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Bildung

Bonjour, how are you?

Welche Fremdsprachen soll ein Kind in der Primarschule lernen? Und ab wann? Fachpersonen und Politiker streiten sich um die «richtigen» Sprachen und den «richtigen» Zeitpunkt.

Um die Fremdsprachen in der Primarschule herrscht politisches Gezänk. Frühfranzösisch? Frühenglisch? Beide Sprachen? Keine von beiden? Längst hat sich die Diskussion hochgeschraubt durch alle politischen Instanzen bis ins Bundeshaus, wo Innenminister Alain Berset die Frage nach der ersten Fremdsprache zur Existenzfrage für den nationalen Zusammenhalt erklärt. Dahinter steckt die Zauberformel 3/5. Diese im schweizerischen Sprachengesetz festgehaltene Formel besagt, dass die Schüler am Ende der obligatorischen Schulzeit über Kompetenzen in einer zweiten Landesund einer weiteren Fremdsprache verfügen sollen. Die erste wird spätestens ab der 3., die zweite ab der 5. Klasse unterrichtet. Ob die erste Fremdsprache eine Landessprache oder Englisch ist, entscheiden die Kantone autonom. Dass in der Deutschschweiz meist zuerst Englisch auf dem Stundenplan steht, verwundert nicht, denn der Zeitgeist, der um den Globus weht, ist angelsächsischer Natur.

Eltern sagen:

«Wir gehen oft ins Welschland in die Ferien – damit wollen wir die Kinder fit fürs Französisch machen.»
«Französisch mögen meine Kinder nicht – Englisch hingegen sehr.»
«Unsere Kinder haben in der Primarschule im Kanton Graubünden Romanisch, Italienisch und Englisch – das ist zu viel!»

Schon im Kindergarten jonglieren die Kids easy mit Englischvokabeln, wenige Jahre später streamen sie Filme, am liebsten in englischer Originalsprache. Englisch ist cool. Französisch weniger.

Drehen wir die Zeit zurück: Für unsere Eltern und Grosseltern gehörte das Welschlandjahr noch zur Bildung wie die Uhr zur Konfirmation – es galt als Kulturgut, das langlebigen Nutzen versprach. Viele ältere Deutschschweizer sprechen so eloquent Französisch, dass Jüngere oft lieber schweigen, statt sich mit ungelenken Sätzen zu blamieren. Statt des Aufenthalts in Lausanne sind London oder Los Angeles angesagt. Väter und Mütter aber, in deren Erinnerung der Französischunterricht als Murks und Mühsal kleben blieb – es sind viele – tun sich schwer damit, den eigenen Kindern Lust auf Französisch zu vermitteln. So dreht sich unheilvoll die Abwärtsspirale, der kaum mit politischem Knüppelschwingen beizukommen ist.

Auch nicht mit Schuldzuweisungen. Wenn manche Eltern mit spitzen Fingern auf die Lehrer zeigen, ihnen schüttere Sprachkenntnisse und eine helvetisierte Aussprache vorwerfen, mag das auf den einen oder andern zutreffen – für das Scheitern der Kinder an den Fremdsprachen aber tragen die Lehrpersonen wenig Schuld. Denn der Sprachunterricht bedeutet für sie oft Sisyphus-Arbeit: Klang, Konjugationen und Kultur einer Fremdsprache in zwei Lektionen pro Woche vermitteln zu wollen, ist verpuffte Energie. Das allseits eingeforderte «Sprachbad» gleicht mit wöchentlich 90 Minuten eher dem Eintauchen des kleinen Zehs in eine Pfütze.

Eltern sagen:

«Mich tschuderets, wenn ich den Lehrer meines Sohnes Englisch sprechen höre.»
«In der Arbeitswelt ist Englisch doch viel wichtiger!»
«Für manche Schüler sind Fremdsprachen ein Krampf. Für andere sind es Mathe, Handarbeit oder Turnen. Müssen wir deshalb gleich das Anforderungsniveau senken?»

Auch Remo Largo konstatiert dem Fremdsprachenunterricht in der Primarschule ein schlechtes Zeugnis: «Es genügt nicht, Sprache nur zu hören – Kinder müssen Sprache konkret erleben. Nur wenn sie das Gehörte mit Personen und Gegenständen, Handlungen und Situationen verbinden können, lernen sie, eine Sprache zu verstehen und zu sprechen», schrieb der renommierte Kinderarzt kürzlich im «Tagesanzeiger».

