelgeschichte des Nachrichtenmagzins «Der Spiegel» zufolge, in der von einer «Rechtschreibkatastrophe» die Rede ist. Die Kinder, so heult die Zeitschrift auf, würden in der Grundschule zu orthografischen Stümpern und Rechtschreibanarchisten erzogen. Egal, ob sie «oile» (Eule), «woam» (Wurm) oder «kengru» (Känguru) schrieben, statt sie zu korrigieren werde ihnen vermittelt, wie kreativ und eigenständig sie die Wörter verschriftlicht hätten. Unter dem tarnenden Lob, so der Vorwurf, verludere die Sprache.

Schuld daran ist laut «Spiegel» ein Schweizer: Jürgen Reichen (1939–2009). Tatsächlich gedachte der Reformpädagoge in den 70er- und 80er-Jahren, den Rechtschreibdrill in Form von Diktaten und Rotstift abzuschaffen. Reichen nannte die alte Methode «unproduktives, totes Buchstabenwissen und Ausfluss einer kollektiven Zwangsneurose» und plädierte für eine sanftere Praxis: «Lesen durch Schreiben». Dabei puzzeln die Kinder ihre ersten Schreibworte mithilfe einer Buchstabentabelle so zusammen, wie sie sie hören. Möchte eine Schülerin «Blume» schreiben, sagt sie die einzelnen Laute vor sich hin und sucht die Buchstaben dafür mit den Bildchen aus der Tabelle zusammen: «B» wie Banane, «L» wie Lampe und so weiter. Lehrer und Eltern sollten sich hüten, korrigierend in den kindlichen Schöpfungsfluss einzugreifen.

Auch Jürgen Oelkers, emeritierter Professor der Universität Zürich, sieht in der Reichen-Methode den Übeltäter: «Wer jahrelang ‹Visch› statt ‹Fisch› schreibt, bleibt dabei», sagt der Erziehungswissenschaftler. Klar, Fehler schleifen sich ein. In Deutschland wurde Jürgen Reichen zur Referenzgrösse für Schreibpädagogik, zum Guru mit breiter Anhängerschaft. Sofern der «Spiegel»-Artikel nicht arg thesenjournalistisch unterfüttert ist, steht es bei unserem nördlichen Nachbar also tatsächlich schlecht um die Orthografie der Schüler. Wie aber sieht die Grosswetterlage in der Schweiz aus? Erziehen wir die Kinder auch hierzulande nach Reichens Methode zu Rechtschreib-Barbaren? Am besten, wir setzen uns in die Schreibstunde einer 2. Primarklasse im Schulhaus Bühl in Zürich. Im Schulzimmer von Anna Duss (58) sitzt das weissblonde Mädchen neben dem kraushaarigen Jungen, der Zappelphilipp neben dem Plappermäulchen – eine ganz normale Klasse.

Torkelnder Bleistift

«Wer kann das Wort ‹viel› richtig an die Wandtafel schreiben?», fragt die Lehrerin. Zehn Hände schnellen in die Höhe, und fast so viele Schreibarten stehen bald darauf an der Tafel: «Fil», «Fiel», «vil», «veil» – und ja, auch ein korrektes «Viel». «Genau diese Schreibweise», erklärt Anna Duss 25 erstaunten Augenpaaren, «ist die richtige, das haben die Menschen so miteinander abgemacht.» Hoch über der Wandtafel prangt aufgereiht das ABC, jeder Buchstabe in Schulthekgrösse, in Druck- und Schnüerlischrift, Klein- und Grossbuchstaben. Heute ist das «X» an der Reihe. Dafür müssen die Kinder ein Verslein von der Wandtafel abschreiben: «In Xanten lebt schon lang ein X, es ist sehr klein und traut sich nix. Da kommt die Hexe Xenibein und hext ins X viel Mut hinein.»

