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Erziehung

Das Vollkasko-Kind

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Bewacht, beschützt und stets von überängstlichen Eltern beäugt – viele Kinder wachsen wattiert auf. Das hat fatale Folgen.

«Dass Mütter ihre Kinder sicherheitshalber zum Chindsgi bringen, daran hat man sich schon gewöhnt», erzählt Vreni Fischer, seit 10 Jahren Kindergärtnerin in Zürich: «Viele ziehen aber auch ihren Kindern noch die Finken an, damit sie bestimmt richtig sitzen.» Wer seinem Kind stets im Nacken sitze, erziehe es zur Passivität, sagt Fischer. «Nicht gerade das Zauberwort für Erfolg.»

Zwar ist Angst um den Nachwuchs kreuznormal und zuweilen lebensrettend. Doch in den letzten Jahren hat diese Angst nicht nur zugenommen, sondern nimmt zudem abstruse Formen an – offenbar in sämtlichen Industrienationen: Da preist ein deutscher Anbieter mit «Track Your Kid» ein Natel an, das wie eine elektronische Fussfessel funktioniert und aufs elterliche Handy eine SMS schickt, wenn das liebe Kleine vom vorher festgelegten Weg abweicht. In Tokio sorgen spezielle Buttons auf der Schultasche dafür, dass Mama stets weiss, wo ihr Sprössling, zumindest aber sein Thek, steckt. US-Firmen arbeiten an Chips, die, implantiert unter die Haut, eine Satelliten-Ortung jederzeit möglich machen. Und manche Eltern in Grossbritannien schauen inzwischen per Webcam ihrem Liebling beim Spielen im Kindergarten zu.

Ist die Welt tatsächlich soviel gefährlicher geworden?

Nein. Die Fakten sprechen eine andere Sprache. Die Zahl der tödlichen Unfälle im Strassenverkehr nimmt in der Schweiz kontinuierlich ab: von 1773 im Jahr 1971 auf 357 im Jahr 2008. Schwere Krankheiten wie Kinderlähmung und Pocken sind nahezu ausgestorben. Entführungen, Sexualdelikte, Gewaltverbrechen kamen vor 30 Jahren doppelt so häufig vor wie heute. Der böse fremde Mann ist erwiesenermassen in über 90 Prozent der Fälle kein bisschen fremd, sondern stammt aus dem Familien- oder Bekanntenkreis.

Rein statistisch gesehen lauert draussen im Finstern niemand. Trotzdem wird das Töchterchen im Winter um 17 Uhr von der Maitli-Riege abgeholt, weil es dann dunkel ist. Kinderleben ist heute so sicher wie nie. Dennoch glauben laut einer deutschen Studie 66 Prozent der Väter und 78 Prozent der Mütter, der Alltag von Kindern sei heute gefährlicher als in ihrer Jugend.

Fast kein Kind darf alleine in die Schule

Nach einem Report des «Childrens Play Council» aus den 90er-Jahren war der sogenannte «Streifradius» von Kindern zwischen sechs und zehn Jahren in den 70er-Jahren fünf Mal so gross wie 20 Jahre später. Gingen, etwa in England, vor dreissig Jahren noch acht von zehn Achtjährigen allein zur Schule, ist es dort heute weniger als einer. Die Zahlen für die Schweiz mögen nicht ganz so drastisch sein – noch. Also kein «Lüüti»-Spiel auf dem Nachhauseweg – Abenteuer ist ersatzlos gestrichen. Na und?, mag man einwenden. Nie gehört vom pädagogischen Wert des «Lüüti»-Spiels. «Eben nicht», sagt Professor Gerald Hüther, Hirnforscher und Neurobiologe. «Kinder brauchen, um starke Persönlichkeiten mit einem eigenen Willen und Verantwortungsbereitschaft zu werden, unstrukturierte Räume, in denen sie Erfahrungen am eigenen Leib machen können. Körperliche Erfahrungen, die mit Emotionen gekoppelt sind und sich so im Gehirn verankern.» Grenzüberschreitungen, Regelverletzungen und elternfreie Zeit würden zum Erwachsenwerden unbedingt dazugehören, betont Hüther.

Eine Studie der University of Essex belegt, dass sich die Zeit, die für die Kindererziehung aufgewendet wird, bei den Männern seit 1961 vervierfacht, bei den Frauen verdoppelt hat. Und das, obwohl moderne Frauen deutlich häufiger arbeiten als in den 60ern. Gleichfalls jedoch hat inzwischen jedes dritte Schweizer Kind bis zum Ende der Primarschule schon eine Therapie hinter sich. Dazu kommen, wie der Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann in einem Interview mit der «Frankfurter Rundschau» sagte: «Unselbstständigkeit, übermässige Bindung an die Eltern» und die Tatsache, dass «moderne Kinder in bedenklichem Masse kein schlechtes Gewissen mehr haben». Wer nie für sich selbst verantwortlich ist, lernt es auch nicht, Verantwortung zu übernehmen. Und zwar bis ins Erwachsenenalter hinein nicht.

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