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Paare im Bett mit Baby

Monatsgespräch

Stefanie Stahl: «Eltern haben oft ein schlechtes Gewissen»

Die Psychotherapeutin Stefanie Stahl über Eltern, die keine Zeit mehr für gemeinsame Spaziergänge finden, Studien, die Vätern ein Jahrzehnt recht mässigen Glücks voraussagen, und die Überzeugung, dass die heutige Generation keineswegs beziehungsunfähig ist.

Zu allem anderen hin stand bei dem Paar auch noch ein Hausbau an.

Frau Stahl, in Ihrem neusten Buch geht es um die Frage, warum es manchen Menschen so schwerfällt, sich wirklich auf eine Beziehung einzulassen. Wenn Kinder zur Welt kommen, werden mitunter aber auch glückliche Paare ziemlich auf die Probe gestellt.

Stefanie Stahl: Mein Buch ist für Menschen gedacht, die sich selbst dabei im Weg stehen, eine erfüllte Beziehung zu führen und deren Probleme weitgehend hausgemacht sind. Eine aussergewöhnliche Situation wie die Geburt eines Kindes stellt hingegen auch in stabilen Beziehungen eine Herausforderung dar.

Was brennt jungen Eltern in Ihrer Beratung am meisten unter den Nägeln?

Wer übernimmt wie viel Verantwortung? Sind unsere Aufgaben gerecht aufgeteilt? Das sind die klassischen Fragen. Es ist ja immer noch so, dass viele Paare gleichberechtigt leben, aber mit der Geburt des ersten Kindes die Beziehung in eine Schieflage gerät. Nach wie vor ist es dann meistens die Frau, die sich hauptsächlich um die Familie kümmert und dafür ein Stück weit auf berufiche Anerkennung und finanzielle Unabhängigkeit verzichtet. Viele Frauen fühlen sich abgehängt oder fürchten, dass sie der Partner irgendwann nicht mehr so interessant findet.

Was raten Sie diesen Paaren?

Zuerst: Natürlich gibt es auch Paare, die alles toll aufteilen und denen Arbeitszeiten und Betreuungsstrukturen gut in die Hand spielen. Doch man kommt in der Regel nicht darum herum, dass die Beziehung nach der Familiengründung erst einmal eine Weile aus dem Gleichgewicht gerät. Da muss man einfach durch. In dieser anstrengenden Zeit auch noch aufzurechnen, was der eine tut und der andere nicht, und sich in Machtkämpfe zu verstricken, bringt wenig. Besser, man übt sich ein wenig in Gelassenheit und Akzeptanz. Gerade die Person, die weniger aus ihrem bisherigen Leben aufgibt – in der Regel ist das der Mann – sollte aber auch immer wieder ihre Anerkennung für den anderen ausdrücken, sei es in Worten oder mit einem Blumenstrauss.

Er kann auch einfach mal die Wäsche aufhängen.

Klar, das auch. Doch auch Männer erhalten oftmals zu wenig Wertschätzung dafür, dass sie mehrheitlich oder sogar ganz das finanzielle Auskommen der Familie sichern. Wenn wir über die Rollenverteilung streiten, geht es im Kern nicht darum, wer jetzt genau was macht, sondern dass unser Beitrag vom anderen anerkannt und gewürdigt wird. Doch müssen beide Partner natürlich auch ehrlich mit sich selbst sein und sich immer wieder fragen: Übernehme ich genug Verantwortung für Familie und Beziehung?

Die meisten Eltern wissen, dass sie manchmal gelassener sein dürfen – nur gelingt das nicht so leicht.

Kinder zu haben ist eine wunderbare Sache. Aber es ist auch sehr anstrengend und kann die Beziehung belasten. Ich glaube, dessen sind sich viele Paare vor der Familiengründung zu wenig bewusst. Es ist eine lange Zeit, in der die eigenen Bedürfnisse immer wieder zugunsten der Kinder zurückgenommen werden müssen. Erst kürzlich habe ich eine Studie gelesen, die sogar mich überrascht hat, und ich beschäftige mich nun doch schon länger mit dem Thema: Nach der Geburt der Kinder dauert es zehn Jahre, bis Väter wieder auf dem Zufriedenheitsniveau angekommen sind, auf dem sie vorher waren. Bei Müttern sollen es sogar fünfzehn Jahre sein.

Oh je. Und wie übersteht man als Paar diese zehn beziehungsweise fünfzehn Jahre gemeinsam?

Die Eltern sollten auch gut für sich selbst sorgen. Viele Mütter und Väter pendeln heute ausschliesslich zwischen Beruf und Kindern und sind furchtbar gestresst. Ich hatte einmal ein Elternpaar in meiner Beratung, bei dem zu allem anderen hin auch gerade noch ein Hausbau anstand – was ja ebenfalls sehr typisch ist. Die beiden erzählten mir, dass sie einfach gerne wieder einmal zusammen spazieren gehen würden, aber selbst dafür keine Zeit hätten. Dieser Zustand sei für sie nur auszuhalten, weil sie wüssten, dass es den befreundeten Familien ebenso gehe.

