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Aufräumen

Chaot oder Buchhalter?

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Wie halten Sie es mit der Ordnung: Quillt ihr Pult über oder sind all Ihre Bleistifte gespitzt? Eine kleine Typologie.

Herumliegende Playmobilritter, die sich in Fusssohlen bohren. Pizzaschachteln statt Schulbücher auf dem Schreibtisch. Würfelspiele ohne Würfel. Sockenpaare ohne linken… 1013 Menschen hat die Zeitschrift «Funk Uhr» befragt, um herauszufinden, dass 47 Prozent der Leute sich über das Gleiche zanken wie man selbst: Ordnung. Und die andere Hälfte? Hat keine Familie. Oder betreibt Zen.

Was aber tun, wenn Ordnungsvorstellungen inkompatibel sind? Wenn die im «Scientist» publizierte Studie lediglich Achselzucken hervorruft, obwohl sie belegt, dass Chaos den Intelligenzquotienten senkt. Was, wenn das Untersuchungsergebnis der Pen-State-University, «Grammatikleistungen korrelieren mit Ordnung», mit Gähnen quittiert wird? Schlimmstenfalls gar mit dem kühlen Hinweis, dass die Uni Groningen dagegen einen positiven Zu-sammenhang zwischen klarem Denken und unordentlicher Umgebung festgestellt hat. Innere Pedanterie als Gegengewicht zum äusseren Tohuwabohu, sozusagen. Tja. Dann hilft kein Hinweis auf den seelisch befreienden Akt des Entrümpelns, kein Angstmachen mit dem grossen Müllsack und keine spirituelle Lebenshilfe samt «Gib dem Neuen Platz in deinem Leben». Da hilft nur noch die resignative Erkenntnis: Ordnung ist individuell. Also gilt es, die unterschiedlichen Ordnungstypen kennenzulernen – und mit ihnen klarzukommen.

Jäger und Sammler

Es beginnt mit Panini-Bildchen oder Pferdefigürchen. Später können es dann Bierdeckel, Liebesbriefe oder Schuhe sein. Der Jäger und Sammler, egal welchen Alters oder Geschlechts, mag sich nicht trennen. Er lebt nach der Devise: Mehr ist mehr. Und verstopft so nach und nach auch den Lebensraum von Menschen, denen sich der Wert von 623 liebevoll zusammengetragenen Schlumpf-Figuren nicht erschliesst. Der Jäger und Sammler mag auf den ersten Blick unordentlich wirken, weil Entrümpeln seinem Wesenskern widertrebt. Aber tief in seinem Herzen ist er penibel ordentlich. Kein Schlumpf, der nicht nach Jahrgang sortiert stünde.

Nachteil: Er braucht Platz. Viel Platz. Ausmisten wird grundsätzlich zu einer schmerzvollen Angelegenheit, bei der mit Zähnen und Klauen um jeden ehemaligen Überraschungsei-Inhalt gefochten wird. Jäger und Sammler funktionieren die Wohnung zu einem Museum bizarrer Gegenstände um. Style? Kann man vergessen.

Vorteil: Bei genügend Stauraum ist Ordnung kein Problem. Jäger und Sammler helfen gerne aus: mit alten Jugendfotos, Omas Backrezepte... nichts geht bei ihnen verloren. Freundliche und treue Zeitgenossen mit viel Sinn für Traditionen und – hässlichem Kram.

Ordnungstipp: Spleen akzeptieren, niemals eigenmächtig ausmotten, Kisten kaufen, Hängeregister, Setzkästen, Regale, Schubladenschränke. Der Jäger und Sammler liebt es, seine Schätze hübsch sortiert zu präsentieren. Bewunderndes Staunen selbst bei den moosdoofsten Stücken nicht vergessen!

