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Elternkolumne

Die Familienzeit verfliegt zu schnell

Das Familienleben strotze allzu oft vor Sehnsucht und Wehmut, meint die Journalistin Rita Angelone. Doch besonders schmerzvoll fühlen sich die Dernièren an.

Viel zu oft packt uns die Ungeduld, den nächsten vielversprechenden Meilenstein im Leben zu erreichen. Sind wir jung, wollen wir schnell erwachsen werden. Gehen wir zur Schule, brennen wir darauf, diese zu beenden. Kaum in der Berufswelt erwarten wir, zügig befördert zu werden, um dann schon bald der Pensionierung entgegenzufiebern. Ist es so weit, realisieren wir, dass es nichts mehr gibt, worauf wir eiligst hinsteuern könnten – ausser dem Lebensende. Dann bedauern wir, nicht mehr Geduld an den Tag gelegt und jeden einzelnen Moment in seiner ganzen Langsamkeit bewusster genossen zu haben.

Mit Familie und Kindern verhält es sich ähnlich: Wünschen wir uns ein Kind, soll es blitzartig einschlagen. Kaum schwanger, möchten wir die ersten Ultraschallbilder sehen, die ersten Tritte spüren und schon bald darauf, endlich gebären, weil wir den Bauch nicht mehr ertragen. Ist das Kind da, zählen wir die Lebenswochen und hoffen, dass die ersten Monate mitsamt Koliken und Geschrei schnell vorbeigehen. Ungeduldig freuen wir uns auf die Breieinführung, den ersten Zahn, das erste Wort. Müde vom ständigen Herumtragen sehnen wir uns nach dem ersten Schritt und dann aufs Velo- und Skifahren. Die Trotzphase überstehen wir nur in der Hoffnung, dass sie schnell vorbeigeht.

Ist es dereinst so weit, haben wir nicht viel davon, weil die Kinder praktisch nicht mehr zu Hause sind. Kindergarten, Schule und Freizeitaktivitäten haben sie fest im Griff, und ehe wir uns versehen, kommt der Nachwuchs nur noch nach Hause, um zu essen und die Kleider zu wechseln. Jetzt realisieren wir, dass es in Sachen Familie und Kinder nichts mehr gibt, worauf wir ungeduldig hinsteuern könnten, ausser vielleicht auf die Ankunft von Enkeln, um mit ihnen – endlich! – im Hier und Jetzt zu leben und jeden einzelnen Tag bewusst zu geniessen.

Die ersten mit unzählbaren Erlebnissen und Emotionen voll bepackten Familienjahre erschienen mir unendlich lang. Die Tage mit Kleinkindern und die durchwachten Nächte wollten kein Ende nehmen. Doch in dieser Zeit, die sich wie Kaugummi zog, habe ich so vieles zum ersten Mal erlebt: das erste Lächeln, das erste Wort und der erste Schritt. Die erste Nacht bei den Grosseltern, der erste Chindsgiund Schultag, das erste Lager. Das erste Konzert, die erste Theateraufführung, das erste Fussballturnier. Die ersten Fahrten auf dem Trotti, auf dem Velo oder auf den Ski. Es gab so viele Premieren zu feiern.

Und plötzlich ging mir alles zu schnell.
Mein Plangen auf vermeintlich bessere Zeiten, auf das Erreichen nächster Meilensteine in der kindlichen Entwicklung wurde entgegen allen Erwartungen abgelöst von der immer öfter auftauchenden und melancholisch stimmenden Feststellung: «Das war jetzt das letzte Mal!» Das war er also, der letzte Schoppen, der letzte Krippentag. Das war sie jetzt, die letzte Nacht im Gitterbett, die letzte Ausfahrt im Kinderwagen, der letzte Sonntag alle zusammen im Bett.

Jetzt wollte ich auf die Bremse treten.
In zwei Jahren wird mein Grosser bereits volljährig sein, dicht gefolgt vom Kleinen. Wann werden sie von dannen ziehen, ihren eigenen Weg gehen, mich nicht mehr brauchen? Jetzt verfliegt sie, diese tückische Zeit, die sich umgekehrt proportional zu meinem Empfinden verhält. So wie in den Ferien, wenn mir die erste Ferienwoche unendlich lang vorkommt, und kaum ist die Ferienmitte erreicht, geht es nur noch bergab. Nach dem ungeduldigen Sprint von Premiere zu Premiere in den ersten – im Nachhinein betrachtet nur so dahinfliegenden – Jahren trödle ich nun im Schneckentempo durchs Familienleben und bin froh, wenn alles möglichst lange so bleibt, wie es ist – in der Hoffnung, die letzten Dernièren zu vertagen.

Wie sehr wünschte ich mir diese nie enden wollenden Tage von damals zurück und dass die Zeit einfach stehen bliebe.

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