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Pränatale Prägungen

«Die Mutter hat Einfluss aufs Ungeborene»

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Die Verantwortung, die auf Schwangeren lastet, nimmt mit den Erkenntnissen über pränatale Prägungen zu. Judit Pòk Lundquist rät zur Freude und nicht zur Sorge.

wir eltern: Lange Zeit schrieb man den ersten zwei Jahren nach der Geburt lebensprägende Wirkung zu. Seit das Interesse der Wissenschaft an der pränatalen Phase erwacht ist, wissen wir, dass viele Weichen bereits vorgeburtlich gelegt werden. Was kommt auf uns zu?

Judit Pòk Lundquist: Die Epigenetik, also das Wechselspiel von Umwelt, Verhalten und Erbgut, ist der neue Hype in der Wissenschaft. Es ist nicht falsch, dass dieses Gebiet erforscht wird. Die Frage ist: Was ist der Benefit für die Schwangere – über den blossen Erkenntnisgewinn hinaus? Schon vor Hunderten von Jahren wussten Hebammen, dass Frauen, die während der Schwangerschaft Alkohol getrunken hatten, kleinere Kinder auf die Welt brachten. Die alten indischen Schriften weisen die schwangeren Frauen an, sich nur mit schönen Sachen zu beschäftigen, denn was die Seele der Mutter erfreut, tut auch dem ungeborenen Kind gut. Man ahnte also schon immer, dass die Mutter Einfluss auf das ungeborene Kind hat. Jetzt versucht man, dies mit dem Instrumentarium der Wissenschaft zu belegen und zu messen. Das alte Wissen gibt sich mit der modernen Forschung die Hand.

Die Tatsache, dass gewisse Prägungen nicht nur an das eigene Kind, sondern sogar an spätere Generationen weitergegeben werden, erhöht den Druck, während der Schwangerschaft alles richtig zu machen.

Wenn ein Kind mit einem Mangel auf die Welt kommt, sei es auch nur eine Hasenscharte oder ein tiefes Geburtsgewicht, suchen Frauen fast immer die Schuld bei sich und wollen wissen, ob sie etwas hätten tun oder lassen sollen. Es liegt auf der Hand, dass sich die schwangere Frau verantwortlich fühlt für das Kind. Mit den epigenetischen Erkenntnissen sollte man jedoch so verfahren wie bei den Giftstoffen, die man in der Schwangerschaft zu meiden sucht: Trinkt eine Schwangere mal ein Glas Wein oder raucht eine Zigarette, trampelt man nicht auf ihrem schlechten Gewissen herum, denn alles ist eine Frage des Masses. Es geht darum, die Relationen zu sehen – und nicht ein schlechtes Gewissen zu machen.

Schwangere Frauen erhalten eine mehrseitige Liste von Lebensmitteln, die sie nicht mehr essen dürfen; sie sollen sich genug bewegen, allem Ungesunden aus dem Weg gehen, mit dem Kind sprechen, den werdenden Vater miteinbeziehen, gut aussehen – und dann noch möglichst wenig Stress haben. Ganz schön anstrengend!

Die Schwierigkeit ist, dass eine Frau heute nicht mehr einfach schwanger sein und diesen freudigen Zustand in seiner Einfachheit geniessen kann. Das ist schade. Mit der Anzahl vorgeburtlicher Tests und in ihrer ganzen Komplexität ist die Schwangerschaft eine grosse Verantwortung. Zumal man heute auch nur noch ein bis zwei Kinder hat – da darf dann nichts schiefgehen.

Was wäre nötig?

Vieles ist eine Folge des modernen Lebens und der heutigen Medizin – die eigentlich etwas Gutes will und auch viel Gutes tut, die aber dann doch die Frauen oft verängstigt. Die Zeit um 100 Jahre zurückdrehen und wieder einfach nur guter Hoffnung sein, geht natürlich nicht; zu viel Zivilisation und Moderne sind um uns herum. Es wäre aber gut, wir würden uns auf das Grundsätzliche besinnen: Ein neues Leben wächst im Bauch einer Frau – das ist ein Grund zur Freude und nicht zu Sorge oder Angst.

Hat der mütterliche Einfluss auch seine Grenzen?

Ganz klar. Es hängt nicht alles vom Verhalten der Mutter ab. Hat die schwangere Frau mal eine Phase der Traurigkeit, wird das Kind deswegen nicht für den Rest seines Lebens einen Schaden davontragen. Sicher ist Schwangerschaftsgymnastik gut. Aber wenn man sie sein lässt, ist es auch in Ordnung. Das neue Leben entwickelt sich bis zu einem bestimmten Grad eigenständig. Letztlich liegt es nicht alleine in der Hand der Frau, ob das Kind ge­sund wird und welche charakterlichen Eigenschaften dominieren werden.

Wir sollten es also loslassen, bevor wir es überhaupt gesehen haben.

Wir sollen es sicher nicht aktiv schädigen, aber ansonsten einfach wachsen und gedeihen lassen. Sich entspannen und vertrauen. Und sich freuen. Die schwangere Frau kann in einem guten Sinn eine passive Rolle einnehmen und einfach geschehen lassen.

Die neuen Erkenntnisse können ja auch Freiheit bedeuten.

Natürlich. Wenn man sich wirklich bewusst ist, dass man mit der Ernährung für sich, für das Kind und sogar dessen Kinder etwas bewirken kann, fällt es einem vielleicht leichter, auf gesunde Kost zu setzen. Jede Frau muss jedoch für sich selbst entscheiden können, was für sie richtig ist. Das ist ganz wichtig: Die Autonomie muss bei der Frau bleiben.


Judit Pòk Lundquist ist Stiftungsrätin von Dialog Ethik und war bis 2012 Leitende Ärztin an der Frauenklinik des Universitätsspitals Zürich.

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