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Fragen und Antworten

Das Kind – ein sexuelles Wesen

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Die Sexualpädagogin Ester Elisabeth Schütz* beantwortet Fragen, die sich Eltern von Babys bis zu Pubertierenden stellen.

BABYS

wir eltern: Im Ultraschall sehen die Eltern im 7. Monat deutlich, wie ihr kleiner Sohn immer wieder an seinem winzigen Penis zupft. Sie fragen sich, wieso er das macht, was er dabei empfindet, ob dieses Verhalten normal ist und ob sich ein Mädchen, dessen Geschlechtsteile ja weniger exponiert liegen, ebenso häufig anfassen würde.

Esther Elisabeth Schütz: Wenn ein männlicher Fötus zufällig mit seiner Hand sein Geschlecht berührt, ergreift er es. Dabei geht es nicht um Selbstbefriedigung, sondern um den Greif- und den Erregungsreflex, die gleichzeitig ausgelöst werden. Aufgrund der motorischen Entwicklung kann der Fötus diese Handlung aber noch nicht aktiv ausführen. Beim Knaben ist der Vorgang im Ultraschall gut ersichtlich, beim weiblichen Fötus aber nur mittels komplexer Apparate erkennbar. Auf jeden Fall gehört die Ausbildung der beiden Reflexe bei Mädchen und bei Knaben zu einer gesunden Entwicklung. Wieweit Föten allerdings die sexuelle Erregung wahrnehmen, wissen wir nicht.

Die kleine Lena (9 Monate) liebt es, von ihren Eltern herumgetragen zu werden. Am liebsten sitzt sie bei Mama oder Papa auf der Hüfte, und wenn Lena gut gelaunt ist, wippt sie gerne auf und ab. Der Mutter scheint, dass sie dabei bewusst ihr Geschlecht an ihrer Hüfte reibt. Kann es sein, dass Lena dabei sexuelle Lust empfindet?

Babys können bereits ab dem 4. Monat über die Anspannung der Muskulatur den Reflex auslösen und die Erregung steigern. Das Spiel mit dem Druck des Geschlechts an die Hüfte ist eine Bewegung, welche zu diesem Lernschritt gehört. Deshalb wiederholt die kleine Lena diese Erfahrung immer wieder. Die Eltern dürfen sich ruhig darüber freuen, kein schlaff an ihnen hängendes Kind zu haben, sondern eines, das lernt, seine Muskeln zu aktivieren.

Seit sie krabbeln kann, setzt sich Johanna (2) gern auf Kissen oder Plüschtiere und bewegt sich darauf rhythmisch vor und zurück. Als Beobachter drängt sich der Vergleich mit einer sexuellen Handlung geradezu auf. Die Eltern haben zu Hause damit eigentlich kein Problem. Aber als sie kürzlich beim Abholen gesehen haben, dass ihre Tochter sich so auch in der Spielgruppe vergnügt, sind sie beunruhigt.

Kleine Mädchen und Buben lösen beim Krabbeln über den Boden, auf einem Kissen oder Plüschtier einen Druck gegen das äussere Geschlecht aus. Damit sie sich beim Kriechen vorwärts bewegen können, müssen die Kinder ihre Muskeln im Beckenbereich anspannen. Das führt unbewusst zur Steigerung der Erregung. Manche Kinder verdrehen dabei etwas die Augen oder schwitzen ein wenig. Es gibt Kinder, welche mehr den Druck von aussen suchen, andere spielen nur mit dem Druck der Beckenbodenmuskeln. Das Spiel, ausgehend von der Bewegung, dauert oft nur kurz und kann in der Spielgruppe genauso beobachtet werden wie an anderen Orten. Spielgruppenleiterinnen, welche das Phänomen kennen, sollten positiv damit umgehen.

Max wird demnächst zwei und liebt es, nackt herumzulaufen. Gerne und oft fasst er sich dabei an seinen Penis und zwirbelt diesen in jede Richtung. Im eigenen Haus und Garten möchten die Eltern ihrem Sohn das ungezwungene «Blütteln» ermöglichen. Allerdings taucht manchmal unangemeldeter Besuch auf. Sollen die Eltern Max dann gleich eine Hose anziehen?

