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Väterhaus

Einsamer Kampf

Tochter umarmt Vater

Es ist gross, aber brüchig: das Vaterglück. Im ZwüscheHalt versuchen Väter davon zu retten, was noch zu retten ist. Ein Besuch.

Es gibt Orte, die einen gefangen halten, auch lange nachdem man sie verlassen hat. Dass man sie sinnvoll findet, macht sie nicht sympathischer. Dass man sie hinterfragt, wiederlegt sie nicht. Sie entziehen sich der schnellen Wertung und passen in keine der intellektuellen Schubladen, in denen man Erlebtes gern versorgt. Der «ZwüscheHalt », das erste Familien- und Männerhaus der Schweiz, ist ein solcher Ort.
Er steht am Rand eines kleinen Schweizer Dörfchens, am Ufer eines Baches, irgendwo im Mittelland. Drei Stöcke, sechs Zimmer, ein Garten mit Thujahecke , ein Sitzplatz – so sieht gemeinhin der Schweizer Traum vom Familienglück aus. Dass im Reihenhaus heute Menschen wohnen, denen ausgerechnet das abhanden gekommen ist, mag zynisch sein, erklärt allein aber nicht, warum man in Gedanken immer wieder dahin zurückgekehrt: Es ist vielmehr die schwer verdaubare Mischung aus Hoffnung, Hilflosigkeit und Hass, welche die Bewohner in die freundlichen Räume tragen. Es sind die Dramen, die man nur aus der Perspektive der Väter kennenlernt. Und es ist das kleine Kind, das jetzt mittendrin am Boden sitzt und seinen Teddy umarmt.
Elena heisst es und ist drei Jahre alt. Es könnte aber auch Nina heissen und sechs Jahre alt sein oder auf den Namen Kilian hören.

Tochter füttert Vater

Die Sauna bleibt kalt

Den Kindern zuliebe, die in diesem Haus wohnten und wohnen werden, müssen die Geschichten erzählt werden. Auch wenn sie nur die halbe Wahrheit festhalten. An einer Tatsache nämlich vermag auch die fehlende Sicht der Mütter nicht zu rütteln: Die grössten Opfer sind immer die Kleinsten.
Draussen streckt der Winter nochmals seine kalten Klauen aus. Es regnet Schnee. Elena will mit Papa einkaufen. Roger Uehlinger, 33, zieht ihr Jacke und Mütze über. Haushalten und den Nachwuchs betreuen, müssen die Männer im «ZwüscheHalt» selber. So will es die Hausordnung. Diese schreibt auch vor, dass Haustüren aus Sicherheitsgründen zwischen 22 Uhr abends und 6 Uhr morgens geschlossen bleiben. Dass Adresse und Telefonnummer geheim bleiben müssen. Und dass die Sauna nicht und die grosse Badewanne neben dem Schlaftrakt nur von den Kindern benutzt werden darf.
Man hat schon genug Probleme im «ZwüscheHalt» und will den Anwälten der Gegenseite keinen unnötigen Anlass für allfällige Missbrauchsklagen geben. Eins nämlich haben die Betreiber gelernt: Im Kampf um das Sorgerecht kann den Vätern jedes Detail zum Verhängnis werden.
Nimmt André Müller, Leiter des Hauses, einen Vater auf, meldet er seine Ankunft sofort den örtlichen Behörden. Auch Roger Uehlinger hat er angemeldet, am 22. November 2010, als er verzweifelt an der Tür klingelte, die Tochter an der Hand. Prompt erkundigte sich die Polizei am Abend nach dem Aufenthalt von Elena. Uelingers Frau, Jusstudentin und Weissrussin, hatte Anzeige gemacht wegen Kindsentführung, nachdem ihr Partner mit der Tochter nach einem heftigen Streit verschwunden war. Der «ZwüscheHalt » wird von der Polizei in solchen Fällen, genau wie ein Frauenhaus, als Aufenthaltsort geschützt.

