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Erziehungsirrtümer

Das können Sie vergessen

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Manche Erziehungsweisheiten werden munter weitergegeben wie Kopfläuse unter Primarschülern. Dabei gälte für viele von ihnen besser das Gleiche wie für die Krabbeltierchen: Weg damit!

Hohes Fieber hilft Kindern, gesund zu werden.

Stimmt nicht. Zwar ist Fieber sinnvoll, weil der Körper damit Erreger bekämpft, wirklich hohes Fieber plagt ein Kind aber mehr als es nutzt. Lauwarme Wadenwickel können helfen. Der feuchte Wickel leitet mehr Wärme ab als die Luft und kühlt somit. Auch Fieberzäpfchen sind besser als Temperaturen um die 39 Grad.


Lesen im Dunkeln schadet den Augen.

Nein. Nicht mal gegen die Taschenlampe unter der Bettdecke ist – im Hinblick auf die Augen – etwas einzuwenden. Lesen bei schlechter Beleuchtung mag Kopfschmerzen verursachen oder ermüden, schaden tut dem Auge die Anstrengung aber nicht. Vielmehr wird die Augenmuskulatur noch trainiert. Ein Argument weniger gegen das Lesen von «Die Tribute von Panem» bei funzeligem Nachttischlämpchen-Licht.


Braucht ein Kindergartenkind noch Windeln, ist irgendetwas nicht normal.

Doch, ist es. 14 Prozent der Fünfjährigen benötigen noch Windeln. Sogar unter den Siebenjährigen sind es noch 7 Prozent.


Je harmonischer die gesamte Atmosphäre innerhalb der Familie ist, desto weniger Zank gibt es unter den Geschwistern.

Nö. Falsch gedacht. Geschwister, die sich zu Hause sicher und geborgen fühlen, streiten sich sogar häufiger als Geschwister in Familien, in denen es oft Auseinandersetzungen zwischen den Eltern gibt. Bei Krach zwischen Mama und Papa halten Geschwister nämlich zusammen. Sich 30 Prozent der gemeinsam verbrachten Zeit zu zanken wie die Besenbinder, ist unter Geschwistern übrigens völlig normal.


Spinat ist besonders gesund, weil er viel Eisen enthält.

Nichts gegen Spinat. Schliesslich ist Gemüse wirklich gesund. Aber Spinat muss es nicht unbedingt sein und schon mal gar nicht wegen des Eisengehaltes. Der ist nämlich gar nicht so toll. Woher kommt also der spitzenmässige Ruf des Spinates? Dazu gibt es zwei Theorien: Die eine besagt, dass ein schusseliger Wissenschaftler einfach ein Komma nach der Eisenmessung falsch gesetzt hat. Die andere, dass statt frischer getrockneter Spinat analysiert wurde. 90 Prozent Wasser fehlten also. Spinat enthält übrigens mit etwa 4 mg Eisen pro 100 Gramm weniger Eisen als Schokolade. Zartbitterschokolade weist davon 4,6 mg auf, Bitterschokolade 7mg. Man muss ja nicht alle wissenschaftlichen Erkenntnisse an seine Kinder weitergeben.


Der «stille Stuhl» ist ein pädagogisch wertvolles Erziehungsmittel.

Ja, das ist Unsinn. Denn eigentlich ist der stille Stuhl nichts anderes als alter Wein in neuen Schläuchen, die hippe Variante des In-der-Ecke-Stehens. Klar sollte ein Kind nicht wild herumwüten können. Aber wenn jemand das Geschwister kräftig vors Schienbein tritt und anschliessend freiwillig zum stillen Stuhl trabt, weil sich das als Ablass eingebürgert hat, ist das auch nicht toll. Andere Möglichkeiten suchen! Die Suche kann schon mal so 10 bis 18 Jahre dauern. Oder aber Sie schauen dazu das elternplanet-Video von Kathrin Buholzer.


Hochbegabte haben oft miserable Schulnoten.

Leider kommt an dieser Stelle kein Trost für Eltern schlechter Schüler. Hochbegabte sind nämlich meist sehr gut in der Schule. Vielleicht beruht das Gerücht darauf, dass die Schulnotenskalen in Deutschland und der Schweiz genau umgekehrt sind. In Deutschland sind 5er und 6er miserable Noten, entsprechen etwa den Schweizer 1ern und 2ern.


