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Schule

Der Ernst des Lernens

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Spielerisch lernen, lachende Schüler, Lehrer als Entertainer – was lange als Ideal galt, wird zunehmend in Frage gestellt: Muss Schule vergnüglich sein?

Winzige Blümchen in Türkis zieren Suzettes Bikini, bunte Punkte den Sonnenschirm und an den Sandkörnchen zeichnet die Fünftklässlerin noch. Korn für Korn. Zwei Stunden zieht er sich jetzt hin, dieser Teil der Französisch-Hausaufgabe: «Male, was du von ‹Suzette est heureuse d’être allongée sur la plage› verstanden hast.» Malen macht Spass. Aber machen nachmittagsfüllende Hausaufgaben Spass? Müssen sie statt effizient vergnüglich sein? Genau genommen: Muss Schule überhaupt Spass machen, der Schüler lachend lernen und der Lehrer notwendige Anstrengung unauffindbar verstecken?

Ja, so bislang der Chor der Pädagogen. Nein, sagen neue Untersuchungen. Zwar machen Planeten aus Pappmaché mantschen, «diskutiere mit deinem Nachbarn» oder Einmaleins-Mandalas ausmalen jede Unterrichtsstunde zum Event. Nur – bringen tut es nichts. Nicht mal der Lernfreude. Im Gegenteil. Erstens zieht Chichi die Aufgaben oft zäh in die Länge, und zweitens schadet anbiederndes Kaschieren von Arbeit der Motivation. Denn Schüler wollen vor allem eines: ernst genommen werden und Erfolgserlebnisse. Echte. Bemühte Lustigkeiten und sich ankumpelnde Lehrer bedienen nichts davon.

Können bewirkt Freude am Lernen

«Spass an der Schule bedeutet in erster Linie Spass an der Kompetenz», sagt Elsbeth Stern, Kognitionspsychologin und Lernforscherin an der ETH Zürich. Diese Definition ist ihr wichtig. Denn im Kielwasser des Hirnforschungs-Hypes habe sich deren prinzipiell richtige Erkenntnis, dass besonders gut im Kopf haften bleibe, was mit positiven Emotionen aufgeladen sei, in Richtung Feelgood-Unterricht verselbstständigt. Dabei ist das ein Missverständnis. Denn positive Emotionen haben nicht zwingend damit zu tun, dass Primarschullehrerinnen stets manisch lächeln. Auch nicht damit, dass fröhlich freie Kinder ihre Aufgaben vollkommen eigenständig kontrollieren dürfen – und – so ist des Menschen Natur – munter Häkchen hinter falsche Ergebnisse setzen.

«Erleben von Können bewirkt Freude am Lernen», sagt Elsbeth Stern nachdrücklich. «Zu spüren, ich habe einen Wissenszuwachs, das, was ich gerade gelernt habe, fügt sich mit dem, was ich schon kann, zu einem sinnvollen Ganzen» – das ist positive Emotion. Im besten Fall zu spüren, der Stoff hat etwas mit mir zu tun. Im zweitbesten: Der Lehrer da vorne ist von ganzem Herzen überzeugt, der Stoff sollte etwas mit mir zu tun haben. Begeisterung weckt Begeisterung.

Stern befindet sich mit ihrer Einschätzung in guter Gesellschaft. Zunehmend mehr Wissenschaftler bezweifeln den Wert der Devise «Lernen ist dann gut, wenn es nicht an Lernen erinnert». William Hart von der University of Florida beispielsweise brachte mit seinen Studien das Vertrauen in die segensreiche Wirkung des Spielerischen ordentlich ins Wanken. Stellte er doch fest, dass zwar ehrgeizlose Menschen gute Leistungen bei Tests erbrachten, die als «just for fun» deklariert worden waren. Leistungsorientierte Probanden hingegen schnitten in «ist ja nur Spass» – Prüfungen miserabel ab, sehr gut jedoch, wenn ihnen zuvor «jetzt gilts ernst» annonciert worden war. Take it easy taugt nicht für alle als Erfolgsrezept.