Zwischen eineinhalb und zwei Jahren wächst beim Kleinkind die Neugier am eigenen Geschlecht. Max berührt seinen Penis mit den Händen, er entdeckt, dass der Urinstrahl aus dem Penis kommt und dass sein Geschlecht steif werden kann, wenn er mit ihm spielt. Er lernt auch, dass seine Mama ein anderes Geschlecht hat. Stolz beginnt er seinen Penis zu zeigen, möchte bewundert und als Bub bestätigt werden. In diesem zentralen Lernschritt der Ich-Werdung wirken auch soziale und andere Entwicklungsschritte. Das Kind lernt ab zwei Jahren, sich vermehrt in seine Intimität zurückzuziehen. Eltern können es dabei wohlwollend unterstützen und ihm sagen, dass es für seine Entdeckungen seinen eigenen Raum hat.


KLEINKINDER

Wenn der gleichaltrige Nachbarsbub Yannick zu Besuch kommt, schliesst die 3-jährige Jasmin immer mit Nachdruck die Zimmertür. Bislang wollte die Mutter ja nicht stören, aber seit sie durch Zufall mitbekommen hat, dass die beiden sich ausziehen und gegenseitig an den Geschlechts - teilen berühren, ist sie beunruhigt.

In sogenannten Doktorspielen untersuchen Kleinkinder das eigene und das andere Geschlecht und entwickeln zunehmend sexuelle Entdeckungsspiele mit Mädchen und Knaben. So lernen sie zuzuordnen, was zum weiblichen oder zum männlichen Geschlecht gehört. Die Kinder entdecken sich dabei mit grosser Neugier und wollen lustvolle Gefühle erleben. Sie möchten sehen, wie die Freundinnen und Freunde nackt aussehen und ob ihr Geschlechtsteil genauso geformt ist wie ihr eigenes. Das Doktorspiel bei Jasmin und Yannick ist also ein Zeichen der gesunden Entwicklung und gehört zu den ersten intimen Erfahrungen. Dennoch darf Jasmins Mutter auch einmal ausserhalb des Spiels mit ihrer kleinen Tochter reden. Sie kann ihr erklären, dass sie als kleines Mädchen selbst auch Doktorspiele gemacht habe und es ihr manchmal schwer gefallen sei, den Buben zu sagen, was sie wolle und was nicht. Sie traue Jasmin aber zu, ihrem Freund sagen zu können, wenn ihr etwas nicht gefällt. Wichtig ist, ihrer Tochter jederzeit Gesprächsbereitschaft zu signalisieren.

Lukas (3) lernt gerade, allein auf die Toilette zu gehen. Jetzt fragt sich seine Mutter, ob sie ihm beibringen soll, im Sitzen Pipi zu machen oder ob ein Junge auch im Stehen pinkeln können muss.

Es ist tatsächlich wichtig, dass Buben – und Männer generell – im Stehen pinkeln. Dabei können sie ihr männliches Geschlecht betrachten, den Urinstrahl sehen, stolz sein auf ihren Penis und dadurch lernen, ihr Geschlecht zu wertschätzen. Das ist ein wichtiger Schritt in der Förderung der Männlichkeit. Denn die Potenz des Mannes, ausgehend von seinem Geschlecht, ist an die Identität gekoppelt. Deshalb ist ein positiver Zugang zum Penis von zentraler Bedeutung. Die Mutter – oder der Vater – kann dem Buben zudem zeigen, wie er den WC-Ring putzt, wenn er ihn verspritzt hat. Weil Mama und alle anderen Frauen und Mädchen gerne auf einem sauberen WC-Rand sitzen.

Lea (4) ist ganz versessen auf die Schaukelpferde vor den Warenhäusern. Sie reitet selig darauf und quengelt immer nach neuen Münzen. Ihre Eltern finden das ziemlich sonderbar. So spannend sind diese Hoppe-Pferde doch auch wieder nicht. Und relativ teuer dazu.

Aus sexologischer Sicht lohnt sich die finanzielle Investition. Die Kinder begehren diese Spiele vor den Warenhäusern. Wenn Lea auf dem Rössli sitzt, wird ihr Becken durch die Vibration und die Schaukelbewegung aktiviert. Dadurch kann der Erregungsreflex angeregt werden, und zusammen mit dem rhythmischen Schaukeln hat das sexuelle Lernen unbewußt seinen Platz. Allerdings gibt es auch viele Schaukelspiele, die nichts kosten: Das Schaukelpferd zu Hause oder die Schaukel im Garten.


