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Voll gedisst

Ein böser Teenager mit Sonnenbrille

Ein falsch benutztes Wort kann Folgen haben. Manchmal sogar ganz unterhaltsame Folgen.

Ein - nennen wir es - Dialog, wie es ihn in unserer Familie in den letzten Jahren zuhauf gegeben hat:

Ben: Du bist ein X.

oder: Ich bin ein X.

oder: So ein X.

Ich/Mami: ????

oder: !!!!!

Ben: Was heisst überhaupt X?

Muss ich erläutern, wofür X alles stehen kann? Na gut. «Homo», «Missgeburt», «Mongo», lauter Beleidigungen, wie sie auf dem Pausenhof zirkulieren. Die meisten kannten wir schon aus unserer eigenen Kindheit, ein paar neue sind dazugekommen. Kinder haben einen sechsten Sinn für jene Wörter, die Mami und Papi nicht aus dem Munde ihrer Zöglinge hören wollen. Und schon gar nicht vor anderen Leuten, könnte ja als Ausdruck schlechter Erziehung empfunden werden. Insbesondere Buben scheren sich aber einen «motherfucking» Scheissdreck drum und machen sich stattdessen einen Sport daraus, mit solchen Wörtern die Nerven der Eltern zu strapazieren. Völlig normal. Was das Wort genau bedeutet, ist den Rackern gar nicht so wichtig, viel wichtiger ist es, zu wissen, dass es sich dabei um ein anrüchiges, verbotenes Wort handelt. Schliesslich will das Vokabular der Unwörter gepflegt sein, man weiss ja nie, wann bei einem Unwort die Inflation eintritt und die Eltern plötzlich dagegen immun sind (passiert so gut wie nie). Es geht mir nicht um die Fluchwörter, darüber haben wir schon x-fach gelesen, sondern darum, dass es den Kindern ziemlich schnurz ist, nicht zu wissen, was jene Wörter bedeuten, die sie da hinausposaunen. So kam es kürzlich zu jener interessanten Situation bei uns am Esstisch:

Mami (zu mir): Ben hat also heute dies und jenes gut gemacht und war auch sonst ganz brav.

Ich (unbeeindruckt): Aha.

Ben (zu mir): Ha! Diss!

Ich (zu mir): !?

Deutungsversuch: Weil ich der strenge Part unserer Erziehungsfraktion bin und dafür bekannt, eher zu motzen als zu loben, fand Ben, der in meinen Augen schon mehr zum Motzen als zum Loben Anlass gibt, er habe einen vernichtenden Sieg über mich errungen, zumal er etwas Lobenswertes getan hat. Darum: Diss. Wenige Tage zuvor hatte ich versucht, ihm klar zu machen, was dissen bedeutet, nämlich jemanden runtermachen, und erläutert, warum man nicht «diss» sagt, wenn sich einer zum Beispiel den Zeh stösst. Um zu dissen, müsse man schon etwas kreativ werden. Den Teil, dass dissen von disrespect komme sowie von Rappern erfunden wurde und vor allem dann zum Einsatz kam, wenn sich diese in Freestyle-Battles duellierten, kürzte ich wohlweislich ab (seit 2000 steht «dissen» übrigens auch im Duden mit der Übersetzung: verächtlich machen, schmähen).

Am Ende brachte diese unverhofft lehrreiche Begebenheit in mir zwei Fragen auf: 1. Bin ich zu kritisch? Schliesslich meinte Ben, er habe mir eins ausgewischt, jetzt, wo ganz klar war, dass er etwas gut gemacht hatte. 2. Ist das Verhältnis von Ben und mir zu kollegial? Immerhin will er sich von mir abheben, indem er mich dissend niedermacht.

Ein Wort nicht adäquat gebraucht, dafür eine witzige Situation ausgelöst und wertvolle Gedanken provoziert. Ich sollte Ben wohl dafür loben.

Epilog: Mein Vater riet meinem Bruder und mir damals: «Seid ihr wütend und es liegt euch ein Fluchwort auf der Zunge, sagt stattdessen einfach ‹Chrumbi Banane›.» Wir machen uns noch heute darüber lustig.

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