Menü
iStock-522734263

Cannabis-Konsum

Mama kifft. Warum das ein Tabu ist

Ich habe drei Kinder. Und ich kiffe. Ich mag das leichte High-Gefühl. Die meisten Leute wissen nichts davon. Meine Kinder schon.

Seit meiner Jugend roll ich mir regelmässig einen Joint. Das hat sich auch mit dem Kinderkriegen und den Partnerschaften nicht verändert, obwohl keiner meiner Männer Gras geraucht hat. Ich mag das Zeug einfach. Doch viele Leute wissen nichts davon. Erst recht nicht die Eltern der Gspändli meiner Kinder. Denn was wohl würden die sagen, wenn ihrem Kind bei uns daheim was zustossen würde, zum Beispiel vom Trotti fallen und auf den Kopf knallen? «Da musste ja was passieren, wenn die bekifft rumhängt!» Durchs Dorf würde es geflüstert, denn sowas macht in Nullkommanix die Runde. Die Nette aus dem Elternverein würde zur Asi-Mutti erklärt. Flugs würden wir auf die Liste der No-go-Areas gekritzelt und die Kinder wären ihre Spielkameraden los, schneller als man gucken kann. Darum schreib ich hier unter einem Pseudonym. Outings werden sowieso überbewertet. Was sich lange Jahre heimlich bewährt und am Rande der Legalität bewegt hat, bleibt besser da, wo es ist.

Dabei liege ich weder abgedröhnt im Sessel rum, noch ist im Kühlschrank nur der Schimmel frisch. Die Kinder sind meist gewaschen und gekämmt und fast immer rechtzeitig im Unterricht. Ein Joint katapultiert einen ja nicht in psychedelisch bunte Sphären, auch taucht man nicht in lethargische Bewegungslosigkeit ab. Ich kiffe, weil ich das leichte High-Gefühl einfach mag, weil Gras mich entspannt, gut tut, gelassener macht, weniger zickig und meckrig mit den Kindern. Ich komme oft auf gute Gedanken und manchmal sogar auf echt tiefe Erkenntnisse.

In bester Gesellschaft

Doch eigentlich wärs ja kein Riesending, denn als Weed-Raucher ist man heute in bester Gesellschaft. Bundesrat Ignazio Cassis hat sich als Grasraucher geoutet, Königin Victoria von England konsumierte Marihuana, die Ex-US-Präsidenten Barack Obama, George Bush und Bill Clinton genauso wie Microsoft-Gründer Bill Gates oder die Schauspielerin Cameron Diaz.

Mit der derzeit schwelenden Cannabis-Debatte auch in der Schweiz ist der Grasraucher nicht länger der soziale Leprakranke am Rande der Gesellschaft. Nicht nur Bundesrat Cassis, sondern der Gesamtbundesrat und der Nationalrat wollen wissenschaftliche Versuche zu den Auswirkungen des Cannabiskonsums zu Genusszwecken nun zulassen. Zudem soll medizinisches Cannabis an Kranke abgegeben werden können, ohne langwierige Bewilligungsverfahren.

Tausende von Jahren behandelte man in China und Indien Schmerzen, Übelkeit, Krämpfe oder Schwindel mit Marihuana, neuere Studien haben die lindernde Wirkung bestätigt. Bis zum Verbot 1951 kannte und schätzte man auch hierzulande die positive Wirkung der Pflanze, die zudem bei Epilepsie und ADHS helfen soll.

Gras über den Ladentisch

Trotz allem: Erzählt man mal aus einer beschwipsten Laune heraus, dass man Cannabis konsumiert, schauen die Leute mindestens kurz irritiert. «Na, du bist mir ein Vorbild für deine Kinder», polterte unlängst ein Bekannter, ein Bier in der Hand, seine Kinder um ihn rumwuselnd. Nein, natürlich will ich nicht, dass meine Kinder im Teenageralter kiffen, sag ich auf die entsprechende Standardfrage. Übrigens genauso wenig, dass sie Alkohol trinken oder Tabak rauchen. Und ja, mir ist bewusst, dass ich was Illegales tue, ist mir in diesem Fall aber egal.

Irgendwann haben die zwei älteren Kinder Fragen gestellt, die Antworten waren ehrlich. Sie wissen, dass ich mit 14 Jahren zu kiffen begonnen habe. Und ich weiss, dass es Neugierde auf Rauschmittel gibt und die Lust auf was Verbotenes, dass es allerdings auch andere Gründe gibt und Eltern gut geraten ist, genau hinzuschauen.

Es sind Gespräche über unterschiedliche Drogen und deren Gefährlichkeit, über die Gefahren für Kinder und Jugendliche, wenn sie Drogen oder Alkohol konsumieren, weil das Gehirn, das in diesem Alter radikal umbaut, viel sensibler auf alle schädlichen Substanzen reagiert als jenes von Erwachsenen und daher irreparable Schäden möglich sind. Und dass unter gewissen Voraussetzungen das Risiko für Psychosen besteht. Meine Kinder sind gut informiert.

Welche Auswirkungen der frühe Cannabis-Konsum auf mein Gehirn hatte, kann ich nicht sagen, weil ich nicht weiss, wie ich sonst wäre. Kurosch Yazdi, Suchtmediziner im österreichischen Linz, Legalisierungs-Gegner und Autor des Buchs «Die Cannabis-Lüge» erklärt Kiffer zu Leuten, die nie ganz erwachsen werden. Bin ich darum manchmal so total kindisch? Mag sein. Doch was solls? Die Kinder jedenfalls lieben es.

Wenn vor der Terrassentür gelegentlich Rauch aufsteigt, nimmts das älteste Kind gelassen, «weil du auch danach bist wie immer». Doch den Kumpels erzählen, dass Mama Gras raucht, wäre «voll fail», also geht gar nicht.

Das mittlere Kind ist kritisch: «Warum tust du etwas Verbotenes?» Weil Regeln zwar wichtig sind im sozialen Leben, aber nicht ungefiltert übernommen werden müssen, sag ich. Dass ausschlaggebend ist, dass kein anderer zu Schaden kommt und dass es angesichts des «Delikts» für mich vertretbar ist. Das Kind schaut skeptisch. Doch seit Discounter wie Denner und Lidl und der Hanfladen um die Ecke legales CBD-Gras über den Ladentisch verkaufen, bin ich raus aus der Debatte. Da kann das Kind noch lange murren.

Gesehen hat es aber schon und schelmisch gegrinst, als meine Gesichtszüge kurz verrutschten. Das war, als wir bei uns im Dorf im Denner an der Kasse standen und das kleinste Kind mit dem Finger auf das CBD-Tütchen auf dem Fliessband tippte– rotes Päckchen mit grünen Cannabis-Blatt drauf – und lautstark krähte: «Darf ich nachher auch so nen Kaugummi haben?» Die Augenbrauen aller Schlangensteher hinter uns fuhren in die Höhe. Das Dorfgeflüster kann beginnen.

Auch lesenswert