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Einer dieser Feministen

Wein und Tapas

Wie ich etwas über Wein lernen wollte und dabei einiges über Menschenkenntnis erfuhr.

Wir sind uns noch nie zuvor begegnet, wir sind einander noch nicht einmal vorgestellt worden, da winkt mich dieser Mann schon ungeduldig her, als sei er nicht nur seiner eigenen Töchter sondern auch mein Vater und ich bestenfalls drei Jahre alt. Missmutig trotte ich ihm entgegen, beeilen werde ich mich nicht, ganz sicher nicht. Er läuft in grossen Schritten voraus. Und dann stehen wir vor dem Kleinbus, der uns in den kommenden Tagen zu verschiedenen Weingütern bringen wird, unser Gepäck sonnt sich auf dem Bürgersteig wie ein Rudel müder Hunde und der Fahrer unterhält sich gerade mit jemandem. Wo also genau liegt sein Problem? Mann.

Wir klettern auf unsere Sitze und stellen uns vor, Frederik heisst er, ein schnittiger Schwede im Slimfit-Hemd. Ein Kollege und eine Kollegin begleiten ihn, allesamt Experten auf ihrem Gebiet, ich durfte mich für ihre Verkostungsreise dazugesellen, weil ich die Anbaugebiete in der Region kennenlernen will. Ich spreche Frederik auf einen Artikel über Frauen und Wein in seinem Onlinemagazin an, ein Steilpass, das merke ich nach ein paar Sätzen. «Ich bin Feminist!» posaunt er mir entgegen, und ich verschlucke mich fast an meinem Joghurtdrink. Ich glaube nicht, dass Ausführungen über die Trinkgewohnheiten von Frauen viel zur Gleichberechtigung beitragen, entgegne ich, aber er erzählt bereits von den starken Frauen in seiner Familie, der Mutter, der Grossmutter, der tollen Ehefrau, den wundervollen Töchtern, nicht unerwähnt lässt er auch: die Kunstsammlung, die Segelreisen. Ob er noch in einer anderen Branche tätig sei als dem Journalismus, frage ich ihn, da gibt er sich zum ersten Mal wortkarg, doch, ja, im Investment Banking habe er früher gearbeitet, antwortet er schliesslich. Ach so, Investment Banking. Ja eine Geburtsstätte des Feminismus.

Als er am zweiten Abend zum wiederholten Mal sein Bekenntnis zu den Anliegen der Frau kundtut, rufe ich ihm quer über den Tisch und ein Dutzend angebrochener Weissweinflaschen hinweg zu: «Wie lange bist du eigentlich zu Hause geblieben, als deine wundervollen Töchter zur Welt kamen?» Es reicht mir langsam mit den Feministen, die keine sind, insbesondere seit den Silvestervorfällen in Köln, mit Männern, die es lustig finden, sich als Feministen zu bezeichnen, weil sie «Frauen lieben», zwinkerzwinker, hohoho. Der schnittige Schwede überlegt kurz und sagt dann: Drei Monate seien es bei der ersten Tochter gewesen, vier bei der zweiten. Ich schaue ihn an. Da sitzt mir also ein Ex-Banker gegenüber, der sich vor dreissig Jahren in einem alles andere als familienfreundlichen Betriebsklima mehr Zeit für seine Kinder ausbedungen hat als alle Geisteswissenschaftlerpapis in meinem Umfeld heute zusammen. Seine Frau, erfahre ich am selben Abend, ist ebenfalls ehemalige Investmentbankerin und leitet heute ihr eigenes Unternehmen, die Mutter engagierte sich lange in der Politik, seinen beiden Töchtern sind Selbständigkeit und finanzielle Unabhängigkeit eine Selbstverständlichkeit. Man muss dem Wein etwas Zeit geben, bevor man ein Urteil über seinen Charakter fällt, hat man mir in den vergangenen Tagen beigebracht - aber das hätte ich eigentlich wissen müssen.

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