SCHULKINDER

Sarah (6) trägt am liebsten Glitzer, Pink und möglichst ein Röckchen bei jeder Witterung. Als Berufswunsch gibt sie Prinzessin an. Zudem lehnt sie für sich alles rigoros ab, was «Bubenkram» ist: Cowboy spielen, Fussball, Dunkelblau, Spielen in der Bauecke. Ihre Eltern sind alles andere als konservativ und fragen sich inzwischen, wo sie in der Erziehung versagt haben, dass ihr Töchterchen ein so klischeehaftes, unemanzipiertes Tussi geworden ist.

Es gibt sehr wohl emanzipierte Tussi-Frauen, die genau wissen, was sie wollen; sehr selbstsichere, intelligente und gut aussehende Prinzessinnen! Da brauchen die Eltern keine Bedenken zu haben. Egal, ob ein Kind sich nach den kulturellen Normen kleidet oder nicht, ob ein Mädchen Cowboy spielt oder sich mit Puppen umgibt; es ist immer ein richtiges Mädchen und braucht dafür Bestätigung. Das Kind lernt an der Mutter, was es heisst, weiblich zu sein oder am Vater, was es heisst, männlich zu sein. Im Umfeld lernt dieses Mädchen zudem, dass es viele Gestaltungsmöglichkeiten der weiblichen Rolle gibt und es entwickelt seine individuelle Eigenheit.

Der 8-jährige Finn badet gern in der Wanne. Das liebt er besonders, wenn seine Mutter ihm dabei etwas vorliest – ein Ritual, das schon lange besteht. In letzter Zeit zupft er im warmen Wasser gleichzeitig an seinem Penis herum, der dabei auch steif wird. Soll die Mutter reagieren?

Der Bub macht dieses Spiel aus einem Gefühl des Wohlseins heraus, ohne dass er sich selbst bewusst befriedigen will. Da er jedoch in einem Alter ist, in dem es darum geht, soziale Regeln anzuwenden und er mehr und mehr die sexuelle Erregung bewusst zu steigern lernt, ist es gut, wenn die Mutter ihn darauf anspricht. Sie kann ihm sagen, dass sie seine Erregung sieht und dass das bestimmt ein angenehmes Gefühl für ihn sei. Dennoch sei er jetzt in einem Alter, in welchem er das Spiel mit seinem Penis für sich selber tun solle. Sie werde nun hinausgehen und ihm die Geschichte danach in seinem Zimmer zu Ende vorlesen. Allenfalls kann sie oder ihr Mann zu einem späteren Zeitpunkt das Thema der Selbstbefriedigung von Buben und Männern mit ihrem Sohn aufnehmen.

Der 10-jährige Manuel sitzt mit seinem Kollegen am Tisch. Während die Mutter in der Küche hantiert, hört sie, wie die beiden über «Blasen» und «Wichsen» Witze machen. Sie fragt sich, ob die beiden verstehen, wovon sie reden und ob sie sich einmischen soll.

Die Mutter darf den Knaben im Sinne der sozialen Regeln sagen, dass sie aus der Küche gehört habe, worüber sie gesprochen hätten und dass sie nicht wolle, dass die beiden zu Hause so reden. Keinesfalls sollte die Mutter Manuel ausfragen im Sinne von: Was weisst du eigentlich über «Blasen» und «Wichsen»? Das wäre dem Sohn vermutlich sehr peinlich und er würde sich verständlicherweise weigern, weiter darüber zu sprechen. In dieser konkreten Situation darf die Mutter sich auch Zeit ausbedingen und zu einem späteren Zeitpunkt mit ihrem Sohn über die Ausdrücke reden. Daraus könnte sich ein Gespräch ganz generell über Sexualität ergeben. Vielleicht beginnt sie damit: «Letzthin habe ich eure Bubenwitze gehört und gestaunt, was ihr schon alles mitbekommen habt. Ich denke, du weisst schon vieles und lernst gut damit umzugehen. Als Mädchen wusste ich damals fast nichts und vieles war mir peinlich, vor allem als ich mich in einen Knaben der Klasse verliebte. Da nimmt es mich wunder, wie es heute so ist zwischen den Mädchen und den Knaben.» Vermag der Vater das Gespräch zu übernehmen, kann er als männliches Vorbild die Themen männerspezifisch angehen. Das kann eine Bereicherung für die Jungen sein.


PUBERTÄT

Der 12-jährige Mirko ist offensichtlich schon ganz bewandert in sexuellen Dingen und gibt im Freundeskreis Tipps für Pornoseiten weiter. Als der Vater entdeckt, womit sich sein Sohn die Zeit vertreibt, ist er schockiert und weiss gar nicht recht, wie er mit Mirko reden soll. Schimpfen? Computerverbot?