Bei den einen Schülern tänzelt der Bleistift locker übers Papier, bei den andern kratzt und torkelt der Stift. Zeit: eine halbe Stunde. Anna Duss wandert derweil mit einem Radiergummi durchs Zimmer, korrigiert liebevoll und mit Nachdruck. Sie verlangt, dass jedes Wort perfekt geschrieben ist. Wer schreiben lernen will, muss Wörtchen pauken. Aber nicht nur. Deshalb lässt die Lehrerin ihre Schüler auch freie Texte verfassen, Bücher lesen, Inhalte zusammenfassen. «Wenn ich hier bei jedem Wort den Rotstift ansetzte, würde sich kein Kind mehr trauen, schwierige Wörter zu verwenden.» Anna Duss nutzt zwar auch Reichens Anlauttabelle. Dem Reformpädagogen aber blind zu folgen, käme ihr nie in die «Schultüte».

Auch gegenüber der neusten Lesehilfe – der Lauttabelle – ist Anna Duss skeptisch. Auf der sogenannten Aphasietafel sind Mündchen bei der Formulierung verschiedener Laute abgebildet. Ursprünglich lernten Hirnverletzte nach einem Unfall damit wieder sprechen. Anna Duss bemängelt, dass die Kinder mit der Lauttabelle das Lesen technisch zwar perfekt erwerben, aber den Inhalt häufig nicht verstehen. Zum Vorwurf einiger Eltern und der Medien, die Kinder würden zu Orthografie-Banausen erzogen, sagt Anna Duss nur lachend «Hafech..s!». Wer 33 Jahre lang unterrichtet hat, darf das so formulieren. Früher hätten zwar alle Schüler «Die Kuh trinkt Milch» und «Das Schaf frisst Gras» fehlerfrei geschrieben – dafür aber kaum eigene Gedanken aufs Papier gebracht. Ausserdem: Wenn die Kleinen heute nicht mehr Sätze wie geölte Schreibmaschinchen produzieren, hat das auch etwas mit Zeitökonomie zu tun: Wo früher endlos viele Stunden für Rechtschreibdrill draufgingen, lernen die Schüler heute Frühenglisch, Frühfranzösisch, Frühethik.

Auch Dorothee Kohler kann mit dem kulturkritischen Lamento zur angeblichen Verlotterung der Sprache wenig anfangen. Die Deutschlehrerin von der Kantonsschule Wetzikon (ZH) korrigiert seit 35 Jahren Aufsätze der Aufnahmeprüfungen fürs Gymnasium. Sie schüttelt den Kopf mit dem graumelierten Kurzhaarschnitt: «Nein, die Jungen beherrschen das Schreiben nicht schlechter als früher, von einer Rechtschreibkatastrophe kann schon gar nicht die Rede sein.»

Rhetorisch gewieft

Dennoch beobachtet die Gymnasiallehrerin eine Veränderung: Die Verlagerung schriftlicher hin zu mündlichen Fähigkeiten. Während die Schüler heute rhetorisch gewandt argumentieren und bühnenreife Auftritte hinlegen, bauen sie ihre schriftlichen Texte nicht mehr so stringent auf wie früher. Aufsätzen fehle teils die Gliederung, sie seien weniger strukturiert, assoziativer: «Wie bei Chats, Facebook, SMS – da entspricht der schriftliche Austausch ebenfalls mehr einer geschriebenen Mündlichkeit.» Öfter als vor zehn Jahren begegnet Dorothee Kohler in Aufsätzen Satzfragmenten, unfertigen Sätzen und umgangssprachlichen Wendungen. Und die Orthografie im engeren Sinne? «Weder ich noch meine Berufskollegen sehen signifikante Veränderungen.» Zudem spiele die Rechtschreibung als Sanktionierungsmittel für den Übertritt in die Oberstufe eine viel marginalere Rolle, als viele Eltern vermuteten. Ein Kind fällt nicht deshalb durch die Gymiprüfung, weil es «Entgeld» statt «Entgelt» schreibt, sondern weil die sprachlichen und mathematischen Leistungen insgesamt zu schwach sind.

