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Beziehung und Geld

Das liebe Geld: Finanzen und Familie

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Über nichts wird in Familien häufiger gestritten als über die Finanzen. Und über nichts wird seltener offen geredet. Zeit für einen Anfang.

Zahnpasta, einmal rausgequetscht, geht niemals wieder in die Tube. Genauso ist es mit dieser kleinen Stichelei des Partners: «Ach, schon wieder eine neue Bluse gekauft?» Tja. Da steht ein Satz plötzlich quer im Raum. Und die Beziehung zur Debatte. Denn nie geht es im darauf folgenden Streit um die Kosten einer Bluse, sondern immer um Unabhängigkeit, Freiheit, Anerkennung, Macht. Kurz: um alles.

Geld ist in Partnerschaften, laut einer Forsa-Umfrage, Streitthema Nummer eins. 80 Prozent der Zankereien drehen sich um die Finanzen. Besonders wenn aus Paaren Eltern werden und zum Gesamtkunstwerk Familie verschmelzen, ist das Thema Geld an der Spitze der Streitcharts auf Jahre hinaus wie festgetackert. Bad putzen, Kindererziehung, Schwiegermutters 3-Tage-Besuch und Wer-geht-mit-dem-Hund-Spazieren ist alles Kleinkram dagegen.

Denn wenn Arbeitspensen auf einmal ungleich verteilt sind, das Geld knapper wird und nicht mehr Zahlen auf zwei Lohnzetteln miteinander abgeglichen werden, sondern Überstunden gegen Übermüdung, Windeln gegen Workshop, Karriereknick gegen Kombi-Raten hochgerechnet, gerät das Gefüge ins Wanken. Ein guter Zeitpunkt für ein offenes Gespräch. Sollte man meinen.

Ökonomie gegen Intimität

Doch in Sachen Finanzen gilt noch immer: «Über Geld redet man nicht.» Der Umgang damit ist kein Thema. «Geld ist stärker tabuisiert als Sex», so die Soziologin Jutta Allmendinger in einem «Zeit»-Interview: «Paare erzählen frei heraus, wo, wann und wie sie miteinander schlafen. Aber warum im Supermarkt der Mann den Einkauf bezahlt, das konnten sie nicht sagen.» Nur – weshalb? Warum gilt auf romantischem Terrain das unausgesprochene Gebot «Geld oder Liebe»? Weil die meisten Menschen so funktionieren. Leider.

Offenbar ist es exakt so, wie Wissenschaftler der Universität Denver es beschreiben: Erwachsene teilen das Leben in zwei Bereiche ein – einen geschäftlichen und einen sozialen. Während Business nach dem Gesetz des grösstmöglichen Gewinns und der Maximierung des eigenen Vorteils funktioniert, zählen im Sozialen Vertrauen, Nähe und Hilfsbereitschaft ohne erwartete Gegenleistung. Das knirscht beim Zusammenfügen. Und um es noch verzwickter zu machen, ticken Männer und Frauen unterschiedlich. So neigen Männer dazu, investiertes Geld als Zeichen von Zuneigung und als Messlatte für ihren Erfolg als Familienvater und Partner zu sehen, Frauen dagegen leben nach wie vor das Klischee: «Die Beziehung geht über alles. Ökonomie hat da nichts zu suchen.» Ein Viertel aller Frauen überlässt deshalb folgerichtig sämtliche Geldgeschäfte ihrem Mann. Jede zweite, so eine Untersuchung der Commerzbank, kennt weder den Unterschied zwischen Kredit- und EC-Karte noch die Einsatzmöglichkeiten eines Bausparvertrages, und drei Viertel der Frauen halten häufiges Reden über Finanzen für den Beziehungskiller schlechthin.

Taschengeld oder Brötchenverdiener?

In Sachen Geld spuken unverdrossen Vorstellungen in den Köpfen herum wie zu Doris Days Zeiten. Der Mann, der beim ersten Date nicht die Rechnung übernimmt, braucht auch 2012 auf ein zweites nicht zu hoffen, und 51 Prozent der Frauen gaben in einer Umfrage der Berliner Soziologinnen Christiane Scholz und Dörte Gatermann zu Protokoll, das Geld, das sie verdienten, ginge ihren Mann absolut nichts an. Von den Männern wagten nur 36 Prozent die steile Parole: «Mein Geld gehört mir.» Dame mit Taschengeld gegen Familienernährer.