Jedes Detail kann zum Verhängnis werden

Vater auf dem Sofa ist verzweifelt

22 Männer, 9 Jungen und 2 Mädchen haben im ersten Betriebsjahr 2010 darin Zuflucht gesucht. Die meisten kamen aus dem Mittelland. 33 Prozent floh vor häuslicher Gewalt, ein Viertel suchte Hilfe in Trennungsfragen und ein weiteres klagte über Eltern-Kind-Entfremdung. Im «ZwüscheHalt» bekommen Väter die Chance, sich über die nächsten Schritte in einem geschützten Rahmen klar zu werden.
Roger Uehlinger zum Beispiel bereitet sich auf die erste Verhandlung am Bezirksgericht Zofingen vor. Dort soll in ein paar Wochen entschieden werden, wer die gemeinsame Wohnung verlassen muss und wer die Obhut für das Mädchen bekommt, bis das Scheidungsverfahren rechtsgültig ist.
Meist verlässt der Mann nach einem Streit die Familienwohnung und schafft damit ein Präjudiz: Lässt er den Nachwuchs erst mal bei der Mutter zurück, entscheidet das Gericht fast immer, dass er auch dort bleibt.
Uehlinger weiss das, der «ZwüscheHalt» hat ihn darüber aufgeklärt. Der Mann mit dem durchtrainierten Oberkörper hackt nun Zwiebeln klein für den Sugo und erzählt, wie es zum Eklat gekommen ist: In einem Mediationsverfahren sei er mit seiner Frau im letzten Herbst übereingekommen, die Tochter auch nach der Scheidung gemeinsam aufzuziehen. Schliesslich habe er jahrelang Teilzeit gearbeitet und Elena betreut, derweil die Mutter studierte. Doch kurz vor der Unterschrift der Konvention habe sie plötzlich mehr Unterhalt verlangt. Sie drohte ihm das gemeinsame Sorgerecht zu verweigern, sollte er nicht in höhere Zahlungen einwilligen. Er konterte, er habe sich um das Kind gekümmert, sie hingegen nur um ihr Studium. Darauf habe sie ihn angespuckt und ihm angekündigt, dass sie ihm nicht nur Elena, sondern auch die Existenzgrundlage wegnehme. Und er fortan «aufpassen müsse, wo er laufe».
Seither, sagt der Logistiker, lebe er in Angst. Nicht um sein Leben fürchtet er. Ihn quält der Gedanke, dass seine Frau Sorgerecht und Obhut allein bekommen und mit dem Kind für immer im Ausland verschwinden könnte.
Die Version der Mutter und damit die ganze Wahrheit kennt niemand im «ZwüscheHalt». Mit dem Erpressungsmuster aber sind die Betreiber des Hauses bestens vertraut: «Die Frauen haben in Scheidungsverfahren das Gesetz auf ihrer Seite und sie oder zumindest ihre Anwälte wissen das zu nutzen », wie Oliver Hunziker, Initiant des Hauses und Präsident des VeV, festhält. «Väter hingegen werden vom Gesetz sozusagen zur Schlammschlacht gegen ihre Frau gezwungen, weil sie die gemeinsame Sorge gegen den Willen der Frau nicht beantragen können. Also müssen sie beweisen, dass die Kinder bei den Müttern nicht gut aufgehoben sind.»

Zwist schüren statt mildern

Eine absurde juristische Situation, die den Zwist schürt statt mildert, wie mittlerweile viele Fachstellen und Politikerinnen und Politiker einsehen. Beim ersten Besuch im Haus, im Winter, konnten Uehlinger und mit ihm viele Schweizer Väter in Trennung noch auf den Frühling hoffen. Dann nämlich sollte das Parlament das gemeinsame Sorgerecht zum Regelfall erheben. Doch Bundesrätin Simonetta Sommaruga hat die Vorlage zurückgestellt. Damit kam das vorläufige Aus und mit dem Frühling alles anders.
Noch aber ist es kalt draussen und Elena weiss nichts von den Pflastersteinen, welche die Väter, auch die im Haus, aus Protest ins Bundeshaus schicken werden. Gemütlich liegt sie im Licht, das die Lampe auf das braune abgewetzte Brockenhaus-Sofa im Wohnzimmer wirft und spielt mit Papas iPhone. Wohnlich ist es im Reiheneinfamilienhaus. Gemütlich aber nicht. Dafür bräuchte es mehr als bunte Vorhänge an den Fenstern und einen liebevoll gedeckten Tisch. Dafür bräuchte es Möbel und Bilder, die Geschichten erzählen. Auch solche von guten Zeiten.
Diese aber fehlen am langen Tisch, an dem die Gemeinschaft sich nun zum Abendessen versammelt. Weder Freundschaft noch Liebe hat die Menschen daran zusammengeführt, sondern das Schicksal, Angst und Wut. Und diese kocht immer wieder hoch. So heftig, dass Elena die Spaghetti über den Tellerrand wirft, um die Männerrunde zu unterbrechen und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. So sehr, dass der Leiter des Hauses die Väter ermahnt, die Kinder nicht zu vergessen, wenn sie deren Mütter kritisieren.