Weder Schimpfen noch Computerverbot sind angebracht. Die Inspirationsquellen der heutigen Jugendlichen sind nun mal anders als jene vor 20 oder 30 Jahren – und «visuell» waren die Männer schon immer. Das Geschlecht eines Mannes ist nach aussen gerichtet und der Mann sieht es. Deshalb ist das Sichtbare für Männer immer eine wichtige Erregungsquelle. In diesem Sinne kann der Vater glücklich sein, dass sein Bub auch daran interessiert ist. Im Gespräch soll der Vater Mirko deshalb mit Verständnis begegnen, was die Bande zwischen den beiden wiederum stärkt. Befriedigt sich ein Junge allerdings ausnahmslos vor dem PC, koppelt er seine Erregungsfähigkeit mit der Zeit an die virtuellen Sexbilder und verliert so die Fähigkeit, eigene Phantasien zu entwickeln. Später kann sich das auf das Erleben der Sexualität in einer Beziehung auswirken. Es ist also wichtig, dem Jungen den Unterschied zwischen den virtuellen Sexbildern und der Realität zu erklären. Frauen und Mädchen sind übrigens aufgrund ihrer weiblichen Sexualität an diesen Pornowelten kaum interessiert.

Der 14-jährige Sandro hat einen Freund, mit dem er viel Zeit verbringt. Mädchen bringt er selten nach Hause. Als letzthin ein Homosexueller in der Schule eingeladen war, um über seine Biografie zu berichten, erzählte Sandro am Abend seinen Eltern begeistert davon. Diese fragten sich beunruhigt, ob ihr Sohn vielleicht homosexuell sei.

Sandro ist in einem Alter, in dem die Suche nach der sexuellen Identität ein zentrales Thema ist. Dabei spielt das Gefühl der Geschlechtszugehörigkeit als Grundstein der Identität eine wichtige Rolle. Es ist daher gut, wenn die Eltern ihren Sohn in seiner Männlichkeit unterstützen, wie auch immer er sich verhält. Jugendliche und Erwachsene haben ein grosses Spektrum, was sie auf der sexuellen Ebene anziehend finden. Das kann auf ein Geschlecht bezogen sein oder auf den Körper, auf das Verhalten, die Persönlichkeit, auf emotionale oder genitale Aspekte. Was Menschen sexuell anziehend finden, können sie gestalten und lebenslang verändern, wenn sie das möchten.

Die Eltern der 15-jährigen Filippa vermuten, dass zwischen ihrer Tochter und ihrem neuen Freund mehr läuft als Händchenhalten. Sie machen sich Sorgen und wollen unbedingt, dass Filippa mit der Pille verhütet. Sie aber lässt im Moment überhaupt nicht mit sich reden.

Womöglich haben die Eltern schon zu häufig über Verhütung gesprochen und Filippa ist des Themas überdrüssig. Oder sie will sich mit der Gesprächsverweigerung von den Eltern absetzen. Jedenfalls kann die Mutter ein Gespräch mit ihrer Tochter verlangen – so wie Filippa das auch tut, wenn sie unbedingt etwas von ihren Eltern will. Wichtig ist zunächst, Verständnis zu zeigen für die Unlust der Tochter, über Verhütung zu sprechen. Dass sich Filippa die Verantwortung dafür offensichtlich zutraut, ist lobenswert. Hört die Tochter zu, kann die Mutter von ihren Erfahrungen berichten, etwa davon, dass es vor wenigen Jahrzehnten kaum möglich gewesen wäre, beim Freund zu übernachten oder sich ohne das Wissen der Eltern die Pille zu verschaffen, Präservative zu kaufen oder sich die Pille danach zu besorgen. Allenfalls ist Filippa bereit, die Telefonnummer einer Frauenärztin entgegenzunehmen oder sich Rat auf einer der Jugendberatungsstellen im Internet zu holen.


Zur Person

  • Esther Elisabeth Schütz ist klinische Sexologin, Sexualtherapeutin, Sexualpädagogin und Lehrerin. Sie arbeitet seit über 30 Jahren auf dem Gebiet der Sexologie.
    www.sexualpaedagogik.ch

Buchtipp Esther Elisabeth Schütz und Theo Kimmich: Körper und Sexualität, Atlantis im Orell Füssli Verlag, Fr. 39.90.–

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