Wenn das Kind unter Durchfall und Erbrechen leidet, hilft Coca-Cola.

Psychisch vielleicht, weil das sonst verpönte Getränk kleine Kranke sichtlich aufheitert. Nutzen tut es aber nicht. Durchfall-Patienten sollten zwar viel trinken, aber am besten gesüssten Tee mit Traubenzucker. Traubenzucker zieht durch Osmose Wasser aus dem Darm ins Gewebe und dickt so den Stuhl ein. Auch dünner, mindestens 8 Minuten gezogener Schwarztee wirkt stopfend. Das in Cola enthaltene Koffein dagegen regt die Niere nur zu weiterer Entwässerung an und verschlimmert den Durchfall. Sorry, Kinder.


Wenn Kinderhaare ordentlich wachsen sollen, muss man sie häufig schneiden.

Muss man nicht. Das Haarwachstum wird durch den Einsatz der Schere kein bisschen gefördert. Auslöser des langlebigen Ammenmärchens sind vielleicht die Reaktionen mancher Pflanzen. Bei denen werden Verluste durch besonders eifriges Wachsen kompensiert. Daher Baumbeschneidungen. Haare sind aber nun mal keine Pappeln. Allerdings sehen sie ein bisschen dicker aus, wenn es eine gleichmässige Schnittkante gibt.


Zweisprachiges Aufwachsen ist auf alle Fälle eine Supersache.

Manchmal ja, manchmal nein. Denn zuweilen treibt elterliche Bildungsbeflissenheit die sonderbarsten Blüten. Da werden chinesische Nannys mit Mandarin-Kenntnissen eingestellt, damit der Sprössling im globalen Wettbewerb die kleine Nase vorn hat. Klar kann man so Kindern ein paar Vokabeln antrainieren, eine Fremdsprache lernen sie nicht. Auch Mütter, die ein Jahr im Welschland zugebracht haben, sollten sich gut überlegen, ob sie mit ihren Kindern Französisch reden. Psychologen haben bewiesen: Emotionen kommen nur in der Muttersprache authentisch rüber. Und Glaubwürdigkeit ist das A und O geglückter Erziehung.


Kinder von Alleinerziehenden sind im Nachteil.

Nicht unbedingt, das wäre ja auch schlimm bei Scheidungsraten von 50 Prozent und 17 Prozent Kindern, die bei nur einem Elternteil leben. Zahlreiche Studien beweisen: Schädlich an einer Trennung der Eltern wirken sich Geldmangel, Depression der Betreuungsperson und fehlende Zeit der Erwachsenen aus. Es ist nicht die Trennung an sich, sondern es sind die leider häufigen Kollateralschäden. Doch es gibt nicht nur Negatives. Untersuchungen belegen: Kinder aus Ein-Eltern-Familien sind selbstständiger und kontaktfreudiger als Kinder aus vollständigen Familien. Die amerikanischen Forscher Frank F. Furstenberg und Andrew Cherlin haben herausgefunden, dass gut verarbeitete Trennungen sogar besonders ausgeglichene und belastbare Jugendliche hervorbringen. Auch die Erziehung «aus einem Guss», wie sie bei Alleinerziehenden zwangsläufig ist, bringe ehrlichere und klarere Menschen hervor. Aber ob Vorteil oder Nachteil: Es ist halt, wie es ist.


Jedes Kind sollte ein Instrument spielen.

Wenn es mag, warum nicht. Die Zauberwirkung aber, die Geige, Klavier und Co. nachgesagt wird, ist nichts weiter als ein Märchen. Intelligenter werden Kinder durch Geschabe auf dem Cello jedenfalls nicht. Konzentration, Durchhaltewille und Feinmotorik lassen sich auch mit einem anderen Hobby trainieren. Hauptsache, das Kind hat eins. Eins, das ihm Spass macht!


Jedes Kind braucht ein Haustier.

