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Schicksal

Der Tod ist keine Parkbank

Illustration: Wolf Erlbruch aus dem Buch «Ente, Tod und Tulpe»

Der geliebte Opa ist tot. Er schläft jetzt ruhig, hören die Kinder dann oft. Reicht das als Erklärung? Ein Plädoyer, sich dem Tod im Leben anzunähern. Den Kindern zuliebe.

Opa ist nicht mehr. Tot. Und zwar für immer. Gerade war die Welt noch frei von Sterben und Tod, und mit einem Mal schlagen diese unangenehmen, unausweichlichen Begleitumstände des Lebens in die Familie ein. Und während Eltern sich verzweifelt darum bemühen, mit ihren eigenen Gefühlen in der so schwierigen Situation irgendwie zu Recht zu kommen, sollten sie sich auch noch um die Trauer der Kinder kümmern. Dabei wollen Eltern das Richtige tun, wissen aber nicht was. Denken und Handeln in Ausnahmezuständen ist schwierig. Macht es da nicht Sinn, die Kinder vorher auf den Tod vorzubereiten? Schliesslich ist der Tod immer da. Er ist nicht nur möglich, sondern tatsächlich. Er ist nicht wahrscheinlich, sondern ganz bestimmt.
Niemand kann seine Kinder den Umgang mit Sterben und Tod ersparen. Und Eltern, die ihre Kinder vor der Schattenseite des Lebens beschützen wollen, tun dies nur an der Oberfläche – darunter beschützen sie sich selbst. Denn Kinder auf den möglichen Verlust von Freunden und Angehörigen vorzubereiten, bedeutet immer auch, sich als Erwachsener selbst den eigenen Defiziten im Umgang mit diesem Thema zu stellen. Und in unserer modernen Gesellschaft werden diese Defizite nicht nur immer grösser, sondern zugleich von einer Art Scheinwissen überdeckt. Die Menschen glauben, alles über das Sterben und den Tod zu wissen, weil sie Stieg Larssons Millenium Trilogie verschlungen haben und regelmässig den Tatort gucken. Die meisten jedoch ignorieren ihre eigene Sterblichkeit und wissen nichts darüber, wie der Tod eines geliebten Menschen auf sie wirken wird. Diese Ignoranz hat auch Einfluss auf Kinder. Wir finden keine Worte mehr für etwas, das eigentlich selbstverständlich und sichtbar zum Leben dazugehören sollte.

Kann ich Opa aufwecken?

Der dänische Familientherapeut und Bestsellerautor Jesper Juul hat es kürzlich in einer Kolumne so formuliert: «Kinder sollten alles über den Tod erfahren dürfen, um ihn als Tatsache des Lebens zu begreifen. Das gibt ihrem Leben eine neue Perspektive und vermittelt ihnen ein tieferes Verständnis der Wirklichkeit.»
Aber von wem können Kinder etwas über den Tod erfahren, wenn die Erwachsenen ihn aus ihrer Sicht verbannen und unter ihrer eigenen Sprachlosigkeit begraben? So findet sich in diversen Ratgebern zu der Problematik, wie man Kinder im Umgang mit Sterben und Tod aufkläre, häufig der Vorschlag, man solle keine beschönigenden Erklärungen abgeben, die nur zusätzlich verwirren würden. Was soll ein Kind denken, wenn es von den Eltern Sätze hört wie «Die Oma schläft jetzt» oder «Dein Onkel ist jetzt an einem besseren Ort»? Wieso schläft Oma? Kann man sie auch wieder aufwecken? Muss ich mir vielleicht Sorgen machen, dass ich auch einschlafe und nicht mehr aufwache? Ist der Ort, an dem ich mich jetzt befinde, schlecht?
Dieser Vorschlag klingt einleuchtend. Aber mit welcher inneren Kraft, mit welcher Autorität sollen wir für unseren Nachwuchs klare Worte finden, wenn wir selbst versuchen, uns den Tatsachen durch Beschönigungen zu entziehen. «Jetzt darf sie sich ausruhen. » «Er ist von uns gegangen.» Aber der Tod ist weder eine Parkbank, auf der man gemütlich sitzt und Himmelsenten füttert, noch eine Art ewiger Spaziergang, zu dem man aufbricht, nachdem man seine mehr oder weniger lange Lebensspanne hinter sich gebracht hat. Und wenn Sie jetzt, genau an dieser Stelle, denken, dass ich das doch gar nicht wissen kann, dann haben Sie zwar Recht. Aber gleichzeitig gehören Sie auch zu der grossen Gruppe derjenigen, die verdrängen und verschweigen, was wir darüber wissen. Die Zahlenstärke dieser Gruppe nimmt stetig zu und es bedarf einiger Anstrengung, Menschen aus ihr herauszuführen – Anstrengungen wie diese:
Vor einigen Jahren erbaute der Schweizer Architekt Gion Caminada für sein Graubündner Heimatdorf Vrin die Stiva da morts eine gemeinschaftliche Totenstube, in der die Menschen zusammenkommen können, um über sich und die Verstorbenen zu sprechen. Um den Lebenden wie den Toten nahe zu sein. Denn Trauerriten verändern sich nicht nur im urbanen Umfeld. Auch in ländlichen Gemeinden wenden sich die Menschen von der alten Tradition der Aufbewahrung von Verstorbenen in den eigenen vier Wänden ab, weil sie das Gefühl haben, sich diesem Prozess nicht mehr aussetzen zu wollen oder zu können. Hellsichtig und mit viel Feingefühl erkannte Caminada, dass hier eine Gemeinschaft ins Schweigen abzugleiten drohte und schuf eine Alternative, die es erlaubt, dem Tod zu begegnen.

