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Erziehung – Sachen horten

Das ist ganz sein Ding!

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Kinder lieben das Sammeln und Tauschen von Gegenständen. Was Eltern manchmal in den Wahnsinn treibt, basiert auf einem menschlichen Urinstinkt.

Gerade hat Nico seine Schatzkiste wieder neu sortiert. In einer leer gefutterten Pralinenschachtel seiner Eltern hortet der Fünfjährige seine gesammelten Kostbarkeiten: Schrauben, Schneckenhäuser und Steine, leere Überraschungseier, Glasperlen, Münzen, Muscheln, Klebe-Tattoos und vier Panini-Bilder. Sein kostbarstes Stück ist und bleibt aber der Stein aus Katzengold, den ihm seine Grossmutter geschenkt hat.

Der kindliche Sammeltrieb geht auf eine frühe Menschheitserfahrung zurück. «Schon die ersten Menschen sammelten und tauschten Ware gegen Essen, um so ihr Überleben zu sichern», sagt Entwicklungspsychologe Moritz Daum vom psychologischen Institut der Universität Zürich. «Es ist also durchaus vorstellbar, dass zwischen Evolutionstheorie und Entwicklungspsychologie ein Zusammenhang besteht.» Auch wenn heute das Überleben glücklicherweise nicht mehr vom Sammeln allein abhängig ist, scheint ein gewisser Urtrieb in uns Menschen erhalten geblieben zu sein.

Erziehungswissenschafter Ludwig Duncker ist einer der wenigen, der sich wissenschaftlich mit dem kindlichen Sammeln befasst. Der Deutsche vertritt die Meinung, dass sich kleine Kinder über das Sammeln mit ihrer Wirklichkeit auseinandersetzen. Der Besitz eines Steins oder einer Vogelfeder macht die Welt, in der die Kinder leben, demnach greifbar und verständlich. «Wenn sie Steine auflesen und mitnehmen, besitzen Kinder etwas, dass sie selber ausgesucht haben und nicht etwa die Eltern. Es gehört ihnen ganz allein», sagt Moritz Daum. Das Sammeln und Horten ist somit eine der ersten und wichtigen Selbstwirksamkeits-Erfahrungen und steigert das kindliche Selbstwertgefühl: Ich sammle, also bin ich!

Tannenzapfen und tote Hummeln

Maude ist vier und kommt von Spaziergängen und Waldmorgen regelmässig mit Taschen voller Tannenzapfen, Baumrinden, rostigen Nägeln oder Steinen nach Hause. Die schönsten Stücke darf sie jeweils auf dem Esstisch präsentieren, den Rest verstaut sie unter dem Bett. Von Zeit zu Zeit entsorgt ihre Mutter das eine oder andere allzu garstige Teil heimlich – natürlich bleibt das selten unbemerkt und führt bei Maude zu lauten Protestaktionen. Was für Erwachsene auf den ersten Blick wertlos erscheint, hat für Kinder eine grosse Bedeutung. Sie haben ihr ganz eigenes Wertesystem. «Spannend für uns Forscher ist, dass Erwachsene das Interesse für bestimmte Dinge nicht vorschreiben oder gar erzwingen können. Es kommt ganz alleine aus dem Kind», sagt Ludwig Duncker. So sammeln die einen Kinder Fussballbilder oder Glitzersteine, während andere ein Faible für tote Tiere entwickeln und verendete Hummeln, Schmetterlinge und am liebsten auch die tote Feldmaus nach Hause tragen würden. Der Originalität sind keine Grenzen gesetzt.

Je älter das Kind, desto häufiger entwickelt es für die Lieblingsdinge ein Ordnungssystem. Während kleine Kinder ihre Schätze noch wild durcheinander in einer Kiste horten, sortieren sie diese später nach ästhetischen Merkmalen, etwa nach Grösse, Art oder Farbe. «Etwa ab dem Grundschulalter eignen sich Kinder dann immer mehr Wissen über ihre Sammlung an. Sie spezialisieren sich, indem sie beispielsweise Bücher zum Thema lesen», sagt Moritz Daum. So entstehen immer wieder neue Ordnungs- und Wertesysteme. Gleichzeitig werden neue Strategien entwickelt, um die Sammlung zu vervollständigen.

