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Interview

«Familie ist alles andere als der kälteste Kaffee der Geschichte»

Dieter Thomä

Dieter Thomä (51) ist Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen, Autor von Büchern wie «Väter. Eine moderne Heldengeschichte», «Eltern. Kleine Philosophie einer riskanten Lebensform» – und ein Familien-Enthusiast. Ein Gespräch über grosse Wünsche, die Liebe und das Risiko von Skischanzen.

wir eltern: Herr Professor Thomä, Familie ist seit einiger Zeit nicht mehr «wäh», sondern schick. Beruht das auf einem ähnlichen Effekt wie bei der Mode, da kehrt ja auch alles irgendwann als «retro» wieder?

Professor Dieter Thomä: Natürlich gibt es immer Wellenbewegungen: hin zur Familie, weg von der Familie. Das ist so. Trotzdem weigere ich mich, die Wertschätzung von Familie einfach als Mode, als ein Auf und Ab zu sehen. Familie – das Bild von der Familie und der Wunsch nach einer eigenen Familie – ist schon immer etwas Unverwüstliches und zugleich etwas Zerbrechliches gewesen.

Aber es ist noch nicht lange her, da wäre es als furchtbar spiessig gewertet worden, wenn man von einem gemütlichen Sonntag mit der ganzen Familie geschwärmt hätte.

Ach ja, das war so eine Reaktion auf ein überlebtes 50er-Jahre-Familienmodell. In der Phase ist erstmal eine Schere aufgegangen. Familie: das Alte, Tradition, gegen andere Lebensformen – das Neue, das Moderne. Familie galt so vor etwa 40 Jahren als unsexy, träge, langweilig, als Gefängnis ...

Und warum sieht man das heute nicht mehr so?

Ermüdungsbruch, würde ich sagen. Ich meine, dieses Meilensammeln, dieses Möglichst-mobil-Sein, heute hier, morgen dort, sich bloss nicht festlegen, diese dauernde Selbstverwandlung, der Druck zu Selbstüberbietung, die allgegenwärtige Flachheit und Kurzfristigkeit – da ist der Lack relativ schnell abgebröckelt. Irgendwann dämmert es auch dem überzeugtesten Grossstadtnomaden – war auch mal so ein zeitgeistiges Wort –, dass sich Hotelzimmer gleichen wie ein Ei dem anderen und viele Erfahrungen ausgeschlossen sind, wenn man stets im Unverbindlichen bleibt. Ausserdem wird etwas bei der Metapher des Grossstadtnomaden übersehen: Auch ein Nomade hat seine Oase.

Familie soll dieser Hort der Ruhe und Beständigkeit sein? Bei Scheidungsraten von 50 Prozent?

Eine Oase ist genau eine Mischung aus Bewegung und Ruhe. Klar ist Familie ein Rückzugsort. Hier kann man, wie meine erwachsenen Kinder das beispielsweise machen, nachts um zwölf anrufen und sagen: «Papa, mir geht es so dreckig.» Familie entspricht dem zutiefst menschlichen Bedürfnis, die Augen zuzumachen, sich fallen lassen zu können und aufgefangen zu werden. Dieses Bedürfnis wird kaum befriedigt, wenn man mit dem Chef in einem Zimmer sitzt. Aber Familie ist eben auch das andere: Bewegung. Und aufregender als Bungeespringen. Da ist doch derzeit richtig Feuer unterm Dach!

Feuer unterm Dach? Im Reihenhaus mit Jägerzaun?

So ein Quatsch – Reihenhaus und Jägerzaun. So sieht Familie doch heute gar nicht aus. Da ist unglaublich Bewegung drin. Frauen wollen Beruf und Familie vereinbaren, Männer nicht länger der Zaungast im Leben ihrer Kinder sein. Und es gibt keine festen Schablonen, sondern alles muss im Augenblick ausgehandelt werden. Da entsteht etwas völlig Neues! Aber was Familie für die Einzelnen ist, das kann nicht mit einem Werkzeugkasten aus dem 19. Jahrhundert zusammenmontiert werden. Spielanleitungen von 1850 taugen nicht mehr. Eigentlich haben alte Rezepte aber nie getaugt. Jede Generation muss sich, sobald Kinder da sind, neu erfinden. Das ist doch toll und spannend. Familie ist alles andere als der kälteste Kaffee der Geschichte, sondern eine unbekannte Landschaft, auf die man sich einlässt.

Sie sind ein Romantiker.

Ja, aber total!

Tiefe Geburten- und hohe Trennungsraten scheinen aber eher in die Richtung zu weisen, dass sich die Familie, diese «riskante Lebensform», wie es im Titel eines Ihrer Bücher heisst, auf lange Sicht abschaffen wird.

Wird sie nicht. Seit dem 18. Jahrhundert hat die Familie schon viele vermeintliche Begräbnisse erlebt. Seit dem Beginn der bürgerlichen Familie leben Ehepaare eben irgendwo zwischen Himmel und Hölle. Das ist so. Vielleicht sollte man aber einfach mal zur Kenntnis nehmen, dass tief in uns Menschen drin der Wunsch nach der grossen Liebe und nach Kindern steckt. Und die Eigenart grosser Wünsche ist eben, dass sie scheitern können. Das müsste man eigentlich schon als Kind durch seinen Weihnachtswunschzettel gelernt haben.

Aber bei einer Familie steht man im Falle eines Scheiterns vor einem Trümmerhaufen.

Stimmt überhaupt nicht. Es ist doch nicht so, als ob man oben auf einer Skisprungschanze stünde und nur eine 50-prozentige Chance hätte, den Sprung lebend zu überstehen. Selbst wenn eine Familie zerbricht, bleibt doch etwas sehr Schönes: Kinder zum Beispiel. Die Welt ist halt nicht rosarot, man muss wohl in die Zwischentöne hineinwachsen. Und die Tatsache, dass sich junge Menschen trotz allem die grosse Liebe und eine Familie wünschen, spricht vor allem für eines: für die Grossartigkeit des Wunsches.

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