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Kinderwunsch

Ein Baby? Vielleicht später

paar streit enttaeuscht

Sprengstoff für die Beziehung: Wenn sie kann, will er nicht. Und wenn er endlich will, kann sie nicht mehr. Warum moderne Paare in der Kinderfrage aneinander vorbeileben.

«Später vielleicht.» Das hat Patrizia schon oft gehört. Zu oft. Sie ist 31, ihr Freund Ronny 38. Seit fünf Jahren leben die beiden zusammen, lange genug, um sich zu kennen und zu wissen: Mit dir will ich ein Kind! Doch wenn Patrizia das Thema Kinderkriegen anschneidet, weicht Ronny aus. Er kann sich einfach nicht entscheiden. «Es läuft doch grad so gut mit uns», sagt er, «lass uns noch warten mit einem Kind. Später vielleicht.» Aber sie will die Entscheidung nicht mehr länger hinausschieben. «Jeden Morgen nehme ich die Pille gegen meinen Willen. Ich bin längst bereit für ein Kind. Worauf warten wir?»
Patrizia ist im besten Alter für ein Kind. Und sie wünscht es sich sehnlichst. Wie viele andere Frauen gehört sie absolut nicht zu den vieldiskutierten Gebärverweigerinnen, die zugunsten der Karriere auf Nachwuchs verzichten. Im Gegenteil! Doch wenn es um geringe Geburtenraten geht, werden fast immer nur die Frauen ins Visier genommen, die scheinbar lieber Karriere machen wollen, als Kinder zu kriegen. Nur selten spricht man von den Männern, die sich verweigern. Dabei gibt es mehr kinderlose Männer als Frauen. In einer grossen deutschen Kinderwunsch-Studie gab jeder vierte Mann an, keinen Nachwuchs zu wollen. Aber nur jede siebte Frau will keine Kinder. Klar, Männer können das verschieben, auf «später vielleicht», können sich Zeit lassen mit dem Vaterwerden, für sie tickt keine biologische Uhr. Allerdings stimmt auch das nicht ganz: Ab Mitte vierzig sinkt die Wahrscheinlichkeit für eine erste Vaterschaft. Frauen, die gern Kinder wollen und von ihrem Partner immer wieder auf «später vielleicht» vertröstet werden, gehen also ein grosses Risiko ein, dass es für irgendwann definitiv zu spät ist.

Bei Patrizia und Ronny hat sich die Kinderfrage mittlerweilen zum Sprengstoff für die Beziehung entwickelt. «Ich frage mich, ob er wirklich unentschieden ist oder ob er mich einfach hinhält und mir nicht offen gesteht, dass er gar keine Kinder will», sagt Patrizia. Solche Zweifel nagen am gegenseitigen Vertrauen. Je öfter sie das Thema anschneidet, desto unwirscher reagiert er. «Wir können überhaupt nicht mehr vernünftig darüber reden», sagt Patrizia, «Streit ist jedes Mal vorprogrammiert. Dabei würde ich wirklich gern wissen, was hinter seiner Ablehnung steckt. Es wäre mir lieber, er würde mir die Wahrheit sagen, dann wüsste ich wenigstens, woran ich bin.» Ihre grösste Angst ist, dass sie ihm zuliebe wartet, irgendwann die Beziehung in die Brüche geht und sie dann allein dasteht. Und er eine andere kennenlernt, mit der er dann doch Kinder haben wird.

Kinder statt Karriere? Nicht für den Mann. Jeder Vierte will heute keinen Nachwuchs.

Ein Baby um jeden Preis?