Ronaldo im Angebot

Um dies zu erreichen, wird getauscht. So wie die Panini-Bilder zur noch laufenden Fussball-WM in Brasilien, an denen in den letzten Monaten kein Vorbeikommen war. Die Sammelbilder der italienischen Firma Panini gibts seit 1961 und erfreuen sich gerade in der Schweiz grosser Beliebtheit. Der zehnjährige Fin hat sein Album schon lange komplett. Wie alle seine Kollegen hat er in letzter Zeit ambitioniert «WM-Bildli» gesammelt, eingeklebt und getauscht. Er hat Listen erstellt, diese systematisch abgestrichen und die letzten noch fehlenden Wappen in Internet-Tauschbörsen bestellt. Auf dem Pausenplatz hat er in Tauschgruppen «gebläslet» und heiss diskutiert, wie viel Wert ein «Cristiano Ronaldo» hat, welche Nationalmannschaft die grössten Chancen für den Pokal hat. Das stärkt ganz nebenbei die Gruppenzugehörigkeit und die sozialen Kontakte.

Neben dem mit Leidenschaft betriebenen Aufwand, das Album voll zu kriegen, hat sich Fussball-Fan Fin viel zusätzliches Fachwissen angeeignet: Welche Länder sind qualifiziert, welche Spieler Teil der Nationalmannschaftt, wie gross sind sie, für welche Clubs spielen sie usw. «Deshalb bewahre ich auch die vollständigen Alben von vergangenen Welt- und Europameisterschaften immer auf. Die schaue ich mir ab und zu wieder durch», so der Zehnjährige. «Die Kinder werden durch ihre Sammelleidenschaft nicht selten zu richtigen Experten in ihrem Gebiet», so Daum.

Das Ziel bei solchen Sammelaktionen ist klar: Das Album muss in absehbarer Zeit vollständig sein. «Solange die Sammlung nicht komplett ist, herrscht aus psychologischer Sicht ein innerer Konflikt. Eine Spannung, die sich erst legt, wenn das letzte Bild eingeklebt ist», sagt Moritz Daum. Er möchte Sammelaktionen dieser Art – wie sie zum Beispiel auch Grossverteiler wie Migros, Coop oder Denner immer wieder erfolgreich durchführen – aber keineswegs verteufeln, sondern rät Eltern, mit ihren Kindern bei dieser Gelegenheit auch über die finanziellen Kosten zu sprechen. «Es geht darum, Kindern bewusst zu machen, was die Kosten ihrer Sammelleidenschaft sind. Man kann sie zum Beispiel fragen, ob sie bereit wären, dafür einen Teil ihres Taschengeldes herzugeben.» Das fördert das Verständnis für den Umgang mit Geld.


5 weitere Tipps für Eltern:

  • In den Augen der Eltern Müll, für die Kinder vielleicht der grösste Schatz: Es ist wichtig, die Sammlung Ihres Kindes zu wertschätzen. Zeigen Sie Interesse, indem Sie nach Geschichte, Wert und Bedeutung der einzelnen Gegenstände fragen. Besser nicht heimlich entsorgen!
  • Falls der Sammeltrieb Ihres Kindes überbordet: Machen Sie gemeinsam Regeln ab, z. B. dass es von Spaziergängen nur so viele Steine mitnehmen darf, wie es auch selber tragen kann. Und weisen Sie der Sammlung einen Platz zu, z. B. eine Balkonecke oder ein Regal. Wenn sich da zu viel ansammelt, muss sich das Kind überlegen, welche Gegenstände es behalten oder aussortieren möchte.
  • Hören Sie Ihrem Kind zu, wenn es von Konflikten bei Tauschgeschäften mit andern erzählt, nehmen Sie es ernst und versuchen Sie, Lösungen zu finden.
  • Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Ihr Kind keine besondere Sammelleidenschaft an den Tag legt. Es sammelt vielleicht keine Gegenstände, sondern visuelle Eindrücke. Sammeln ist, bei Kindern wie bei Erwachsenen, auch eine Typenfrage.
  • Buchtipp: «Wenn Kinder sammeln – Begegnungen in der Welt der Dinge», Prof. Ludwig Duncker, Verlag Kallmeyer 2014, Fr. 42

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