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Vaterschaft

"Die Mutter kann das einfach viel besser"

Der moderne Vater tut wenig und kassiert dafür viel Lob, sagt Tobias Moorstedt. Er ist selbst ein Vater, der sich viel vornahm und dann doch die Mutter machen liess.

Bücher von Müttern über die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf gibt es unzählige. Die Väter hingegen sind erstaunlich ruhig. Nun erhebt mit Tobias Moorstedt einer das Wort und analysiert schonungslos, wie er und viele seiner Geschlechtsgenossen an den Erwartungen einer gleichberechtigten Elternschaft scheitern. «Wir schlechten guten Väter» hat er sein Buch genannt.

wir eltern: Wann haben Sie gemerkt, dass Sie ein schlechter guter Vater sind?
Tobias Moorstedt: Da gibt es so einige Momente, wobei ich schon klarstellen muss, dass ich nicht das Gefühl habe ein schlechter Vater zu sein. Ich bin einfach nicht ein so guter Vater, wie ich es mir selbst und anderen gerne erzähle.

Was erzählen Sie sich denn?
Dass ich ein moderner Mann und Vater bin, dass ich mich gleichberechtigt mit meiner Frau um die Kinder und den Haushalt kümmere. Ich habe mir aber gar nie überlegt, was dies konkret bedeuten würde. Unser Kind wurde geboren, meine Frau ging in Elternzeit. Dann kam die Pandemie, dann unser zweites Kind. Meine Frau, eine Chirurgin, ging nicht mehr arbeiten – weil es so praktischer war. Ich ging immer mehr arbeiten, sass tagelang in meinem ruhigen Büro, während meine Frau im Lockdown alles alleine schaukelte. Ich war also genau der Feierabend-Vater, den ich nie hatte werden wollen.

Gab es ein Erlebnis, dass Ihnen die Augen öffnete?
Ja einige, eines war an einem Elternabend unserer Kindertagesstätte. Es waren etwa 60 Prozent Mütter und 40 Prozent Väter anwesend, so weit so gut. Doch dann sagte der Erzieher irgendwann: «Ich kann euch nur empfehlen, den Namen der Kinder in die Klamotten zu bügeln. Damit ihr die Sachen wiederfindet. Und damit eure Männer die Klamotten erkennen.» Er tat dabei so als seien wir Väter gar nicht anwesend. Meine erste Reaktion war: Was fällt dem ein. Ich kenn die Klamotten meiner Tochter! Zweite Reaktion: Eigentlich schaue ich doch jedes zweite Mal auf die Etiketten. Und die hat natürlich meine Frau eingebügelt. Dritte Reaktion: Vor einer Woche habe ich trotzdem einen falschen Anorak mit nach Hause geschleppt.

Nun ja, das passiert den besten Müttern.
Aber das war ja nur der Anfang. Von da an realisierte ich, dass ich vielleicht doch nicht alles so gut im Griff habe, wie ich es mir einrede. Plötzlich fielen mir kleine alltägliche Handgriffe und Handlungen im Haushalt auf, die ich wie selbstverständlich und meist unausgesprochen an meine Frau outsource: das Schneiden der winzigen Fingernägel zum Beispiel. Das Putzen der Fenster, ich sehe den Dreck halt einfach nicht. Oder die Koordination von Kindergeburtstagen und das Besorgen von Geschenken – keine Ahnung warum, eigentlich kaufe ich sehr gerne in Spielzeugläden ein.

Statt sich mehr um ihre Kinder zu kümmern, haben Sie dann ein Buch geschrieben mit dem Untertitel: «Warum Männer sich erfolgreich gegen Familienarbeit wehren». Eine beliebte Ausrede ist sicher: «Ich hab einfach zu viel zu tun.»
Da erwischen Sie mich auf dem richtigen Fuss. In der Tat neige ich dazu, mir stets so viele Projekte zu organisieren, dass ich gar nicht anders kann, als sehr viel zu arbeiten. Aber durch die Recherche an meinem Buch weiss ich jetzt auch, dass das feige ist, eine Ausrede. Väter können ja nur so viel arbeiten, weil Mütter ihnen den Rücken freihalten. Die meisten Frauen können das nicht.

Männer überlegen sich selten bis nie, ob sie Karriere und Kind unter einen Hut bringen.

Hat sich Ihre Frau denn nie beschwert?
Diese Frage gefällt mir nicht, weil sie impliziert, dass es wieder an den Frauen liegt, dass diese sich halt wehren müssen, ihre Männer in die Pflicht nehmen müssen. Mit dieser Argumentation wird aber auch klar, dass sich die allermeisten Männer sofort aus der Familien- und Erziehungsarbeit winden, wenn sich eine Gelegenheit bietet. Wir «guten schlechten Väter» nehmen uns viel vor, sind gedanklich gleichberechtigt, aber bei der ersten Möglichkeit rutschen wir in die alten Rollen.

Wird es den modernen Vätern zu leicht gemacht?
Ja, ich finde schon. Als Vater muss man sich doch nur ein bisschen bemühen und schon wird man allseits gelobt. Einmal pro Woche Mittagessen kochen: wow. Sie können Ihre Tochter nach einem Sturz beruhigen? Gibt es ja nicht! Sie trauen sich, mit zwei Kindern Zug zu fahren? Wahnsinn! Da ist es für uns einfach, uns zurückzulehnen, und zu sagen: «Ich mach ja eh mehr als alle anderen.» Aber das ist ein blödes Argument. Denn es wird immer jemanden geben, der fauler und ignoranter ist als man selbst.

