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Vaterrolle

Die Geburt eines Vaters

Vater hält in den Armen sein neugeborene Kind

Das Kind ist auf der Welt. Wie wird nun aber ein Mann zu dem Vater, den er sein möchte? Autor Peter Ackermann über die Suche nach der neuen Rolle.

Am Tag, an dem meine Tochter geboren wurde, fuhr ich allein im Tram nach Hause, um kurz zu duschen und mir frische Kleider anzuziehen. Ich wollte zurück im Spital sein, bevor die Grosseltern eintreffen würden. Während der Fahrt erinnerte ich mich an die vergangene Nacht und an die Verbundenheit mit meiner Frau Nicole, die in meinen Armen gelegen war, als sie unser erstes Kind zur Welt brachte. Nie zuvor habe ich etwas Grossartigeres erlebt, als die Geburt und den ersten Blick in die Augen unserer Tochter. Hannah Lena, dachte ich, die Stirn an der Fensterscheibe aufgestützt, ist das Einzige, was ich in vierzig Lebensjahren gemacht habe, das wirklich Hand und Fuss hat.

Aussteigen und wegfahren

In ihren ersten Lebensstunden glich sie ihrem Urgrossvater, ihrem Grossvater und mir. Hannah ist unverkennbar meine Tochter, und trotzdem erschien sie mir unmittelbar nach der Geburt fern und fremd und ich mir ohne Bezug zu ihr. Ich ertappte mich im Tram beim Gedanken, dass ich beim Bahnhof aussteigen, in einen Zug einsteigen und bis an den Rand des Festlands fahren könnte, und mein eigenes Fleisch und Blut nicht vermissen würde. Ich erschrak. Hannah ist ein Wunschkind. Heute weiss ich, dass man nicht allein durch die Geburt seines Kinds zum Vater wird. Vor sechs Monaten im Tram aber strich ich mir nur mit der Hand übers Kinn und spürte den dringenden Wunsch, mich zu rasieren.
Kinder haben, das wollte ich seit meiner Kindheit, und seither habe ich meinen Wunsch nie ernsthaft in Frage gestellt. Vermutlich, weil ich meine eigene Kindheit als glückliche Erinnerung in mir trage und ich mir deshalb mein Leben mit eigenem Nachwuchs immer als beglückend vorgestellt habe.
Vater sein, so dachte ich, bedeutet Teil zu sein von etwas Wunderbarem, das mich übersteigt.

Hannah ist das Einzige, was ich gemacht habe, das Hand und Fuss hat.

Während der Schwangerschaft empfand ich das Baby im Mutterbauch als abstrakt. Konkrete Vorbereitungen halfen mir, die naturgegebene Kluft zwischen mir und ihm zu verringern, mich ihm gedanklich zu nähern: Ich begleitete meine Frau zu allen Konsultationen bei der Frauenärztin. Klebte Fotokopien von Ultraschallbildern über meinen Schreibtisch. Las Bücher über die Entwicklung des Fötus, inspizierte Spitäler, besuchte einen Geburtsvorbereitungskurs und, obschon handwerklich unbegabt, richtete ich ein Kinderzimmer ein in der Farbe Rosa Venezia. Meine Frau und ich verbrachten auf meine Initiative hin mit unseren Müttern eine Ferienwoche in Cornwall, um die Verbindung zu den zukünftigen Grossmüttern durch schöne gemeinsame Erlebnisse zu stärken. Vor allem aber legte ich jeden Abend meine Hand auf den Bauch von Nicole, um unserem Kind vom vergangenen Tag zu erzählen und von unserer Freude, dass es zu uns kommen würde.
Ein Nest bauen, eine Familie gründen, sich auf das Kommende vorbereiten: Eine schön Zeit war die Schwangerschaft meiner Frau. Aber kann man sich wirklich auf das Vater werden vorbereiten?

Vater sein. Wie geht das?