Brauchen nicht, wollen schon. Wird die Anschaffung eines Haustieres erwogen, gilt es zu überlegen: Ist der Tierwunsch Laune oder Herzensbedürfnis? Ist das Kind alt genug, Rücksicht auf die Bedürfnisse von Hamster & Co. zu nehmen und Verantwortung zu übernehmen? Wie stehen wir als Eltern dazu? Hat jemand genügend Zeit dafür? Wie sind Wohnsituation, Allergien und Kontostand? Ein Haustier ist toll, gibt dem Kind einen Freund und schult das Verantwortungsgefühl. Letzteres lässt sich aber auch durch Babysitten, Einkaufen für die alte Nachbarin oder andere Verpflichtungen lernen.


Typisch Einzelkind: geltungssüchtig und asozial.

Total verkehrt. Der Ruf des Einzelkindes ist zu Unrecht ramponiert. Im Gegenteil beweisen Studien, dass Einzelkinder, die weder um Gummibärchen noch um Aufmerksamkeit der Eltern kämpfen müssen, in Sachen Kompromissfähigkeit und Sozialverhalten Geschwisterkindern überlegen sind. Einzig beim Durchsetzungsvermögen schneiden sie schlechter ab. Und – es fehlen ihnen Verbündete gegen die nervigen Eltern.


Um Mobbing vorzubeugen, sollte man mit seinem Mädchen oder Jungen Bücher zum Thema lesen.

Tja. Kann funktionieren, muss aber nicht. Untersuchungen zufolge ist sogar das Gegenteil wahrscheinlicher, nämlich dass sich die herzigen Kleinen an den Bösewichtern ein Beispiel nehmen und sich so richtig krasse Mobbingmethoden abgucken. Also: weg mit der Didaktik, her mit Bilderbüchern, die einfach Spass machen.


In der Pubertät ist Erziehung besonders anstrengend.

Nicht unbedingt, findet der Familientherapeut und derzeitige Erziehungsguru Jesper Juul. In der Pubertät werden zwar die Verschaltungen des Gehirns gründlich umgebaut, was mit entsprechenden Stimmungsschwankungen einher geht; den erzieherischen Offenbarungseid müssen Eltern trotzdem nicht leisten. Wichtig in dieser Zeit, so Juul, sei es, die Elternrolle abzuwandeln. Also keine Moralpredigten und Strafen mehr, sondern sich auf Augenhöhe hocharbeiten. Dazu gehören partnerschaftliche Gespräche, feste Zuständigkeiten und Vertrauen. Wer jetzt heftig mit dem Erziehen anfängt, ist zu spät dran. Tipp von Jesper Juul: Man muss Pubertierenden keine Grenzen setzen, sondern die Eltern müssen zeigen, wo ihre eigenen Grenzen sind.


Die Hausaufgaben sollten 10 Minuten pro Tag und Schuljahr betragen.

Eine alte Regel, aber keine schlaue. Schliesslich brauchen gute Schüler für die gestellte Aufgabe vielleicht nur 5 Minuten, schlechte 20. Überhaupt ist der Sinn von Hausaufgaben umstritten. Gleicht heute das Schülerleben doch mit 40 bis 50 Wochenstunden ohnehin schon einem Vollzeitjob. Ausserdem bringen Uffzgi laut Wissenschaftlern nur dann etwas, wenn die Schüler den Stoff im Unterricht begriffen haben und die Aufgabe als sinnvoll und interessant erachten. Da Hausaufgaben aber nun mal zum Schulleben gehören, ein paar Regeln: fixer Hausaufgaben-Termin – am gleichen Tag erledigen – das Kind soll sie alleine machen – kein ähnlicher Stoff (etwa zwei Fremdsprachen unmittelbar hintereinander abarbeiten) – leichtere Aufgaben zuerst – der Arbeitsplatz ist ruhig und aufgeräumt.


Fürs Zähneputzen gilt: je häufiger, desto besser.

Falsch. Zu häufiges und heftiges Putzen – vor allem nach säurehaltigen Lebensmitteln – kann sogar eher schaden als nutzen. Denn das Schrubben entfernt nicht nur Zahnbeläge, sondern den Zahnschmelz gleich mit. Da Essensreste erst innerhalb von 48 Stunden in schädlichen Zahnbelag umgewandelt werden, würde es – rein theoretisch – reichen, alle 2 Tage die Zähne zu putzen. Nur: Kein Mensch schafft es, so supergründlich zu putzen. Quantität muss also die fehlende Qualität wettmachen.

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