Menü

Erziehung

Erziehen, ganz nach Saison

erziehungsmythen_pucken_thinkstock.jpg

Beim Kinder-Grossziehen richten wir uns nach Werten, wissenschaftlichen Erkenntnissen und der Persönlichkeit des Nachwuchses. Auch. Aber noch mehr nach Trends.

Unsere Erziehung ist hip. Unsere pädagogischen Grundsätze sind trendig, trendiger geht nicht. So etwas hört man nie. Kein Mensch sagt das. Stattdessen tun Eltern nach Kräften so – und manche glauben es gar –, als erzögen sie komplett individuell, einzig verpflichtet dem ehernen Gesetz der Natur, dem allzeit Guten, Wahren und Schönen, den ewigen Werten. Unfug. Vielmehr gilt: Es gibt Kindermode – und Moden mit Kindern. Und wehe jemand lässt sich noch mit einem Teil aus der Erziehungskollektion der vergangenen Saison blicken. Das ist wie mit dunkelblauen Bommel-Slippern zur New York Fashion Week gehen. Was Erziehungswissenschaftler gestern noch als den Stein der Weisen verkauft haben, steht heute mit Dellen, Schimmelflecken und dem Schild «Gratis zum Mitnehmen» am Strassenrand. Denn obwohl jede Mutter und jeder Vater vollkommen sicher ist, ihr einzigartiges Kind einzigartig zu erziehen, folgen sie alle dem Sog der Masse.

Seit Solomon Aschs deprimierendem Experiment aus den 50er-Jahren, das nachwies, dass drei Viertel der Menschen ganz offensichtlichen Schwachsinn behaupten, nur weil es die anderen auch tun, hat sich wenig geändert. So tickt der Mensch. Zu allen Zeiten hat man am liebsten das geglaubt, was auch der Nachbar glaubte und der daneben und der und der... An Hexen, die Erde als Scheibe, das Waldsterben, an «eins hinten drauf hat noch niemandem geschadet» – und genauso verlässlich schlägt das Pendel nach einer Weile in die andere Richtung aus. Das durch zahllose Studien zum zweifelsfrei «Richtigen» erklärte wird zahllose Studien später zum ebenso zweifelsfrei «Falschen». Getreu dem Gesetz der Mode: Auf Maxi folgt Mini, und Weiss ist das neue Schwarz. Deshalb hier ein paar Erziehungsmythen, die die Schwarmintelligenz einmal hochgejazzt hat und die sich jetzt im Sinkflug befinden. Bis auf Weiteres.

Pucken

Das Prinzip: Man umwickle sein Baby möglichst eng mit Tüchern. Das Ergebnis sollte in etwa wie eine Kohlroulade aussehen. Schon im Jahr 100 n. Chr. ging Soranus von Ephesus davon aus, dass der weiche Körper eines Babys durch festes Schnüren zunächst in Form gebracht werden müsse. Zudem, so die Behauptung, mache die Enge schon aus biologischen Gründen zufrieden, fühle sich doch der Säugling ganz wie im Mutterleib, in dem Platz ja auch eher Mangelware ist. So sinngemäss das antike Puck-Plädoyer. Neu ist die Idee also nicht. Eurozentristisch auch nicht. Denn diverse Naturvölker umwickeln ihre Kinder ebenfalls. «Biologisch», «retro» und auch noch «natürlich»? Die heilige Dreifaltigkeit der political correctness sorgte zur Jahrtausendwende für einen Puck-Boom.
 Unbeachtet blieb, dass das enge Wickeln stets auch kritisch beäugt worden war. Schon 1877 geisselten englische Wissenschaftler das «Mumienwickeln» als Grausamkeit. Doch in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends sah man das anders. Wissenschaftler stellten fest, dass gepuckte Babys weniger schrien, länger und ruhiger schliefen, ja, generell stiller seien. Ab 2007 stellten Wissenschaftler – vermutlich andere – fest: Wickel-Babys hätten vermehrt abgeflachte Hinterköpfe, ihre Muskulatur sei schwächer, Hüftdysplasien träten gehäuft auf und überhaupt sei das Ganze kein bisschen natürlich, denn welches Baby stünde schon aufrecht wie ein Zinnsoldat in der Gebärmutter. Die Forschung geht weiter.

Stiller Stuhl

Ja, das schien eine prima Idee von Katharina Saalfrank und Vertretern des Erziehungsprogramms Triple P zu sein. Wenn das Kind bockt, kreischt oder die Mutter als beknackte Wachtel bezeichnet, setze man es eine Weile auf einen Stuhl. Reue und Ruhe kämen dann von allein. Mit der Erstausstrahlung der Erziehungs-Peep-Show «Die Supernanny» im Jahr 2004 zog auch der «Stille Stuhl» samt «Auszeit» in die Wohnungen ein. Böse Zungen behaupteten zwar schon damals, keinen Unterschied zwischen «in der Ecke stehen müssen» und dem «Stillen Stuhl» zu sehen; dennoch machte das Möbel eine steile Karriere bis in die Kindergärten hinein. Inzwischen hat der Wind gedreht und selbst Katharina Saalfrank mag den Stuhl nicht mehr. Zu pädagogisch ärmlich. Zu nah am Pranger. Bislang ist allerdings noch keine taugliche Alternative für Kinder und Eltern am Rande des Nervenzusammenbruchs aufgetaucht. Frei nach Bert Brecht: «Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen.»