«Der Konflikt kann leicht eskalieren, weil die Positionen sich zunehmend auseinanderdriften», erklärt die Psychologin Christine Carl. Sie hat untersucht, aus welchen Gründen Frauen und Männer keine Kinder wollen. «Es passiert häufig, dass die Frau im Zuge der Auseinandersetzungen ihre eigenen Ambivalenzen zum Kinderthema gar nicht mehr wahrnimmt», schreibt sie im Online-Familienhandbuch. Während der Mann aus Trotz immer vehementer das Nein zur Kinderfrage vertrete.
Wenn es in der Partnerschaft kriselt, ist es sowieso der falsche Zeitpunkt für ein Kind. Da muss jeder erst einmal für sich selbst klären, was ein Kind für sie oder ihn und für die Beziehung bedeuten würde. Gut möglich, dass die Frage unterschiedlich beantwortet wird, sie sich vorstellt, ein Baby würde beide zusammenschweissen, während er das Gegenteil befürchtet, nämlich als fünftes Rad am Wagen zu enden.
Der Partner von Miriam war wenigstens offen und klar: Er hat bereits zwei Kinder aus einer früheren Beziehung und will definitiv keinen Nachwuchs mehr. Anfangs sah Miriam darüber hinweg, 25 war sie damals und jung genug, um sich – und ihm – Zeit zu lassen.

Mann guckt schlafende Frau an

Vielleicht würde er seine Meinung ja doch noch ändern? Sie hoffte vergebens. Er blieb beim Nein und ihr eigener Kinderwunsch meldete sich immer stärker. «Sonst stimmte alles zwischen uns. Er war der Mann, den ich mir gewünscht hatte. Unsere Beziehung war perfekt.» Trotzdem hat sie sich schliesslich getrennt. Schweren Herzens. «Es gab Phasen, in denen ich dachte: Dann lässt dus halt; wir sind doch glücklich zusammen. Aber das hielt jeweils nicht lange an.» Schliesslich wollte sie schon immer Kinder und konnte sich ein Leben ohne kaum vorstellen. Sie hat ihre Liebe aufgegeben, ohne zu wissen, ob sie einen anderen Partner findet und natürlich ohne Garantie, wirklich Kinder zu bekommen. «Wäre ich in der Beziehung geblieben, hätte ich mich bewusst gegen ein Kind entschieden. Wenn ich nun doch keine Kinder kriege, ist das halt Schicksal. Das kann ich besser annehmen», sagt Miriam. Und sie wollte ihrem Partner nicht irgendwann vorwerfen, nur seinetwegen auf eine Familie verzichtet zu haben, und es bitter zubereuen.

Sie hat ihre grosse Liebe aufgegeben, ohne zu wissen, ob sie einen anderen Partner finden wird. Und ohne jede Garantie, dass ihr Kinderwunsch je erfüllt wird.

Negative Kindheitserinnerungen

Bei Männern ist die Entscheidung gegen Kinder häufiger eine Reaktion auf negative Erfahrungen mit dem eigenen Familienhintergrund, hat Christine Carl in ihrer Studie herausgefunden. Auch die Journalistin Meike Dinklage hat aus vielen Interviews mit Männern, die sich dem Kinderkriegen verweigerten, Ähnliches herausgehört: «Als Kinder fühlten sich fast alle ungeliebt und sie wollen die Fehler der Eltern nicht bei eigenen Kindern wiederholen.» Frauen, die es ähnlich schwer hatten, ziehen daraus offenbar einen anderen Schluss: Sie glauben eher, dass sie bei ihren eigenen Kindern alles richtig machen würden. Die meisten von Christine Carl Befragten glaubten auch nicht, dass Kinder eine emotionale Stabilisierung in ihr Leben bringen würden. «Eher befürchten sie, dass Kinder ihre Bestrebungen nach Selbstverwirklichung und die Partnerschaft gefährden könnten.»
«Ich habe bei meinen Eltern erlebt, wie konfliktreich eine Beziehung sein kann», sagt Lars, der von seiner Freundin vor die Wahl gestellt wurde: Entweder er entscheidet sich für ein Kind oder sie verlässt ihn. «Ich habe einfach Angst, zu einer Verbindlichkeit gezwungen zu werden, der ich nicht gerecht werden kann», sagt er. Die Beziehung würde sich durch ein Kind total verändern – Lars befürchtet, eher zum Schlechten. Er kann sich einfach nicht vorstellen, Vater zu sein. «Es gibt dazu keine Bilder in meinem Kopf, die ein gutes Gefühl hervorrufen.» Dass seine Freundin ihm die Pistole auf die Brust setzt, empfindet er als erpresserisch. «Was ist das für eine Liebe, wenn sie ihren Kinderwunsch über unsere Beziehung stellt?»
Dabei sehen sich die Frauen tendenziell in der Defensive. «Warum wird immer der Frau die Schuld gegeben, wenn der Mann sich gegen das Natürlichste der Welt, nämlich den Fortpflanzungswunsch, entscheidet?», schreibt eine Nutzerin im Internet, «warum sollte die Frau zugunsten des Mannes auf so einen ganz elementaren Wunsch verzichten? Abgesehen davon, dass eine solche Beziehung auf Dauer nicht glücklich sein kann.» So apodiktisch sehen das Psychologen nicht. Es gibt zwar Männer, die schon in jungen Jahren und unabhängig von einer Partnerin für sich entscheiden, niemals Kinder zu wollen, die sich deshalb auch konsequenterweise sterilisieren lassen. Für die meisten aber – Männer wie Frauen – ist die Frage nach Kindern keine einmalige endgültige Entscheidung, sondern ein Prozess. Selbst später, wenn die Würfel gefallen sind, so Christine Carl, werde dieser Entschluss noch einmal hinterfragt. Und auch der Paartherapeut Josef Lang hat es mehr als einmal erlebt, dass ihn nach einer längeren Beratung, in der die Kinderfrage zunächst sehr konträr diskutiert wurde, irgendwann eine Geburtsanzeige erreichte.