Kreativer Künstler

Sie erfinden Smartie-Auswurfmaschinen, spielen fünfaktige Dramen mit den Stofftieren, bauen Buden mit allen im Haus befindlichen Matratzen und haben die Platte ihres Schreibtisches seit Jahren nicht gesehen. Klebestifte, Tagebücher, angefangene Bilder und zwei bis drei Kilo Papier versperren den Blick. Suchen ist fester Programmpunkt des Tages und verleiht dem Leben Spannung und Abenteuer: Wird es mir gelingen, mein Mathebuch vor Schulbeginn, meine Brille vor dem Kino zu finden? Wo der Künstler ist, ist Hektik. Nur nicht bei ihm. Er liebt den Einstein zugeschriebenen Satz: «Nur der Dumme braucht die Ordnung, das Genie beherrscht das Chaos.»

Nachteil: Er wird chronisch missverstanden. Lehrer und spätere Chefs halten ihn oftmals für schlicht chaotisch. Ihre Kontakthefte sind randvoll mit Einträgen wegen vergessener Turnhosen und mit Bananenpatsch verdreckter Deutschbücher. Er sollte sich später dringend ein anderes Betätigungsfeld als Herzchirurg, Steuerbeamter oder Laborantin in einem Atomkraftwerk suchen.

Vorteil: Ohne kreativ Künstlerische sässe die Menschheit noch immer in Höhlen. Ohne schräges Denken kein Fortschritt. Langeweile ist für die Künstler und alle, die mit ihnen zu tun haben, ein Fremdwort. Witzige Idee gesucht? Origineller Einfall? Schnelle Problemlösung? Das ist genau ihr Fall.

Ordnungstipp: Stauraum. Am besten irgendwas Grosses, Blickdichtes, in das der kreative Künstler alles hineinwerfen kann. Zu einem späteren Zeitpunkt sind Putzfrauen und Sekretäre die Rettung des Künstlers. Bis dahin muss er lernen, sich mit seiner kleinkarierten Umwelt zu arrangieren, die eben findet, 2x2=4 und nicht «so fünf, über den Daumen».

Buchhalter

Der Buchhalter oder die kleine Buchhalterin hassen Knicke, Flecken und Filzstifte, die nicht nach Farben sortiert sind. Sie leiden körperlich unter offenen Zahnpasta-Tuben. Für sie signalisiert ein ungemachtes Bett, dass die Welt in Schieflage und von Ignoranten bevölkert ist. Glücklich machen Buchhalter: Sichtmäppchen, alphabetisch sortierte DvDs, Teddybären, die stets in der gleichen Bettecke sitzen. In der Schule verwalten sie die Klassenkasse. Die Hausaufgaben machen sie – immer.

Nachteil: Buchhalter beschämen ihre Umwelt, da sich jeder in ihrer Gegenwart verwahrlost vorkommt. Buchhalter fühlen sich oft als Opfer, da sie nicht anders können als anderen hinterherzuräumen.

Vorteil: Buchhalter-Kinder werden keine Probleme in der Schule mit Heftführung und Schönschrift haben; Buchhalter-Erwachsene keine mit der Steuererklärung. Bei ihnen haben 1000-Puzzle-Teile auch noch nach 15 Jahren 1000 Teile, Waschbecken keine Haare und Handschuhe einen linken und einen rechten.

Ordnungstipp: Hang loose. Relax. Buchhaltern hilft ein eigenes Refugium, das für chaotische kleine Schwestern oder – später – Ehemänner tabu ist. Wichtig: Kleinen Buchhaltern beibringen, dass sie sich nicht die Arbeit von weniger gewissenhaften Zeitgenossen aufhalsen müssen. Urlaub in Italien kann heilsam sein. Denn: Nein, das Abendland geht nicht unter, wenn der Bus zwei Minuten zu spät kommt.

Specker

Der Specker kompostiert am eigenen Körper. Seife und fliessendes Wasser sind ihm suspekt. Aus Essensresten entsteht im Kinderzimmer zuweilen neues Leben; in seiner Sporttasche gefährliches Gas aus dem Zusammentreffen alter Handtücher, nasser Fussballsocken und etwas, das einmal ein Wurstbrot gewesen sein muss. Der Specker ist oft zwischen 12 und 19 Jahre alt und männlich.

Nachteil: Der Geruch. Der Schmutz. Die fettigen Abdrücke überall. Die kleinen geflügelten Wesen, die plötzlich in der Wohnung leben.