Illustration: Der Tod legt eine Ente im Fluss

Der Tod ist keine Zumutung

«Also die Leute wollten einen Aufbahrungsraum, einen öffentlichen Aufbahrungsraum; die wollten die Toten nicht mehr daheim haben. Wir haben natürlich auch gefragt: warum? Der Pfarrer hat zum Beispiel gesagt, die Stuben sind zu klein –, das stimmt natürlich überhaupt nicht, früher waren die Räume viel kleiner. Dahinter steckt eine ganz andere Wirklichkeit: die Verdrängung des Todes. Das war in Vrin wie überall auch der Fall. Das kann man den Leuten auch nicht übel nehmen. Das ist einfach etwas Zeitgemässes. Und wir haben dann das nicht einfach so hingenommen, sondern wollten mit den Leuten drüber diskutieren Und die Diskussionen, die wir dann geführt haben, die waren sehr schön, das ganze Dorf ist gekommen.»

Von uns gegangen? Der Tod ist kein Spaziergang bei dem man Himmelsenten füttert.

Der Tod als etwas Unzeitgemässes – sowohl in Vrin als auch in Zürich. Wir bringen weder Zeit noch Interesse für den Tod auf, ja, viele von uns gehen sogar so weit, sich so lange sie können über die Unabänderlichkeit der eigenen Sterblichkeit hinwegzutäuschen. Leben, als ob es immer ein Morgen gäbe. Mit dem griechischen Philosophen Epikur setzen wir darauf, dass uns der Tod nichts angeht: Solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr. Das Gegenteil ist der Fall. Wir laufen auf Toten. Und weil wir nicht länger bereit sind, auszuhalten, dass der Tod uns etwas angehen muss, verändern wir unsere Wahrnehmung, damit der alte Satz wieder stimmt: Solange wir existieren, hat der Tod nicht da zu sein! Wenn wir allerdings daran festhalten, verpassen wir etwas. Oder wie Gion Caminada es formuliert: «Tod hat etwas sonderbar Schönes.» Tod kann darüber hinaus so vieles haben, besonders für Kinder. Er kann witzig sein, eklig, faszinierend, furchtbar, zauberhaft langweilig oder schlicht unfassbar. Auch und gerade bei diesem Thema steht es uns als Erwachsene nicht zu, Kindern zu sagen, was und wie sie zu fühlen haben. Genau das tun wir aber. Wenn Kinder am Grab des Vaters nicht weinen, dann sind sie kaltherzig. Wenn sie den Tod einer entfernten Verwandten tränenüberströmt betrauern, übertreiben sie. Wie sie es machen, es ist verkehrt. Das liegt aber nicht an ihnen. Wir sind es, die etwas verkehrt finden. Für uns ist der Tod, jeder Tod eine Zumutung. Ein Fehler, eine Gemeinheit, ein Irrtum der Natur. Darüber hinaus unterliegen wir dem Irrglauben, wir hätten ein Anrecht auf die Reaktionen der Kinder.

Der Tod hat etwas sonderbar Schönes.

Warum stirbt man überhaupt?

Diese reagieren jedoch weder für die Toten noch für uns. Sie reagieren ausschliesslich für sich und beschäftigen sich mit fünf fundamentalen Fragekomplexen:
1. Warum stirbt man überhaupt? Hat man etwas falsch gemacht? Kann ich mir erfolgreich wünschen, nicht zu sterben oder dass ein anderer stirbt?
2. Sterben wirklich alle? Passiert das jedem, also auch mir?
3. Ist der Tod endgültig oder nur eine Phase?
4. Wie ist tot sein? Was macht man dann? Womit kann man tot sein vergleichen?
Wenn Erwachsene es zulassen, stehen sie vor den gleichen Fragen. Einigen gelingt es sogar, mithilfe eines Glaubensbekenntnisses, einer Weltanschauung oder der Wissenschaft, für sich brauchbare Antworten zu finden. Kinder verfügen darüber allerdings nicht im gleichen Masse. Sie finden Antworten, in dem sie kreativ sind, aufschnappen, verwechseln, imaginieren oder ablehnen. Für beide gemeinsam, Erwachsene wie Kinder, ist es möglich und nötig, über das gerade oder in naher Zukunft Geschehene ins Gespräch zu kommen. Dafür braucht es nicht unbedingt eine Vriner Totenstube in Strickbauweise. Eine Familie ist ein mindestens ebenso guter Ort. Mit Jesper Juul könnte man auch sagen: «Ein Ort für herausfordernde Gefühle und Gedanken.» Die Auseinandersetzung mit dem Tod gehört dazu.

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