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Wettbewerbsdruck bei den ganz Kleinen

Babys im Konkurrenzkampf

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Kaum geboren, geht der Vergleich los: Können andere Kinder etwas, was das eigene nicht kann? Eltern stressen damit nicht nur sich selbst.

Katrin aus Aarau war zur gleichen Zeit schwanger wie ihre Schulfreundin Beatrice. Als der Nachwuchs auf der Welt war, tauschten sich die beiden Mütter wöchentlich über die Fortschritte aus. Tim wiegt schon 6 Kilogramm!, mailte Beatrice. Oder: Er beginnt zu krabbeln! Katrins Tochter war klein und fein, und mit der motorischen Entwicklung liess sie sich Zeit. Nachdem sie lange nur gerobbt war, stand sie aber plötzlich auf und lief nach wenigen Tagen wacklig, aber ohne Hilfe durch die Wohnung. Stolz mailte Katrin ihrer Freundin diesen Fortschritt. Sie hat nie mehr etwas von ihr gehört.

Dass der Kontakt zwischen Müttern abbricht, wenn das eine Kind das andere in der Entwicklung «überholt», mag ein Extremfall sein. Ein Blick in die Internetforen von Elternratgeber-Seiten zeigt aber, dass es nicht ganz weit hergeholt ist. Eltern – am Anfang besonders die Mütter, bei Vätern später, etwa wenn die Kleinen Velofahren lernen – können sich dem Vergleich ihres Kindes mit Gleichaltrigen kaum entziehen. Ist ein Kind dem eigenen in der Entwicklung voraus, macht man sich sofort Sorgen.

«Hilfe, mein Kind ist 15 Monate alt und will nicht laufen», schreibt eine Mutter namens Lea31 im Forum. 15 Monate? Wo liegt das Problem? «Alle anderen im gleichen Alter können es schon», so die Mutter weiter. Eine andere schreibt: «Ich meide heute noch den Spielplatz, auf dem mich die anderen mit ihren Bemerkungen zum Weinen gebracht haben.» Oder Tanja, die um 02:24 Uhr schreibt, dass sie nicht schlafen könne, weil sie erfahren habe, dass sich der 10-monatige Nachbarsjunge bereits an den Möbeln hochzieht. Ihr Töchterchen (16 Monate) macht das noch nicht.

Schon Schwangere vergleichen sich

Der Konkurrenzkampf beginnt schon, bevor die Kleinen das Licht der Welt erblicken. Wer nicht bis zur Geburt vor Energie strotzt, gilt als Weichei. «Im 8. Monat schon aufgehört zu arbeiten? Ich war noch am Geburtstermin im Büro», heisst es beispielsweise.

Am häufigsten wird aber wohl das Schlafverhalten der Babys verglichen. Hier reagieren die Mütter besonders empfindlich. Verständlich: Wer fahl und hundemüde nach monatelang durchwachten Nächten auf eine rosige Mutter trifft, die verkündet, ihr Kind sei ein richtiges Murmeltier, das man zum Stillen wecken müsse, dem geht der Laden runter. «Dein Sohn schläft noch nicht durch? Da hab ich Glück, meine Kleine schläft schon seit der Geburt durch», hört man etwa.

Jeder weiss, dass sich Kinder unterschiedlich schnell und auf individuelle Weise entwickeln. Kinderärzte und Mütterberaterinnen betonen das wieder und wieder. Einige lassen Entwicklungsschritte aus, laufen, bevor sie krabbeln oder rutschen auf dem Hintern, statt zu krabbeln. Einige essen dreimal so viel wie andere im selben Alter. Alles völlig normal. Motorische Spätzünder können trotzdem später Marathonläufer werden. Und manch ein Professor hat erst mit zwei Jahren zu sprechen begonnen.

Babys spüren die Erwartungen der Eltern

Warum also das Theater? Bekommen hier schon die Kleinsten den Wettbewerbsdruck unserer Gesellschaft zu spüren? Oder ist es nur Unsicherheit und übertriebene Sorge? «Beides», sagt Heidi Simoni, Leiterin im Marie-Meierhofer-Institut-für-das-Kind.«Einerseits haben die Eltern heute meist wenig Erfahrung. Oft haben sie noch nicht erlebt, dass die Entwicklung bei jedem unterschiedlich abläuft.» Andererseits werde heute ein Kind wie ein Projekt geplant, wie ein Karriereschritt. Und der soll sich lohnen.

Für die Kinder kann der Leistungsdruck fatal sein. Schon Babys merken, wenn sie den Erwartungen der Eltern nicht genügen. «Das Baby spürt: Irgendetwas mache ich falsch», so Simoni. Kinder brauchen für ihre Entwicklung die Rückmeldung des Gegenübers. Ist die Bezugsperson unzufrieden, ist es verunsichert und traut sich weniger zu.

Spätestens aber, wenn das Kind älter ist, lachen Mütter in der Regel darüber, dass sie wegen des Babys, das lange nur auf dem Hintern rumrutschte, von Kinderarzt zu Physiotherapeut gerannt sind. Und sie sagen sich rückblickend: «So ernst hätte ich das damals nicht sehen sollen».


So entziehen Sie sich dem Konkurrenzkampf

Seien Sie neugierig auf Ihr Kind, beobachten Sie, was es gerade lernt. Konzentrieren Sie sich auf seine Interessen und nicht auf einen Entwicklungsschritt, den es Ihrer Meinung nach jetzt unbedingt tun müsste. Ermutigen Sie es, ohne Druck aufzusetzen. Sagen Sie nicht «Jetzt probier doch mal…», sondern «Super, was du kannst. Toll, dass du das versuchst.» Ist ihr Kind auf einem Gebiet besonders weit? Zum Beispiel in der Feinmotorik? Interessieren Sie sich dafür. Wenn Sie etwas an Ihrem Kind beunruhigt, fragen Sie Ihren Kinderarzt oder Ihre Mütterberaterin statt andere Mütter. Freuen Sie sich über die Besonderheiten Ihres Kindes, schauen Sie gelassen in die Zukunft: Schon in einem Jahr interessiert es niemanden mehr, wann Ihr Kind genau krabbeln oder laufen gelernt hat.

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