Zugegeben: Kinder, die eine Kantonsschule besuchen, gehören naturgemäss zu den schreibsicheren. Deshalb besuchen wir Claudia Schmellentin, die sozusagen aus der Vogelperspektive zum Durchschnittsschüler Auskunft geben kann. Die Professorin für Deutschdidaktik an der Fachhochschule Nordwestschweiz sitzt in ihrem provisorischen Büroraum mit dem Charme einer Lagerhalle und entschuldigt sich lachend für das Chaos. Dieses Jahr habe ein Brand den Neubau des Campus in Brugg zerstört. Claudia Schmellentin, selber Mutter eines Erstklässlers, vermutet hinter dem Klagelied über die erodierende Schreibkompetenz ein etwas unreflektiertes Jammerritual: Die Seklehrer schimpfen über die nachrückenden Primarschüler, die Professoren über das Schreibniveau der Gymischüler, die Alten über die Jungen. «In der Schweiz aber belegt keine einzige Studie, dass heute schlechter geschrieben wird als früher.» Die Sprachwissenschaftlerin räumt allerdings ein, dass die Diskussion um das Schreibniveau auch eine Frage der Wahrnehmung und des Zeitgeistes sei. «Heute muss man in allen Berufen schreiben können, während früher ein Metzger oder eine Schneiderin nach der Lehre kaum komplexe Texte verfassen mussten.» Es frage sich, welche Ansprüche, welche Normkorrektheit eine Gesellschaft einfordere: «Dass alle die Rechtschreibung beherrschen, ist schlicht eine Utopie.» Dies behauptet die Wissenschaftlerin nicht aus dem hohlen Bauch heraus, der Gedanke stammt vielmehr aus den Richtlinien der obersten Schaltzentrale des Schweizerischen Bildungswesens. Zur Grundkompetenz zählt laut Eidgenössischer Erziehungsdirektorenkonferenz die Fähigkeit, einen Text so verfassen zu können, dass die Fehler darin ein flüssiges Lesen nicht behindern. Zum Kernbereich der Rechtschreibung gehört demnach, was beim Schriftbild am meisten auffällt: Fehler beim Schreiben häufiger Wörter wie «foll», «kan», «lustik» oder Kleinschreibung von Nomen wie «Haus» oder «Apfel». «Das Wort Rhythmus muss nun wirklich nicht jeder richtig schreiben können!»

Grammatikalischer Eintopf

Und Schreibkompetenz sei eben mehr als Rechtschreibung und Zeichensetzung. Entsprechend gehören heute auch neue Kulturtechniken zum Schulstoff – etwa das Knowhow, wie ein Korrekturprogramm benutzt wird. Oder schlicht die Ermunterung, auch mal jemanden um Hilfe zu bitten. Das Orthografie-Korsett, dem die Lehrer einst verpflichtet waren, ist übergeordneten Schreibregeln und Strategien gewichen. Diktate wurden in den meisten Kantonen als notenrelevante Prüfungen abgeschafft. Sie gelten laut Forschung als kontraproduktiv. Statt systematisch Schreibwissen zu vermitteln, verwirren sie die Kinder mit grammatikalischem Eintopf.

Zurück im Schulzimmer. Das Xenibein-Verslein strahlt mit Zeichnungen versehen aus den Heften, die Schreibstunde ist vorüber, die Kinder stürmen oder schlendern in die Pause. Anna Duss schaut ihnen lachend hinterher: «Die machen ihren Weg, jedes in seinem Tempo.»

Das können Eltern tun

  • Kein Aktionismus! Am besten die Lehrerin fragen, ob und wo das Kind Lücken hat und wie man es unterstützen könnte.
  • In der Welt wimmelt es von Wörtern: Ortstafeln, Strassenschilder, Plakate, Autos – sich Zeit nehmen, die Buchstaben zu betrachten, vorzulesen, zu erraten. Stösst das Kind auf bekannte Buchstaben auf einer Verpackung? Lassen Sie es lesen.
  • Buchstaben lautieren, nicht buchstabieren. Also: «b» nicht «be», «f» nicht «ef».
  • Dem Kind Notizen hinterlassen: «Ich bin im Garten», «Ein Gruss von Oma» oder einfach «Ich habe dich lieb!»
  • Trotz digitaler Revolution – es existieren noch Bibliotheken. Hingehen, mit dem Kind Bücher auswählen!
  • Ermuntern Sie das Schulkind, auch zu Hause mal einen freien Text zu schreiben.
  • Das Kind fragen, ob man einzelne Wörter korrigieren soll. Lehnt es ab – akzeptieren!
  • Das Kind loben wegen Textmenge und/oder Verständlichkeit des Textes.
  • Schenken Sie Ihrem Kind ein kleines Rechtschreibwörterbuch.
  • Druck und Tadel schüchtern ein – Erfolgsgefühle machen erfolgreich!

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