Als Hannah ein paar Stunden auf der Welt und ich zum Kleiderwechseln zu Hause eingetroffen war, realisierte ich, dass ich eigentlich gar kein Baby erwartet hatte. In meinen Vorstellungen war Hannah bereits oft ein verständiger kleiner Mensch, der gehen und reden konnte und mit dem ich etwas anzufangen wusste. Unter der Dusche dachte ich, dass ich eigentlich keine Ahnung habe, wie das geht: Vater sein.
Ich duschte lange, rasierte mich gründlich zweimal nass und trocknete danach entgegen meiner Gewohnheiten die Armaturen ab, damit sich auf dem Metall keine Wasserflecken bildeten. Als ich endlich im Spital zurück war, standen meine Schwiegereltern und meine Eltern bereits beim Wochenbett. Mein Vater und ich umarmten und küssten uns zur Begrüssung auf die Wangen, wie wir das immer tun und dann gratulierten mir alle kurz zur Vaterschaft, um sich sogleich wieder über das Neugeborene zu beugen und die gewordene Mutter nach ihrem grossen Erlebnis zu befragen.
Meinen eigenen Vater habe ich als Kind als empathisch, engagiert, fürsorglich und originell erlebt. Wenn er bei der Familie war. Er arbeitete Vollzeit und machte während meiner Kindheit in den 70er-Jahren Karriere. Nicht selten stand er frühmorgens auf, um mir einen Drachen aus Seidenpapier zu basteln, den er mir hinterlegte, oder er kreierte Lernhilfen, die beispielsweise den Bedeutungsunterschied der Wörter «wägen» und «wagen» behandelten. Heute weiss ich, dass mein Vater nach meiner Geburt auf seine eigentliche Berufung verzichtete, nicht Jurist wurde, weil er seine Familie durchbringen musste. Seine Funktion als Ernährer frass ihm und mir die besten Stunden seines Tages.

Im Büro Präsenz beweisen?

Hauptsächlich für Brot und Spiele verantwortlich zu sein, erscheint mir kein geeignetes Vater-Modell. Was aber lässt sich an seine Stelle setzen? Wie möchte ich als Vater sein?
Einfacher zu benennen ist, was ich nicht sein will: autoritär, anti-autoritär, abweisend und eben: abwesend. Was aber ist damit gesagt?
Mein Arbeitgeber, eines der führenden Medienhäuser der Schweiz, gewährt mir zum Start meines Familienlebens einen Vaterschaftsurlaub von zwei Tagen.
Ich nehme nach Hannahs Geburt zwei Wochen Ferien, um meiner Frau nach dem Wochenbett den Haushalt abzunehmen und um meine Tochter und all die neuen Tätigkeiten rund um sie kennenzulernen, bei der Familie zu sein. Obwohl mein Chef Verständnis für einen unbezahlten Urlaub zeigt, wage ich nicht, der Arbeit einen Monat lang fern zu bleiben. Der Ausfall eines Monatslohns hätte unser Budget nicht in Schieflage gebracht. Trotzdem verspüre ich beim Gedanken an eine Auszeit Existenzängste. Muss ich im Geschäft tatsächlich beweisen, dass ich nicht in meiner Leistung nachlasse, nur weil ich Vater geworden bin? Meine Ängstlichkeit überraschte und enttäuschte mich zugleich, folgenlos, vorerst.

Babyarm mit Armband

In den zwei Wochen zu dritt bin ich der treu sorgende Vater und auf Egalität bedachte Ehemann, wie ich mir selber als Idee vorschwebe. Ich tanze mit Hannah Walzer, wickle sie unter dem Sternenmobile und wasche sie sogar zwischen den Zehen. Ich nehme die Böden feucht auf, putze die Toilette und den Kühlschank, kaufe ein, koche. Wenn die Kleine nachts aufwacht, trage ich sie herum und lasse sie danach auf meinem Bauch schlafen. Wenn sie mich später weckt, weil sie sich reckt und sich auf meinem Bauch wie eine Raupe zusammenzieht und streckt und schreit, weil sie Hunger hat, spüre ich das Glück in Händen.
Während meines Mini-Vaterschaftsurlaubs zu Hause wird mir Hannah vertrauter. Obschon vieles neu und anstrengend und das Schlafmanko bereits gross ist, erscheint das Leben zu dritt wie von selbst vorwärts zu gehen und schön.

Zwei Tage Vaterurlaub. Mehr Zeit wird in der Schweiz dem Vater nicht gegönnt, um sein Neugeborenes kennenzulernen.

Fühlt sich so Vater sein an?