Auch das obligatorische Hardcore-Ermuntern voller: «Du kannst das» und «Du schaffst das» steht inzwischen auf dem Prüfstand der Psychologen. Belegen doch Forschungen, dass eine unverstellte Sicht aufs eigene Können deutlich weiter trägt als künstliche Zuversicht. Dolores Albarracin, Professorin der University of Illinois, stellte in Studien fest, dass die Selbstmotivation «ich bin gut, ich pack das» nur dann etwas bringt, wenn sie die ernsthafte Antwort auf die vorangegangene Frage: «Beherrsche ich das Geforderte?» ist. Getreu dem Ruf von «Bob der Baumeister»: «Können wir das schaffen?» Motivierender Lernerfolg beruht also in starkem Masse auf einem realistischen Selbstbild und Unterricht, der es schafft, eben das zu kreieren. Wahrheit statt Weichzeichner.

Lebensnahe Probleme lösen

John Hattie, laut englischer «Times» der derzeit «einflussreichste Bildungswissenschaftler der Welt», stösst ins gleiche Horn. 56 000 Einzelstudien an 250 Millionen Schülern hat der Professor aus Melbourne in 15-jähriger Fleissarbeit ausgewertet, um herauszufinden, was Lernen fördert und was es hemmt. Die Ergebnisse schlachten gleich mehrere heilige Kühe der Pädagogik: kleine Klassen, offener Unterricht, selbstentdeckendes Lernen mit tollen Materialien – schaden nicht, nutzen nicht. Als segensreich fürs Lernen hat sich amüsantes Gewusel im Klassenraum jedenfalls nicht erwiesen. Definitiv fördernd dagegen sind: Unterricht, in dem möglichst lebensnahe Probleme gelöst werden; Leistungsüberprüfungen mit zeitnahem Feedback und klar führende Lehrer, die Vertrauen wecken, Gespür für Schüler und Humor haben.

Vielleicht hat genau deshalb der nette Schul-Klamaukfilm «Fack ju Göthe» im vergangenen Jahr alle Kino-Rekorde gebrochen. Vielleicht ist darum der Satz des prolligen Aushilfslehrers «Chantal, heul leise!» zu seiner weinenden Schülerin Kult geworden. Triumphiert doch hier ein authentischer kleiner Gauner, der den Alltag seiner Problemschüler kennt, über pädagogisch durchglühte Gutmenschen. «Fresse halten. Deo benutzen» über «Für jedes F-Wort steckt ihr einen Euro in dieses Fröschlein.»

Weniger rüde, doch ebenso klar drückt sich der Neurobiologe Martin Korte aus: «Es ist falsch, die Erwartung zu wecken, Schule müsse stets Spass machen. Muss sie nicht. Schliesslich ist Schule genau dazu da, Dinge zu vermitteln, die man eben NICHT nebenher im Sandkasten lernt.» Von Lehrern, die den Klassenclown geben und keine Disziplin einfordern, hält der Hirnforscher der Universität Braunschweig gar nichts. Gerade für Schüler mit Konzentrationsproblemen sei es wichtig zu wissen, wann es um Spiel und wann um Leistung ginge.

Der innere Schweinehund

Also zurück zur alten Drill-Schule? «Gewiss nicht», sagt Korte. Freude und vor allem eine gute Klassenatmosphäre seien unerlässlich für Lernerfolg. «Wird das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet, dringt der Stoff nicht nur schneller durch, sondern wird auch deutlich länger behalten, als wenn ein Schüler sich nicht gut aufgehoben fühlt.» Auch Wettrechnen, Lachen, Spiele … all das soll zum Unterricht gehören – nur nicht als Camouflage von Arbeit. Denn die darf schlicht eingefordert werden. Stimmt das Lehrer-Schüler-Verhältnis, nimmt kein Kind Anstrengung übel. Im Gegenteil. Wer kennt nicht das angenehme Gefühl, das sich einstellt, wenn man den inneren Schweinehund niedergerungen und trotzdem Joggen gegangen ist.

Und was als Eltern tun, wenn Tochter oder Sohn auch nach diversen Vorträgen über den langfristigen Wert von Bildung den vermeintlich einzigen lebenden Gegenbeweis darstellt für den Glaubenssatz «jedes Kind lernt gerne»? «Zeigen, wie lieb man es hat. Und dann anordnen, dass es seine Pflicht tut. Punkt», sagt Korte fröhlich. «Auch in der Erziehung gilt: Rückgrat ist nicht das Schlechteste.»

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