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Bhüetis nei au!

CD-Player mit einer Kinder-CD drin

Wie ich Zauberer Schnödegürügöngöng aus Verzweiflung fast zum Deutschlehrer meiner Kinder machte.

Sohn (zeigt auf seinen Teller): «O que é isto?»

Mutter: «Das sind Hörnli.»

Sohn: «Nei, Massa.»

Mutter (mit gespielter Empörung): «Nei, das sind Hörnli.»

Sohn: «E isto?»

Mutter: «Das sind Erbsli.»

Sohn (grinst): «Nei, ervilhas.»

Mutter (seufzt)

Wir leben nun knapp vier Monate in Portugal, aber ich habe längst verloren. Der Zweijährige, der gerade an einem munzigen Plastiktischchen sitzt und sein Mittagessen analysiert, wird wahrscheinlich nie wissen, was munzig heisst, zumal ich das Wort ja selbst zum ersten Mal seit Jahren wieder einmal benutze. Dabei ist es so ein schönes Wort. Munzig. Chlüperli. Füdli. Chrüsimüsi. Fägnäscht. Gnusch. Rüebli. Ja, Rüebli! Natürlich weiss mein Sohn, was Rüebli sind, er versteht auch Gschwellti und Birchermüesli, er weiss alles zu benennen, was ich meiner Familie so an originellen Speisen auftische, und noch vieles mehr. (Und selbst wenn es nicht so wäre, würde ich das hier behaupten. Sonst ruft mich heute Abend meine Mutter an. Und ich will doch den Tatort nachschauen, den ich am Sonntag verpasst habe.)

Ich setze mich zum Buben an sein Tischlein, und versuche mir vorzustellen, wie das ist, wenn das eigene Kind nicht dieselbe Muttersprache hat wie man selbst. Ich könnte natürlich auch einfach meinen türkischen Vater fragen, dessen Tochter lange Jahre ausschliesslich Schweizerdeutsch auf ihn einplapperte und dem nichts anderes übrigblieb, als möglichst schnell dazuzulernen. Stattdessen springe ich vom Tischlein auf, stecke mein Telefon in die Musikanlage im Regal und suche auf Youtube nach alten Kasperlitheaterstücken. Schliesslich will sich der Grosse ja auch von seinen Schweizer Kinderliedern in letzter Zeit nur noch gerade Track 8 und 24 anhören – und siebenhundertsechsundneunzig Mal «D Zyt isch da» und «Det äne am Bergli» erweitern seinen Wortschatz auch nur noch bedingt. Jörg Schneider solls also richten.

Als das vertraute Tratratrallala ertönt und Kasperli sich zu einem weiteren Abenteuer aufmacht, muss ich daran denken, wie ich einst in einer Zürcher Bar einem jungen Mann begegnet bin, der einwandfreies Berndeutsch sprach und sich doch irgendwie eigenartig ausdrückte. Es stellte sich heraus, dass der Mann in den USA aufgewachsen war, aber Berner Grosseltern hatte und entsprechend ein Vokabular mit ein paar Jahrzehnten auf dem Buckel. Wird mein Sohn nach Jahren exzessiven Kasperlitheaterkonsums also eines Tages in einer Zürcher Bar ein Bier bestellen und «Bhüetis nei au!» ausrufen, wenn er feststellt, dass dieses soviel kostet wie ein Kleinwagen in Portugal? Wird er ein paar Stunden später im Club einer hübschen Zürcherin «Waseliwas?» ins Ohr schreien, weil die Musik so laut aus den Boxen dröhnt und er von ihren Ausführungen nichts verstehen kann?

Während ich mir weitere Zukunftsszenarien dieser Art ausdenke, stochert der kleine Bub neben mir ungerührt in seinen Erbsen. Auch das Kasperlitheater lässt ihn ziemlich kalt. Nur das Tratratrallala, das kann er nicht oft genug hören. Nach dreizehn Mal ist dann aber Schluss. Potz Holzöpfel und Zipfelchappe!

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