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Das Geburtstagsparadoxon

Illustration: Mädchen freut sich über Geburtstagstorte

Die Frage «Weisst du noch, wie’s früher war» könne Eltern oft nur zu leicht beantworten. Dabei sollten sie allerdings die Frage danach, wie es denn heute ist, nicht aus den Augen verlieren.

Zeit ist eine ausgesprochen Merkwürdige Sache. Sie wird laut Albert Einstein als Raumzeit so von der Schwerkraft gekrümmt, dass sie auf einem Berggipfel minimal schneller vergeht als im Tal. Und wegen Marcel Proust kann heute niemand mehr kleine Gebäckstücke verzehren, ohne, dass er oder sie noch einmal die Zeit seiner oder ihrer Kindheit erlebt (warum das so ist, steht hier).

Kuchenzeit quasi. Die Zeit ist auch irgendwie dafür verantwortlich, dass ich meine Emma beim Feiern ihres 10. Geburtstages zusehe, während dieses Bild zugleich von einer Fülle von Eindrücken aus den verschiedensten Perioden ihres Lebens überlagert wird. Während sie sich über ein Smartphone und supercoole grüne Schuhe freut, sehe ich sie als kleines Brabbelkind selbstverloren Topfpflanzen giessen (Klammer 1: Doppel-PF? Das ist ja widerlich!) (Klammer 2: Bleiben wir bei der Wahrheit – ersäufen trifft es eher).

Als sie zu einem Stück Geburtstagskuchen greift, rieche und sehe ich ihr Lieblingsunterwegsessen als 1½-Jährige: Pfundweise gekochte Nudeln und Wiener Würstchen, die vorher aus der Pelle gezogen wurden (noch widerlicher als besagtes Doppel-PF). Es ist als würde man die Wirklichkeit auf verschiedenen Ebenen betrachten und mit zunehmendem Alter werden diese Ebenen zahlreicher. Ich ertappe mich dabei, dass ich wie Lorelai bei den Gilmore Girls die Geburtstage meiner Tochter verstärkt zum Anlass nehme, um ihr zu erzählen, wie das damals alles genau gewesen ist.

Nur, dass ich dieses «Damals» nicht klar von der Gegenwart abgrenzen kann. «Ich weiss es noch als wäre es gestern gewesen» reicht da als Beschreibung nicht. «Gerade eben» trifft es schon eher. Oder um es noch genauer zu nehmen: «Jetzt, in diesem Moment». Piepst du einmal kurz, damit Mama und ich uns keine Sorgen machen, weil du nach der Geburt so still bist und wir dich vor lauter geschäftigen Menschen um dich herum gar nicht richtig sehen können? Muss ich nicht deinen Kopf halten, Töchterchen? Ist dir der Badeeimer nicht viel zu gross? Nicht immer hinfallen, ja! Kita, Schule, Freunde, Tränen, Lachen. Sich in die Notaufnahme stellen und dort ganz selbstbewusst «Huhu, ich habe ein Loch im Kopf!» verkünden. Das erinnere ich nicht, als wäre es gestern gewesen, das erlebe ich genau jetzt: Alternierende konvergierende Realitäten – dagegen ist die String-Theorie eine Kleckerburg.

Ich könnte das jetzt als Leistung deklarieren. Mich darüber freuen, dass mir all diese Ereignisse noch so gegenwärtig sind. Und klammheimlich tue ich das sicherlich auch ein bisschen. Aber das Mädchen, das gerade zum ersten Mal zweistellig feiert und darüber vor Stolz fast platzen könnte, hat es verdient, dass ihr etwas aus der Zeit gefallener Vater sich mehr an das konkrete Geschehen bindet. Dieses Mädchen braucht mich nicht dafür, dass ich an ihrem Geburtstags ins Leere starre, weil ich gedanklich gerade wieder einmal ob der Nachricht, dass sie gesund und munter ist und ich bald Vater werde, über den Berliner Kudamm und auf den Dächern Kreuzbergs tanze, sondern dafür, dass ich sie jetzt, hier und heute an ihrem Ehrentag hochhebe und im Kreis herumwirble. Natürlich nur solange, bis ihre Gäste da sind und keiner guckt. Schliesslich will sie nicht, dass ihr alter Herr sie wie eine dampfpfeifige Kopfpflaume aussehen lässt.

Es ist also an der Zeit endlich loszulassen und den Geschehnissen zu erlauben, nur noch als Erinnerung zu existieren - und nicht als ständige gedankliche Wiederaufführung. Die Spielzeit ist begrenzt, der Tochterspielplan pickepackevoll. Zeit, ein paar Sachen in den Fundus zu geben.

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