Dann machen sich Eltern den Stress also weitgehend selbst?

Sie tragen zumindest dazu bei. Ich habe den Eindruck, dass Mütter und Väter heute chronisch ein schlechtes Gewissen haben, gerade, wenn beide Elternteile erwerbstätig sind. Viele haben dann das Gefühl, dass sie diese Abwesenheit kompensieren und die gesamte Freizeit ausschliesslich auf die Kinder ausrichten müssen. In meiner Kindheit waren die meisten Mütter zwar den ganzen Tag zu Hause – aber sie wussten oft gar nicht, wo sich ihre Kinder eigentlich gerade aufhielten. Und wenn meine Eltern abends Freunde zu Besuch hatten, war es für uns Kinder klar, dass wir irgendwann ins Bett zu gehen hatten. Es geht mir in keiner Weise darum, den Verhältnissen von früher das Wort zu reden. Aber wenn man heutzutage bei befreundeten Elternpaaren zum Abendessen eingeladen ist, dann ist ein Gespräch unter Erwachsenen ja manchmal kaum möglich.

Da spielen doch sicher auch andere Gründe mit? Dass die Grossmutter nicht mehr um die Ecke wohnt, zum Beispiel, oder der Babysitter zu teuer ist.

Natürlich haben auch solche Faktoren einen Einfluss. Trotzdem sehe ich das Problem mehr in den überbesorgten Eltern, die sich nicht mehr trauen, ihre Kinder auch mal sich selbst zu überlassen. Es herrscht so viel Angst auf der Welt, wenn es um Kinder geht. Man lässt die Kleinen ja kaum mehr alleine in den Kindergarten oder die Schule gehen. Das war vor einer Generation noch ganz anders. Natürlich musste man auf dem Schulweg dann auch mal kleine Kämpfe ausstehen und es kam vor, dass einem die grösseren Jungs den Weg verstellten. Doch solche Erfahrungen machen Kinder doch auch lebenstüchtig!

Es braucht ein wenig Vertrauen, dass man als Paar schon wieder zueinander finden wird.

Einer der Klassiker unter den Konflikten junger Eltern wurde bisher noch nicht erwähnt: Sex.

Die Natur hat es nun mal so eingerichtet, dass die grosse Leidenschaft nach der ersten Verliebtheit bald einmal nachlässt. Da bringt es wenig, einfach darauf zu warten, dass sie zurückkommt. Aber warum nicht den kinderfreien Nachmittag mal im Bett verbringen und der Lust dort auf die Sprünge helfen? Der Appetit kommt bekanntlich beim Essen. Druck hingegen ist auch hier wenig dienlich. Kinder sind eine riesige Umstellung im Leben eines Paares. Da braucht es auch ein wenig Geduld und Vertrauen, dass man schon wieder zueinander finden wird.

Und was ist, wenn man weder auf sexueller noch sonstiger Ebene wieder zusammenfindet? Wann ist es auch für die Kinder besser, wenn die Eltern sich trennen?

Die Scheidungsforschung zeigt deutlich: Dauernder Streit ist für Kinder meistens schlimmer als eine Trennung. Wo nur noch gestritten wird, erleben Kinder nie, dass man Konflikte auch lösen kann. Läuft eine Scheidung fair ab, kann es hingegen gut sein, dass auch die Kinder bald merken, dass es Mama und Papa so besser geht. Sie lernen, dass man Probleme meistern kann und das Leben weitergeht. Kinder aus hochstrittigen Familien werden übrigens besonders oft zu beziehungsängstlichen Erwachsenen.

Weil sie dann das Gefühl haben, nicht mehr aus einer Beziehung raus zu können, wenn sie erst einmal drin sind?

Ja. Man darf nie vergessen: Beziehungsfähigkeit lernen wir im Elternhaus. Ob wir uns auf einen anderen Menschen einlassen können, wird nicht nur davon geprägt, wie unsere Eltern mit uns umgehen, sondern auch miteinander. Deshalb glaube ich übrigens auch nicht, dass junge Frauen und Männer heute weniger beziehungsfähig sind und wir es mit einer «Generation Beziehungsunfähig» zu tun haben. Beziehungsängstlichkeit ist einfach sichtbarer als früher, weil sie sich nicht mehr so oft in unglücklichen Ehen versteckt. Die Eltern jüngerer Generationen sind heute in der Regel viel besser darüber informiert, was ihren Kindern guttut und gehen einfühlsamer mit ihnen um, als es die häufig traumatisierten Eltern der Nachkriegsgenerationen taten. Die Bedingungen für Kinder sind in den vergangenen Jahrzehnten nicht schlechter geworden, im Gegenteil.

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