Als einschneidend empfinde ich den Tag, an dem ich meine Arbeit wieder aufnehme. Als ich frisch rasiert durch den kleinen Park vor unserem Haus zur Tramstation gehe, spüre ich Wassertropfen im Gesicht, die von den Bäumen fallen. In der Nacht hat es geregnet. Der Kiesweg ist noch nass und der Park verlassen. Mir ist, als seien die Bäume, der Weg und die Wiesen von ihren Plätzen gerückt und losgelöst von dieser Welt. Auf meiner Brust spüre ich einen Druck wie nach einer frischen Trennung, das flaue Gefühl im Magen fühlt sich an wie Liebeskummer – wie unmittelbar nach dem unerwarteten Ende einer intensiven Beziehung, von der man sich gewünscht hatte, sie halte ein Leben lang.
Ich habe Hannah während der Ferien zu Hause so gut kennengelernt, dass ich mit einer höheren Trefferquote als meine Frau vorhersagen kann, ob unsere Tochter gestillt oder gewrapt werden möchte, ob sie müde ist oder die Windeln voll sind. Nach drei Arbeitswochen habe ich keine Ahnung mehr, was ihre Bewegungen und ihr Schreien bedeuten. Hannah hat sich während meiner Arbeitszeit weiterentwickelt. Meine Randzeiten mit ihr reichen gerade, um festzustellen, dass sie sich verändert, nicht aber, um ihren Entwicklungen zu folgen.
Ich bereue abermals, nicht länger frei genommen zu haben.

Haushalten? Das war mal

Gleichzeitig ahne ich, weshalb in skandinavischen Familien die Geschlechterrollen nach einer langen gemeinsamen Elternzeit gleichberechtigter verteilt sind als in unserem kleinen Land mit seinem kleinkrämerischen Denken. Als Nicole und ich noch kinderlos waren, beteiligte ich mich fast gleich viel an den Hausarbeiten. Seit ich wieder arbeite, koche ich manchmal abends. Klassische Hausarbeiten hingegen verrichtete ich pro Woche keine Stunde lang. Hausarbeiten, die mit Wasser zu tun haben, erledige ich keine mehr.

Mit Hannah hat ein Mängelleben begonnen: weniger Fussball, seltener Sex, kaum Schlaf. Damit lässt sich umgehen. Ich treffe meine Freunde über Mittag oder dann am Wochenende zusammen mit der Familie. Mein kürzerer Aktionsradius macht mir nichts aus, ich habe in vierzig Lebensjahren wenige Torheiten ausgelassen, die ich nachholen müsste. Aber die Momente allein mit Nicole sind schmerzhaft rar geworden, auch die, in denen ich auf dem Sofa liege, nach oben blicke und an der Decke Sehnsüchte entdecke und Träume entwerfe. Und wenn ich sie mir einmal nehme, werden sie nicht selten beendet durch ein «Peter, könntest du nicht noch ...» oder wenig später ein genervteres «Peter, du wolltest doch noch ...». Dadurch, dass meine Frau unsere Tochter während des ersten halben Jahrs stillt, liegt die Hauptlast der Lebensveränderung bei ihr. Ich benötigte ein paar Wochen, um zu realisieren, dass ich nicht jedes Mal aus Solidarität nachts aufzustehen brauche, wenn Nicole die Kleine zur Brust nimmt.
Ich behaupte nicht, erst durch meine Vaterschaft erwachsen geworden zu sein. Aber seit Hannah auf der Welt ist, fällt es mir einfacher, für meine Interessen einzustehen. Ich beurteile meine Leistungen und die anderer klarer, harter, bin aber im Umgang sanftmütiger. Und erstmals in meinem Leben setzte ich mich für eine Lohnerhöhung ein.

Nach drei Wochen im Büro weiss ich nicht mehr, was ihr Weinen bedeutet.

Flucht vor der Verpflichtung?