Sie und Ihre Frau seien ein typisches «Gender Legacy Couple», schreiben Sie, was meint der Begriff?
Der Begriff umschreibt jene gut ausgebildeten Paare, die in der Theorie verstanden haben, dass die Gleichberechtigung alle Ebenen betreffen muss. Paare, die ständig darüber reden, wie wichtig ist, dass sie die Rollen aufbrechen. Aber eigentlich ist es nur eine sehr elaborierte Form des Selbstbetrugs.

Ganz schön harte Worte.
Die ich aber mit Zahlen belegen kann. 75 Prozent der Paare in Deutschland sagen, dass sie sich die Arbeit in der Familie gleichberechtigt teilen wollen, umsetzen tun dies aber nur 14 Prozent. In der Schweiz wird es ähnlich sein.

Weil sie es nicht können oder nicht wollen?
Ich behaupte, weil sie es sich nicht ernsthaft überlegt haben. Ein Beispiel: Ich habe mich nie gefragt, ob ich Kinder und Karriere unter einen Hut bringe. So selbstverständlich war das für mich. Aber absolut jede Frau, die Mutter wird, stellt sich diese Frage. Sich nicht einmal Gedanken machen zu müssen über Vereinbarkeit, das ist die Definition eines männlichen Privilegs.

Die neuen Väter wollen sich engagieren, kriegen es aber immer noch nicht so recht hin. Warum eigentlich?

Sie schreiben aber auch, dass laut Untersuchen die ungleiche Arbeitsverteilung kaum zu Konflikten zwischen den Elternteilen führt. Wo ist denn das Problem?
Der Familienfrieden wird gewahrt, weil beide nicht wissen, wie sie es anders machen sollen. Und es ist auch durchaus schmerzhaft sich einzugestehen, dass man seinen eigenen Idealen überhaupt nicht entspricht. Wichtig wäre aber doch, dass sich werdende Eltern fragen, welchen Wert hat für uns Gleichberechtigung, welche Ziele sind uns wichtiger, materielle oder persönliche?

In der Schweiz lohnt es sich aber oft einfach mehr, wenn einer 100 Prozent arbeitet und der andere sich 100 Prozent um Kinder und Haushalt kümmert.
Das stimmt vielleicht in den ersten Jahren, und das «Lohnen» bezieht sich auch nur auf die Geldfrage, und die kann doch nicht die einzig ausschlaggebende sein, wenn es um die Beziehung zu den Kindern geht. Es gibt viele Gründe, warum Familien von einer flexibleren und egalitäreren Aufteilung der Familien- und Erwerbsarbeit profitieren. Die Zufriedenheit mit der Beziehung steigt nachgewiesenermassen, das Armutsrisiko sinkt. Der Status quo ist untragbar, weil die Zeche am Schluss die Frauen bezahlen, aber auch die Männer haben zu gewinnen.

Was denn genau?
Ein Leben, in dem Geldverdienen nicht oberste Priorität hat. Ich liebe es, früher Feierabend zu machen, meine Kinder abzuholen und noch etwas Zeit auf Spielplätzen und in Parks zu verbringen. Wie kann man das als Vater nicht wollen?

Man liest aber immer mehr Texte, die sagen 50:50 ist Unsinn, wenn beide alles machen, braucht alles doppelt so lange.
Ich will sicher nicht das 50:50-Modell gesetzlich festschreiben. Wir brauchen eine offene, flexible Struktur, in der Familien die Lösung finden können, die ihren Bedürfnissen und Wünschen entspricht. Aber die Zeit vor und nach der Geburt ist sehr reizintensiv. Es ist kein Wunder, dass viele Paare keine Muse finden mögliche Teilzeit-Modelle durchzurechnen. Viele glauben vielleicht auch: Unsere Liebe ist so gross, wir werden eh nicht wie die anderen. Aber wenn man sich nicht gemeinsam ein Ziel setzt, dann läuft man Gefahr, dass man den Weg des geringsten Widerstandes hinabrutscht.

Eine beliebte Ausrede von Vätern, die sich aus der Kleinkinderbetreuung raushalten, ist, «sie kann das einfach viel besser».
Ein selten doofer Satz. Ich nenne es die «strategische Inkompetenz» der Männer. Wir Männer inszenieren uns ja gerne als kompetente Typen. Was wir nicht alles schaffen: Eine Firma gründen, kein Problem, gerissener Keilriemen, kein Problem – aber wenn es dann ums Wäsche waschen oder die Organisation eines Kindergeburtstages geht, kriegen plötzlich alle kalte Füsse. Als ob Frauen biologische Superkräfte hätten, die es ihnen einfacher machen, die Wäsche zusammenzulegen. Der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann nennt die modernen Väter «schlechte, schuldbewusste Schüler» der Frau. Ich finde, das klingt nicht nach einer attraktiven Rolle.

Sie gehen mit dem eigenen Geschlecht hart ins Gericht. Wie sind die ersten Reaktionen?
Bislang habe ich keine negativen Reaktionen bekommen. Schon bei der Recherche, als ich mit gut zwei Dutzend Väter geredet habe, bemerkte ich, dass die meisten Männer sehr gerne über ihr Leben als Vater reden – auch über Widersprüche. Aber sie tun es viel zu selten. Für das Buch habe ich auch eine repräsentative Umfrage durchführen lassen, und mich hat doch überrascht, dass nur gut 30 Prozent der Männer sich mit anderen Vätern über ihr Leben austauschen. Mütter tun das dauernd! Geht es da um Coolness? Falsche Männlichkeit? Ich würde mich sehr freuen, wenn mich bald mal ein anderer Vater aus der Kita fragt, ob wir noch Kleider in der Grösse 86 übrighaben.

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