Dass Französisch und Englisch zudem benotet werden und mittlerweile oft für die Promotion für weiterführende Schulen zählen, war ursprünglich nicht so vorgesehen, erklärt der Leiter der pädagogischen Arbeitsstelle des Lehrerverbandes Schweiz (LCH), Jürg Brühlmann: «Vor allem weniger Sprachbegabte stehen damit unter grossem Druck.» Es sind aber keineswegs bloss schwächere Schüler oder Kinder mit Migrationshintergrund, die auf der Strecke bleiben. Markus Kübler, Abteilungsleiter Forschung und Entwicklung an der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen, erstellte kürzlich eine umfassende Expertise zum Thema Frühfremdsprachen. Er kommt zu dem Schluss, den in den letzten Jahren zahlreiche andere Studien bestätigen: «Frühstarter haben im Vergleich zu Spätstartern keine entscheidenden Vorteile.» Was viele Lehrer und Eltern schon lange als «Bauchgefühl» wahrnehmen, ist wissenschaftlich längst belegt: Das «Je früher, desto besser» gilt nicht zwingend für das Sprachenlernen in der Schule. Mehr noch: «Spätstarter lernen eine Fremdsprache sogar wesentlich effizienter als Frühstarter», sagt Markus Kübler. Wichtigster Faktor aber sei die Leistung in der Erstsprache. Wenn ein Kind – aus welchen Gründen auch immer – Mühe mit Deutsch hat, wird es im Französischunterricht lieber den Vögeln vor dem Fenster zugucken, als l’oiseau buchstabieren lernen.

Eltern sagen:

«Da wird immer beklagt, dass die Schüler sich zu wenig für Naturwissenschaften interessieren – für drei Sprachen in der Primar aber hat es Platz!»
«Ein paar Wochen im Sprachgebiet bringen mehr als jahrelanges Vocabulairebüffeln.»
«Wer noch nicht mal Deutsch kann, soll nicht zwei Fremdsprachen lernen müssen.»

Ist also jede Sprachfrühförderung für die Katz? Nein. Denn ein Ergebnis der Schaffhauser Studie lautet auch: Die Kinder haben Spass am frühen Fremdsprachenlernen. Bloss sollte man ihnen diesen nicht vorzeitig austreiben: «Es gibt Kinder, die sind bereit, früh zwei neue Sprachen zu lernen. Die Freude und das Interesse an anderen Kulturen aber kann durch schulischen Misserfolg ins Gegenteil verkehrt werden.»

Einer, der gegen die Windmühlen des allzu englischen Zeitgeists kämpft, ist Bernard Gertsch. Da immer mehr Deutschschweizer Kantone erwägen, das Französisch ganz aus dem Primarschulplan zu kippen – Thurgau, Nidwalden, Schaffhausen, Graubünden und Luzern – ist es für den Präsidenten des Schulleiterverbandes eine Herzensangelegenheit, Französisch als erste Fremdsprache dem Englisch nicht unwidersprochen zu opfern. Es gehe darum, sich in den verschiedenen Landesteilen verständigen zu können, aber auch um Berufschancen, die mit zwei Landessprachen steigen würden. Bloss: «Um Französisch einigermassen zu beherrschen, ist es zu wenig, sich mit nur drei Jahren Unterricht in der Oberstufe zufrieden zu geben», sagt der bilingue aufgewachsene Lehrer. Bernard Gertsch macht sich deshalb stark für einen dritten Weg: Den Sprach- und Kulturaustausch. Zum einen sollen Lehrerinnen und Lehrer in einem nationalen Programm die Gelegenheit erhalten, während eines Jahres in einer anderen Sprachregion zu unterrichten. Zum andern könnten sich Primar- und Sekundarschüler aus unterschiedlichen Landesteilen unter dem Label «Schulreise Plus» ein bis zwei Tage gegenseitig besuchen. «So entstehen Freundschaften über die Sprachgrenze hinweg, die dank Social Media auch später gepflegt werden können.»

Sind ein bis zwei Tage nicht etwas gar bescheiden? Weshalb nicht gleich mehrwöchige Aufenthalte während der frühen Oberstufe in den Schulplan integrieren? Bernard Gertsch schüttelt den grauen Lockenkopf: «Der Druck auf die Schulen ist jetzt schon hoch. Wenn nun noch gefordert würde, zwei Monate von der Volksschule abzuzwacken für einen Austausch, wäre der Widerstand zu gross.» Stattdessen schlägt Gertsch vor, mit kleinen Schritten zu beginnen. Mit besagten zweitägigen Schulreisen oder Klassenlagern in der jeweils anderen Sprachregion. Was für ihn aber auf keinen Fall heisst, das Primarschulfranzösisch ganz zu streichen: «Ein Austausch für die Kinder ist erst dann motivierend, wenn sie schon ein paar Brocken Französisch beherrschen.»

Eine Sprache lernt man letztlich dort am besten, wo sie gesprochen wird. In welchem Land aber liegen drei Weltsprachen nur einen Steinwurf voneinander entfernt? Eben.

Bis die Frage der Fremdsprachen in der Primarschule durch alle politischen Mühlen gedreht und das föderalistische Säbelrasseln einer nationalen Lösung gewichen ist, fliesst noch viel Wasser den Rhein – pardon, die Rhone – runter. Bis dahin bleibt den Eltern nur, ihren Kindern beim Sprachenlernen «trotz allem» Rückenwind zu geben: Indem sie dem schulischen Druck gelassen gegenüber treten; indem sie ihren eigenen «Franzfrust» nicht unreflektiert auf die Kinder übertragen; indem sie die süssen Sprachtrauben, die in der Schweiz direkt vor der Nase hängen, pflücken. Zum Beispiel mit Familienferien oder Sprachferien für die Kinder im Welschland. Allez-y!


«Sprachbaden»

Feriensprachkursanbieter für Kinder und Jugendliche, unter anderem im Welschland:

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