Paradoxerweise leiste ich mehr, seit ich Vater bin. Ich gehe früher zur Arbeit, in der Absicht, früh wieder zu Hause zu sein. Stattdessen bin ich oft der erste und letzte an seinem Schreibtisch. Und dies, obschon ich zu meinem eigenen Erstaunen trotz Schlafmangel fokussierter und konzentrierter bei der Sache bin als zuvor, weil mich die Stündchen mit der Familie und die Minütchen für mich gelehrt haben: Nutze die wenige Zeit, die du für irgend etwas hast. Neben meinem Vollzeitpensum schreibe ich an anderen Texten, so wie jetzt, nachts, zwischen zehn und ein Uhr nachts, wenn Nicole und Hannah schlafen.
Ich arbeite mehr denn je.
Warum? Fliehe ich vor der Verpflichtung gegenüber Hannah? Fürchte ich insgeheim die Erwartungen meiner Frau an mich?
Mit zwanzig träumte ich davon, dass meine dereinstige Frau und ich uns die Kinderbetreuung und den Haushalt einmal gleichermassen teilen würden. Beide würden Teilzeit arbeiten, dachte ich, beide 60 Prozent. Mit dreissig stutzte ich meinen Traum auf eine realitätsnähere Vorstellung zusammen: Meine Frau würde einmal 40 bis 60 Prozent arbeiten, ich 80. Mit vierzig weiss ich, dass aufgrund von Nicoles typischem Frauenlohn und der Kosten für die Fremdbetreuung vieles für eine traditionellere Aufgabenteilung spricht. Meine Frau arbeitete zu einem anständigen Lohn in leitender Position im Gesundheitswesen. Aber Kaderpositionen im Jobsharing sind rar. Als normale Mitarbeiterin wird sie weniger verdienen. Nicole wird an einem neuen Ort voraussichtlich bis zu 40 Prozent arbeiten, während ich als Hauptverdiener häufiger abwesend sein werde, als es mir lieb ist.
Bin ich durch die Familiengründung konservativer geworden oder zwingt mich das wirtschaftlich Mögliche zur Retraditionalisierung? Bewilligt mein Arbeitgeber einen Vater-Tochter-Tag pro Woche, an dem ich meine Beziehung zu Hannah unabhängig von der zur Mutter stärken kann?
Der Spielraum für die Ausgestaltung meines Vater seins ist schmal. Zwischen meinem vagen Vaterbild und meinem Vateralltag liegt eine Unvereinbarkeit, die ökonomische Sicherheit. Erging es meinem Vater damals in den 70er-Jahren nicht ähnlich?

Vater und Tochter kuscheln.

Die erste Trennung vom Baby fühlt sich an wie Liebeskummer.

Kein Gute-Nacht-Kuss-Papi

Vier Monate nach Hannahs Geburt stelle ich mit grossem Unbehagen fest, dass ich auf dem besten Weg bin, das zu werden, was viele an sich aktive, engagierte, sogenannt moderne Väter in meinem Freundeskreis geworden sind und was ich nie sein wollte: ein Mann am Rande des Kinderzimmers. So lange die Wirtschaft und die Politik in diesem Land nur für die Frauen bescheidene Strukturen wie Teilzeitarbeit und Mutterschaftsurlaub bereitstellen, um die Kinderbetreuung und die Erwerbstätigkeit miteinander zu vereinbaren, können Männer wie ich nicht so engagierte Väter sein, wie wir es gerne möchten. Moment! Wollen die Männer sich hierzulande überhaupt stärker bei ihren Kindern und im Haushalt einbringen? Ich bin überzeugt: Wenn die Männer wollten, dann gäbe es in der Schweiz den Vaterschaftsurlaub längst.
Die Angst, mich selbst in die Situation eines Gute-Nacht-Küsschen-Vaters zu manövrieren, ist gross. So gross, dass ich mit meinem Chef spreche, um mein Pensum zu reduzieren.
Bin ich bei Hannah, fühle ich mich gut. Ich glaube, dass sowohl meine Frau als auch ich vieles im Umgang mit ihr instinktiv richtig machen.
Mindestens einmal pro Woche schaue ich die unzähligen Fotos an, die wir jeden Tag von ihr aufnehmen, um dem habhaft zu werden, was mit ihr und uns geschieht und was ich ohne die Bilder schwer einordnen könnte.
Ich weiss, ich will ein guter Vater sein. Was das genau ist, weiss ich noch immer nicht. Meine Grossmutter sagte einmal: Kinder muss man lieben, der Rest ist Kosmetik. Vielleicht hatte sie recht.
Es ist nachts um drei geworden, und ich bin noch am Schreiben. Im Nachbarzimmer schreit Hannah. Sie hat sich durch das Husten ihrer ersten Erkältung geweckt. Gleich stehe ich auf und schaue nach ihr, während der Cursor auf dem Bildschirm im begonnenen Satz weiter blinken wird. Vielleicht findet die Kleine in meinen Armen Schlaf, vielleicht hat Hannah Hunger und wird gleich gestillt, vielleicht wird sie mit ihren Händen in mein Gesicht langen und die kitzelnden Haare meines Zwölftagebarts erkunden.


Peter Ackermann (40) ist verheiratet und Vater einer Tochter. Er arbeitet als stellvertretender Ressortleiter Reportagen bei «annabelle» und wurde für seine Artikel mehrfach ausgezeichnet.

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