Zum Vaterglück zwingen?

Das müsste doch alle Frauen beruhigen, deren Männer erst mal ihr Veto einlegen. Es besteht also Hoffnung, dass er es sich irgendwann doch noch anders überlegt. «Ich habe gebeten und gebettelt», schreibt eine Userin in einem Internet-Forum, «irgendwann reichte es mir, ich hörte einfach auf damit und schon waren Zwang und Druck für ihn weg. Plötzlich entwickelte er selbst den Kinderwunsch! » Und wenn das nicht funktioniert? Sollte frau ihn einfach zu seinem Glück zwingen? «Lass es doch darauf ankommen», bekam zum Beispiel Miriam von Kolleginnen zu hören, «wenn du schwanger bist, wird er sich sicher freuen, Vater zu werden und das Kind, sobald es da ist, auch lieben.»
Ein gefährlicher Rat. Denn genau davor haben viele Männer Angst: Dass ihnen eine lebenslange Verantwortung aufgezwungen wird, die sie nicht tragen wollen. Eine Studie des Familieninstituts in Bamberg belegt, dass 47 Prozent aller ledigen Alleinerziehenden in der Schwangerschaft von ihrem Partner verlassen wurden. Fast 80 Prozent der Männer finden, ein Mann sei nicht dazu verpflichtet, sich um das Kind zu kümmern, wenn er gegen seinen Willen zum Vater gemacht wird. Die hohe Scheidungsrate und die Rolle des «Zahlvaters» sind sowieso Argumente, die Männer gern ins Feld führen, wenn sie kein Kind (mehr) wollen.
Eltern zu werden ist in der Regel nicht mehr schicksalhaft, sondern eine bewusste Entscheidung. Ein Kind wird dann geplant, wenn alles stimmt: die finanzielle Grundlage, die Beziehung, die Wohnsituation, seine und ihre beruflichen Wünsche. Weil aber selten sämtliche Bedingungen erfüllt sind, findet sich leicht ein Grund, der gegen ein Kind spricht. Eigentlich grenzt es an ein Wunder, dass trotzdem noch so viele Kinder geboren werden. So ist es nicht verwunderlich, dass bei aller «Planerei» die wenigsten Paare, die Nachwuchs erwarten, den Zeitpunkt für perfekt halten. «Die Tragweite einer Entscheidung gegen Kinder ist genauso gross wie die Entscheidung dafür – beide lassen sich ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht wieder rückgängig machen», sagt Christine Carl.
Entscheiden zu können, ob und wann ein Kind gezeugt wird, ist unbestritten ein Fortschritt unserer Zeit. Entscheiden zu müssen ist der Fluch, der damit verbunden ist. Manche Paare wünschten sich daher, sie könnten die Entscheidung einfach jemand anderem überlassen – dem Schicksal zum Beispiel. Denn neben allen rationalen Gründen, die für oder gegen ein Kind sprechen, ist das Kinderkriegen vor allem eine Herzensangelegenheit. Und ein Abenteuer, auf das sich beide einlassen müssen.

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