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Immer auf die Kinderlosen

Zwei Hände streiten sich um einen roten Telefonhörer

Wieso werden in letzter Zeit eigentlich dauernd Eltern gegen kinderlose Menschen ausgespielt? Und wer hat ein Interesse daran?

Ich möchte es an dieser Stelle unumwunden zugeben: Ja, auch ich bin ein Lobbyist meiner eigenen Interessen. Mit drei Kindern bedeutet das, dass ich vor allem an Missständen und Ungerechtigkeiten Anstoss nehme, die im engeren und weiteren Sinne den gesellschaftlichen Umgang mit Kindern betreffen. Dabei ist gerade in Deutschland schon der Grundton dieses Umgangs dissonant. Dieses verrauschte Greinen darüber, «dass wir ja alle bald aussterben», gepaart mit abschätzigen Seufzern hinsichtlich der Inkompetenz moderner Eltern und der fehlenden Disziplin ihrer Sprösslinge. Und in diesen permanenten Missklang mischen sich dann die vielen kleinen, alltäglichen Stiche gegen Kinder und die Menschen, die für sie Verantwortung übernehmen. Vom Sommerwetter begeisterte, laute Kinder an einem Samstagvormittag? Finden die Nachbarn eine Frechheit. Genau vier Wochen später unter stundenlangem Baulärm einen Carport hochziehen lassen? Das wird man samstags in Deutschland ja wohl noch mal machen lassen dürfen!

Wohnungen, die nur an kinderlose Menschen oder solche, deren Kinder bereits über zwölf Jahr alt sind, vermietet werden? Arbeitgeber, die potentielle Arbeitnehmerinnen mehr oder weniger unverblümt darauf ansprechen, «wie es denn mit der Familienplanung aussieht»? Beides so nicht legal aber leider durchaus keine Seltenheit.

Ich bin also auf die vorgebliche Kinderfreundlichkeit meines Heimatlandes nicht sonderlich gut zu sprechen und im Gegenzug gerne bereit, bei jeder sich bietenden Gelegenheit dagegen zu protestieren und die Rechte meiner Kinder einzufordern. Lobbyist eben, wie eingangs erwähnt. Allerdings weigere ich mich, das zu tun, was neben der nachvollziehbaren Interessenvertretung zusätzlich erwartet wird. Nämlich das Anfeinden von anderen Interessengruppen. Kinderlosen zum Beispiel. Sagen müsste ich zu denen so Sachen wie:

  1. Kinder machen das Leben erst so richtig lebenswert.
  2. Wer soll meine Rente zahlen?
  3. Ihr seid wohl zu karrieregeil und egoistisch?
  4. Ihr seid wohl neurotische, vergnügungssüchtige Narzisten?
  5. Ernsthaft, was ist bloss los mit euch?

Tatsächlich ist mir das jedoch zu doof. Gut, man muss zugeben, dass Kinderlose auch ziemlich ätzend sein können. Mir fallen da speziell zwei ein: Angela Merkel und Volker Kauder, beide CDU, beide verheiratet und total überzeugt davon, dass Mann und Frau in einer Ehe Kinder zeugen sollten (fragt mich nicht, ich weiss doch auch nicht, was das soll!). Aber ansonsten sind die meisten von denen doch vernünftige, entspannte Lobbyisten, die ihre eigenen Interessen vertreten, OHNE anderen dabei ständig auf den Füssen stehen zu müssen und Unsinn zu verbreiten. Mit denen könnte man doch leben und sie leben lassen, was nicht zuletzt auch den Vorteil hätte, dass man abseits von der üblichen «Teile und Herrsche» Strategie (hier kommen dann wieder die beiden von 3 Sätzen ins Spiel) und jenseits des eignen Tellerrands einmal einen Blick darauf werfen könnte, worin eigentlich die Probleme bestehen. Wieso wir unter anderem einer Pisa Statistik hinterherrennen, die von Ländern angeführt wird, in denen Kinder innerhalb ihres Schulsystems systematisch eingeschüchtert und gedemütigt werden.

Daran sind nicht die Kinderlosen Schuld. Auch nicht an der Gentrifizierung der Städte oder an der schäbigen Privatisierung staatlicher Altersvorsorge. Vielleicht sollten wir genervten Eltern mal darüber nachdenken, gemeinsam mit den genervten Kinderlosen auf die Strasse zu gehen. Bei der Gelegenheit liesse sich dann auch gleich feststellen wovon wir gemeinschaftlich so genervt sind (Kleiner Tipp: Die Betreffenden kamen schon in diesem Text vor!).

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