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Freundschaft

Bis die Kinder uns trennen?

2 Frauen an einer Party

Weshalb das Thema Erziehung zum Prüfstein für Freundschaften werden kann.

Rrrrummms. Mit zielsicherer Handbewegung schmeisst der 3-jährige Leon unsere Bücher aus dem Regal. Seine Mutter Anne, eine gute Freundin von mir, lacht: «Na Leon, bist ja wieder voll in deinem Element.» Meine Tochter blickt erstaunt – auf der Suche nach dem Donnerwetter, das sie sich an Leons Stelle hätte anhören müssen. Aber ich bleibe erst mal ruhig. Schliesslich ist Leon nicht mein Kind, sondern das meiner Freundin. Und genau dort liegt der Knackpunkt. Ein Kind stellt den Alltag ab jetzt gleich auf den Kopf, darauf stellt man sich als werdende Eltern gemeinhin ein. Genauso wie auch auf die Tatsache, dass kinderlose Freunde den neuen, essentiellen Fragen wie «Nimmt das Kleine genug zu?» und «Wie kriegen wir es zum Durchschlafen?» nicht so viel abgewinnen können. Gut, gibt es im Freundeskreis mittlerweile viele andere Eltern!
Dass jedoch die Gleichung «Wir haben Kinder, also sind wir auf einer Wellenlänge» nicht aufgeht, wird einem erst mit der Zeit bewusst.

Als Anne bei den nächsten zu Boden fallenden Büchern wieder nicht reagiert, nehme ich ihren Sohn beiseite: «Stopp Leon. Die Bücher bleiben im Regal.» «Hui», sagt meine Freundin ein wenig peinlich berührt, «bei euch weht aber ein strenger Wind.»
Es ist nicht die erste Gelegenheit, die mir bewusst macht: Zwischen Anne und mir herrscht neuerdings ein unangenehmes Gefühl von Fremdheit – hervorgerufen durch unsere Kinder. Wir kennen uns noch aus kinderlosen Tagen und haben uns nie wirklich über Erziehungsstile ausgetauscht. Irgendwann jedoch begann ich zu ahnen: Gemeinsame Vorlieben für Film und Musik sind kein Garant dafür, dass man auch in Erziehungsfragen gleichauf liegt.

Hui, bei euch weht aber ein strenger Wind! Ein Satz kann zwischen Freundinnen zum Keil werden.

Und so erlebt man seine Freunde von «früher» auf einmal von bis dahin unbekannter Seite. Das gemeinsame Kochen mit Sabine und Frank, Freunde aus Jugendtagen, endet damit, dass die beiden den halben Abend mit ihren Kindern im Schlafzimmer bei Zubettgeh-Ritualen und Einschlafbegleitung verbringen; während mein Mann und ich mit einem eher pragmatischen Ansatz das Töchterlein in wenigen Minuten ins Bett verfrachtet haben und sodann mit hängendem Magen auf das andere Elternpaar warten. Als die beiden nach geschlagenen zwei Stunden wieder auftauchen, hat niemand mehr Lust zu kochen, und die Stimmung ist getrübt.

Ich mach das ganz anders!

Oder meine Freundin Conny. Nach einem Treffen mit ihr und den Kindern haben wir meist nicht mehr als ein paar belanglose Sätze miteinander gewechselt – Kunststück, wenn sie die ganze Zeit mit den Kleinen auf dem Boden hockt, statt bei mir auf dem Sofa, und dabei ausschliesslich den Äusserungen ihres Einjährigen lauscht.
Sowohl bei Sabine und Frank als auch bei Conny weiss ich genau: «Ich würde es ganz anders machen!» Und ziemlich sicher denken sie dasselbe über mich. Ein Austausch darüber findet jedoch selten statt. Denn wenn man eine Lektion im Elternleben schnell lernt, dann diese: Kritik am Umgang mit dem Nachwuchs ist heikel und ein grosses Tabu.
Über Erziehung reden wir, solange die Fakten theoretisch sind und die Beobachtungen vage bleiben; wälzen alle mögliche Fachliteratur und sind fest entschlossen, so gut zu erziehen, wie noch keine Generation zuvor. Über allem schwebt dabei ein fast religiöser Ernst – was es auch so schwierig macht, die Methoden zu hinterfragen. Kritik am elterlichen Umgang mit dem Nachwuchs zu üben, ist in etwa gleich heikel, wie den Partner der besten Freundin zu kritisieren: Es wird als ein extrem intimer Eingriff empfunden, bei dem die Betroffenen automatisch in Verteidigungshaltung geraten.
Lassen sich wertneutrale Tipps («Wie hast du es geschafft, deinem Kleinen den Nuggi abzugewöhnen?») unter Freunden noch unverdächtig austauschen, bewegt man sich mit der vorsichtig aufgeworfenen Frage nach dem Sinn einer über zweistündigen Einschlafbegleitung schon auf sehr dünnem Eis – was meist in einer elternideologisch unterfütterten Grundsatzdiskussion endet («wir zerstören immerhin nicht das Urvertrauen unserer Kindes, indem wir es mutterseelenallein ins Bett stecken»). Willkommen Schubladendenken!
Sozusagen qua Geburt legen Mütter und Väter durch ihre Handlungen ihre Elternrollen fest. Impfen oder nicht, Stillen oder Schoppen, Brei selber kochen oder Gläschen-Kost – dies sind von nun an markante Positionen, an denen sich Weltanschauungen im Elternuniversum trennen. So kann ein gedankenlos dahingesagter Satz wie «Manchmal lassen wir unser Kind auch schreien» beim Gegenüber die gleiche Reaktion auslösen, wie in noch kinderlosen Zeiten das Bekenntnis zu einer politisch extremen Position.

Warum nicht ohne Kinder?

Aber es gibt Hoffnung! Frühere, eher flüchtige Bekannte werden im Zeitalter von Kindern unerwartet zu Freunden – ganz einfach weil man feststellt, dass man erziehungstechnisch auf einer Wellenlänge liegt und gemeinsame Treffen so herrlich unkompliziert und normal verlaufen.
Und was Anne angeht: Mit ihr treffe ich mich mittlerweile nur noch ohne Nachwuchs. Denn wer behauptet, dass wir als Mütter genauso harmonieren müssen wie als Freundinnen? Es geht doch nichts über einen entspannten Abend, an dem – in stillschweigender Übereinkunft – für einmal nicht über vollwertiges Krippenessen oder die Wirksamkeit von Arnica Globuli schwadroniert wird.

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