Nur ganz langsam ändert sich diese Sichtweise. Immerhin sieht der Wiener Wirtschaftspsychologe Erich Kirchler durch seine aktuellen Studien belegt, dass die alten Hüte kleiner werden (siehe Interview «Finanzverhalten ist ein Spiegel der Beziehung»), gleichberechtigte Partnerschaftlichkeit unter jungen Erwachsenen nicht mehr länger nur beschworen, sondern immer häufiger auch in finanziellen Dingen gelebt wird.

Nur – wie klappt das am besten? Poolen? Verteilungsschlüssel errechnen? Separieren? Ein allgemein gültiges Rezept für das Aufdröseln der Kosten für Krankenversicherung und Kinderschuhe, Miete, Leckstein für die Meerschweinchen, Ferien und Theaterbesuche gibt es nicht. Wohl aber nationale Vorlieben.

Geld ist mehr als ein Tauschwert

In Spanien etwa wandert für gewöhnlich alles in einen Topf. Wer wann was bezahlt, liegt lediglich daran, wer schneller ans Portemonnaie kommt. Geld steht für gar nichts, sondern ist schlicht gemeinsame Verfügungsmasse. In Schweden dagegen, so die Studien Jutta Allmendingers, findet man es romantisch, die Beziehung finanzenfrei zu halten. Jeder hat sein eigenes Geld, bezahlt wird getrennt, die Hausarbeit wird exakt aufgeteilt und wer mehr hat, richtet sich nach dem, der weniger hat. Niemand ist dem anderen etwas schuldig, nur die Liebe zählt. Komplizierter sieht man es in Deutschland und Amerika. Hier wird Geld konvertiert. Dollars und Euro dienen als Tauschmittel für Zeit und Freiheit, stehen für Anerkennung und Erfolg. Kurz: Geld wird hochsymbolisch. Wer verzichtet jemandem zuliebe auf Karriere und Einkommen? Wer hat mehr unverplante Stunden, aber weniger Geld? Wer bezahlt die Hausratsversicherung und wer das Weihnachtsengelchen-Orchester aus dem Erzgebirge? An Diskussionen, Verhandlungen und Meinungsverschiedenheiten führt da kein Weg vorbei. Die 3-Konten-Lösung – jeder sein eigenes plus eins für Wohnung, Essen, Versicherungen – scheint hier die streitärmste Variante der Geldverteilung zu sein. Genaue Zahlen zum Management des Familienbudgets gibt es nicht. Nur, dass 76 Prozent der Verheirateten ein gemeinsames Konto haben, nicht aber, ob es noch einzelne Konti gibt.

Fest steht, ob getrennt, gemeinsam oder gedrittelt: Es muss geklärt werden, ob Bio oder Aldi, Louboutin oder iPad, und wie man es halten will mit Schulden und Privatschule. Bei jedem fünften Paar wird ein wenig gemeckert, wenn einer 100 Euro ohne Rücksprache ausgibt; sind es 1000 Euro, gibt es in 71 Prozent der Beziehungen richtig Ärger, so die Gesellschaft für Konsumforschung. Denn: Beim Geld ist Reden Gold.


Schlaues zum Geld

  • 75% der Schweizer Familien funktionieren nach dem Haupternährer-Modell: er Vollzeit, sie Teilzeit.
  • 819 Franken pro Monat kostet ein Einzelkind in einem Paarhaushalt. (Quelle: Bundesamt für Statistik)
  • Je höher das Einkommen, desto seltener Streit ums Geld.
  • Männern ist bei grösseren Käufen das Prestige des Objektes sehr wichtig.
  • Finanzielle Voraussetzungen spielen bei der Partnerwahl eine grössere Rolle als noch vor 30 Jahren. Heiratete ein Firmenbesitzer früher oft die Sekretärin, gilt heute er das Prinzip der Homogamie: Beziehungen gehen bevorzugt Menschen aus ähnlichen finanziellen Verhältnissen ein.
  • Je materialistischer die Einstellung der einzelnen Partner, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass die Beziehung scheitert.

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