Vorteil: Das wächst sich aus. Zusammen mit der ersten Liebe treten meist auch Deo, Kehrbesen und saubere Unterhosen in das Leben des Speckers.

Ordnungstipp: Biologische Waffen wie verweste Cervelats, Unterwäsche mit zartem Bewuchs und Gerüche, die an eine Sondermülldeponie erinnern, sind schlicht: VERBOTEN. Mütter mit einer Herzschwäche sollten das Zimmer des Speckers nur im Notfall betreten und auf die Reife des schmutzfinkigen Kindes warten.

Wischiwaschi

Die Wischiwaschi-Mischform hält Ordnung bei allem, was ihr wichtig ist und schlunzt bei Unwichtigem. Die Mischform – etwa weiblichen Geschlechts – kann stundenlang ihr Haar bürsten, das der Barbie, der Katze oder Oma, nicht jedoch ein einziges Mal freiwillig den Müll herunterbringen. Mischformen – beispielsweise männlicher Herkunft – leimen mit unendlicher Akribie miniatürliche Segelschiffe in Flaschen zusammen, bemalen die Dinger und stauben sie täglich liebevoll ab, niemals jedoch die Bücherregale drum herum.

Nachteil: Mischformen sorgen verlässlich für Streit. Nimmt doch jeder für sich in Anspruch, ordentlich zu sein und wittert im anderen den angehenden Messie.

Vorteil: Mischformen gehören zur Mehrheit und finden überall Verständnis – ausser bei den Mitbewohnern. Und: Die Mischform ist repräsentativ für die Welt. Irgendwas zwischen Urwald und englischem Rasen.

Ordnungstipp: Putz- und Aufräumpläne für alle erstellen. Stilvolles Streiten üben. Toleranz gross schreiben. Tiefenentspannende Bauchatmung trainieren.

Aufräumtipps

  • Arbeit portionieren. Das wirkt weniger abschreckend. Also nicht: «Heute räum ich auf.» Sondern: «Heute räum ich den Schreibtisch auf.»
  • Das Auge räumt mit. Schöne Aufbewahrungsmöbel machen mehr Lust aufs Sortieren.
  • 20% des zur Verfügung stehenden Platzes sollten frei bleiben für Neuzugänge. Unordnung ist oft gleichbedeutend mit: zu voll.
  • Wieso müssen T-Shirts gefaltet sein? Stramm rollen hält auch glatt und der Stapel fällt nicht immer um.
  • Bücher im Regal ganz nach vorn schieben. Kein Absatz, kein Staubfänger.
  • Ausmist-Frage: Würde ich das Teil ersetzen, wenn es gestohlen worden wäre? Nein? Tschüss.
  • Horizontale Flächen ziehen Krimskrams an. Folge: wenig Abstellplatten.
  • Fussboden freischaufeln. Dann wirkt gleich alles viel ordentlicher.
  • 3-Kisten-Taktik: Müll, behalten, weggeben.
  • Spielkameraden müssen beim Aufräumen helfen. Ungerechtigkeit und Ordnung schaffen ist zu viel für eine Kinderseele.
  • Jahreszeiten-Räumen. Muss das Schlauchboot im Januar griffbereit liegen?
  • Abends Basisordnung, einmal wöchentlich gründlich.
  • Menschen der westlichen Industrienationen besitzen zwischen 5000 bis 10 000 Dinge. Halbieren! Vierteln!
  • Flohmarkt ist klasse. Der Krempel kommt weg, Kinder haben Spass und ganz nebenbei gibts noch Geld.
  • Warum eigentlich ist das Kinderzimmer der kleinste Raum? Wie wärs mit dem Elternschlafzimmer?
  • Seit langem unbespielte Sachen wandern auf den Estrich. Nach dem Dachboden-Urlaub werden die Spielsachen plötzlich wieder interessant.
  • Nein, die Legoburg muss abends NICHT abgebaut werden. Die Höhle auch NICHT.
  • Plüschtiere und Puppen sind für Kinder lebendig und gehören deshalb nicht in den Schrank.

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