Tochter versteckt sich zwischen vaters Beinen

Nur einer am Tisch sagt nichts ausser «Danke» und «Bitte». Nicht nur weil er unsere Sprache bloss gebrochen spricht. Vor allem weil alles, was er bisher gesagt hat, ihm zum Nachteil ausgelegt worden ist. Also schweigt der Mann, den wir hier Pedro nennen. Oder weint. Aber auch das nur unter falschem Namen.
Nach dem Umzug der Familie von Spanien in die Schweiz vor vier Jahren hat der 36-Jährige im Geschäft des Schwiegervaters als Bauspengler geschuftet, sechs Tage die Woche, manchmal auch sieben. Pedro ist hart im Nehmen, das sieht man ihm an. Er habe sich immer Mühe gegeben, den Chef zufriedenzustellen. Aber geglückt sei ihm das nie. Also ist er Hausmann geworden, hat die Kinder betreut, während seine Frau arbeiten ging. Die Ehe konnte der Rollentausch nicht retten. Im Gegenteil: Nach einem heftigen Streit im Spätsommer warf die Frau ihn, «den Looser», raus.
Er sei wütend gewesen und heftig geworden, sagte er damals gegenüber den Behörden aus. Geschlagen habe er aber weder Frau noch Kinder. Er habe sie vergewaltigt, behauptete seine Frau.

Ganz ohne Geburtstagskuss

Der Vater arbeitet heute mit kleinem Pensum in der Migros und wohnt seit der gerichtlichen Trennung in einem 9-Quadratmeter- Studio. Den Vergewaltigungsvorwurf hat seine Frau vor Gericht fallen gelassen und in eine Sachbeschädigung umgewandelt. Die Konsequenzen trägt der Spanier trotzdem. Zwei Tage im Monat dürfte er laut Gerichtsbeschluss seine Kinder sehen, für die er die letzten Jahre gewaschen und gebügelt, denen er vorgelesen und vorgelebt hat. Die Besuche haben nie stattgefunden. Einmal nur hat er seine beiden sechs- und vierjährigen Mädchen gesehen, vom Strassenrand aus, am «Räbeliechtliumzug».
Die Begründung des Gerichts steht aus. Bis Pedro sie bekommt, kann seine Pflichtanwältin keinen Rekurs einleiten.

Papa gibt Tochter Gutenachtkuss

Elenas Papa wünscht sich, aufzuwachen wie aus einem bösen Traum.

Der sichtlich gebrochene Mann steht nun auf. Er muss auf den letzten Bus, den Nachtzuschlag kann er sich nicht leisten. Zum Abschied darf er sich eines der Brockenhaus-Puzzles aus dem Schrank aussuchen. Seine Tochter hat bald Geburtstag.
Die Vögel zwitschern in den Bäumen am Bach, beim zweiten Besuch im «Zwüsche-Halt», drei Monate später. Draussen ist es sonnig und warm. Drinnen ist es still und kalt. Roger Uehlinger wohnt nun alleine im Reihenhaus. Elena wurde vorläufig ihrer Mutter zugesprochen. Ihren Vater hat sie seither zweimal gesehen. Doch um sein Vaterglück kämpft er weiter. «Aufgeben», sagt er, «ist keine Option.»
Pedro schweigt und wartet noch immer auf die Begründung des Gerichts. Das Puzzle hat er seiner Tochter schicken müssen. Nicht einmal zu seinem Geburtstag hat er sein kleines Mädchen sehen dürfen.
Warum weiss im «Zwüschehalt» niemand. Den Grund kennt wohl bloss Pedros Ex-Frau. Doch eines vermöchte auch ihre Version der Geschichte nicht ändern: Dass ein Kind seinen sechsten Geburtstag ohne eine Umarmung des Vaters feiern muss, ist falsch. Und müsste bis auf ganz wenige Ausnahmen geahndet werden. Vielleicht braucht es diesen Ort einfach nur, damit das nicht vergessen geht.

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