Jedes Kind kann schlafen lernen

Von so einem Boom träumt jeder Autor. 1998 rissen sich Eltern Annette Kast-Zahns Buch «Jedes Kind kann schlafen lernen» förmlich aus den Händen. Vermutlich war die Zeit reif für klare Kante. 1998 verwirrt der Präsident der Vereinigten Staaten die Welt durch den erstaunlichen Einsatz von Zigarren und Praktikantinnen, der Kosovo fliegt auseinander, die Vogelgrippe lässt plötzlich jeden Spatz bedrohlich erscheinen und auf der Leinwand versinkt die Titanic. In Zeiten von Wirrwarr und Untergang haben markige Statements Konjunktur. Schreien lassen, trösten nach Stoppuhr und das Kind als «kleinen Tyrannen» (Prekop 1997) sehen, trifft den Nerv der damaligen Zeit. Ausserdem war den jungen Eltern Grosis Applaus gewiss. Hiess es doch schon mal, in den 50er-Jahren, schreien stärke die Lunge. Heute gilt das alles nicht mehr. Vielmehr, so die momentane Meinung, resigniere ein Baby, das schreien gelassen wird. Statt einzusehen, dass seine Eltern nicht schikanierbar sind, lerne es vielmehr: «Wenn es mir schlecht geht, hilft mir niemand.» Depression droht. Der letzte Schrei heisst derzeit also: nicht schreien lassen.

Laufgitter

Er hat ja schon einiges durchgemacht, der gute, alte Laufstall. Zeitweilig galt er als beste Errungenschaft seit Erfindung des Rades, zeitweilig als so eine Art Guantanamo für Windelträger. Baby-Spielplatz oder Babyknast? Geschützte Werkstatt oder Baby aus Käfighaltung? Irgendwo dazwischen mäandert die Diskussion noch immer. Klar, dass die antiautoritären 70er-Jahre das Laufgitter als Mittel der Freiheitsberaubung ansahen. Klar, dass pragmatische Eltern stets darauf pfiffen und pfeifen und ihre Kinder darin vor Treppen und Steckdosen schützen oder ihre Pflanzen und Elektrogadgets vor den Kindern. Tendenz der Diskussion: unklar.

Tiger-Mom

Ausgetigert. Aber was war das für eine Aufregung, als 2011 Amy Chuas Buch «Battle Hymn of Tiger Mother» – auf Deutsch «Die Mutter des Erfolges» – herauskam. Keine Zeitschrift, die die amerikanische Yale-Juristin mit chinesischen Wurzeln nicht voller Schauder porträtierte. Kein Heftchen, in dem nicht vor der gelben Gefahr im Kinderzimmer gewarnt wurde. Kaum ein Fernsehpodium, auf dem nicht Pädagogen spitznasig die Erziehungsmethoden der ehrgeizigen Mutter anprangerten. Stundenlanges Geige üben: bäh! Bestnoten erwarten: buh! Zu Leistung antreiben: pfui! Zwar hatten viele der mit Schaum vor dem Mund Mitdiskutierenden das Buch lediglich als Zusammenfassung gelesen und insofern nicht mitgekriegt, dass die Autorin freimütig einräumt, bei einer ihrer beiden Töchter grandios gescheitert zu sein. Und bevorzugt echauffierten sich die Mütter, die ihrerseits ihre Kinder ständig chauffierten: zu Frühenglisch, Ballett und Baby-Yoga-Kursen. Doch auf der anderen Seite atmeten jene Mamas auf, deren Kinder es nie weiter als bis zum zweiten Schaf im Krippenspiel gebracht hatten. Endlich mal zu den Guten statt zu den Bemitleidenswerten gehören! Blöd nur, dass sich irgendwann der Gottvater der relaxten Pädagogik, Jesper Juul, in die Diskussion einschaltete: «Amy Chua ist eine hervorragende Mutter. Sie hat genau das gemacht, woran sie glaubt. Sie ist authentisch und sie ist drangeblieben, sie hat das Feedback ihrer zweiten Tochter ernst genommen». Wie bitte? Was? Die Methoden seien zwar nicht unbedingt empfehlenswert, so Juul, aber von Chua-Bashing keine Spur. Doch jetzt machte die Diskussion plötzlich irgendwie keinen Spass mehr. So ganz ohne Feindbild. Die aufgewirbelten Staubwolken legten sich leise und unauffällig wie einst bei «Summerhill» und Buebs «Lob der Disziplin». Jetzt warten wir auf einen neuen Aufreger. Und bis dahin heisst es: weiter «wurschteln!».

Sponsored Content

Auch lesenswert