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Heranwachsen ohne Windeln

Babys brauchen keine Windeln

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Von der Geburt an aufs Töpfchen: Die Methode stellt unsere Vorstellungen zur Reinlichkeitserziehung radikal in Frage. «wir eltern» war beim Windelfrei-Workshop dabei.

Wie bitte, Babys brauchen keine Windeln? Wem das erste Mal zu Ohren kommt, dass schon Neugeborene signalisieren, wenn sie mal müssen, reagiert mit ungläubigem Erstaunen. Und fragt sich: Erleben wir in der Reinlichkeitserziehung unserer Kleinsten gerade einen Backlash? Gar nicht solange ist es her, dass Babystühle serienmässig mit einem töpfchengrossen Loch in der Sitzfläche angefertigt wurden, damit die Sprösslinge nach der Mahlzeit fürs kleine oder grosse Geschäft gleich sitzen bleiben konnten. Möglichst früh sollten sie sich daran gewöhnen, ihre Ausscheidungen zu kontrollieren. Mit der Erfindung der Wegwerfwindeln Anfang der 70er-Jahre setzte die grosse Entspannung ein. Das stundenlange Ausharren auf dem Häfi hatte ein Ende, ebenso wie das aufwendige Windelwaschen. Ob das Kind mit einem oder erst mit vier Jahren trocken wurde, wirkte sich jetzt bloss noch aufs Familienbudget aus.

Auch Brigitte Langenegger (32) war skeptisch, als sie vor längerer Zeit das erste Mal von der Windelfrei-Methode hörte: «Man kann es auch übertreiben, war mein spontaner Gedanke», so die Innerschweizerin. «Bei meiner älteren Tochter Wanja wäre ich nie auf die Idee gekommen, dies auszuprobieren.» Immer wieder mal hörte oder las sie in den folgenden Jahren davon. Die Kehrtwende kam vor einem halben Jahr: Aruna, die zweite Tochter, reklamierte regelmässig, wenn ihre Eltern ihr Windeln anziehen wollten. Als Brigitte Langenegger ihre Wochenbetthebamme um Rat fragte, meinte diese, es würde auch ohne Windeln gehen. «Ich brauchte noch einen halben Tag, um mich an die Idee zu gewöhnen, informierte mich im Internet und war dann reif, es auszuprobieren», erzählt die Mutter. Und sie sei überrascht gewesen, wie oft es funktionierte.

Babys geben eindeutige Signale

Windelfrei, in Englisch Elimination Communication, also «Ausscheidungskommunikation» genannt, ist so alt wie die Menschheit selbst. Und wird auch heute noch in weiten Teilen der Welt praktiziert. Millionen von Eltern in Afrika, Südamerika und Asien tragen ihre Säuglinge nackt auf ihrem Körper, ohne von ihnen beschmutzt zu werden. Das Geheimnis: Die Babys werden, kurz bevor sie Stuhl oder Urin ausscheiden, unruhig, verziehen geräuschvoll das Gesicht oder machen ruckartige Bewegungen mit den Beinchen oder dem ganzen Körper. Durch diese Signale gewarnt, bleibt für die Eltern genug Zeit, das Kind vom Körper weg ins Gebüsch oder über einen Topf zu halten. «Auch unsere Kinder zeigen im Neugeborenen- und Säuglingsalter dieses Verhalten», schreibt Kinderarzt und Buchautor Remo Largo in «Babyjahre». Dies bestätigte 2008 eine Studie des italienischen Kinderarztes Simone Rugolotto vom Universitätsspital in Verona: 90 Prozent der Babys signalisierten, wenn sie müssen, stellten die Wissenschaftler fest. Reagieren die Eltern auf diese Zeichen, sind die Kinder zwischen dem 15. und 17. Monat sauber.

Den wissenschaftlichen Ritterschlag erhielt die Windelfrei-Methode jedoch rund 20 Jahre früher: Eine im amerikanischen Fachorgan Pediatrics 1977 veröffentlichte Studie belegte, dass die Kinder des ostafrikanischen Volkes der Digo bereits mit fünf bis sechs Monaten tagsüber und nachts trocken waren. Die Anthropologen folgerten daraus, dass der Zeitpunkt des Trockenwerdens nicht biologisch, sondern kulturell bedingt ist. Knapp 20 Jahre später, 1997, beschrieb die Erwachsenenbildnerin und dreifache Mutter Rita Messmer in ihrem Buch «Ihr Baby kann’s!», was sie bei ihren Reisen zu indigenen Völkern gesehen und später mit ihren eigenen Kindern und den Babys aus ihrem beruflichen Umfeld erlebt hat. «In den ersten Lebensmonaten ist die Aufmerksamkeit des Neugeborenen stark auf seine Körperfunktionen gerichtet,» sagt Rita Messmer. Entscheidend sei, wie wir darauf reagierten. «Lernt das Baby, dass seine Windel oder Hose regelmässig ausgezogen und es über das WC oder eine Schüssel gehalten wird, passiert in seinem Hirn die entsprechende Vernetzung; das Sauberwerden wird intuitiv erlernt», sagt Rita Messmer.

Sensible Phase

Ideal sei, wenn dieser Lernschritt in den ersten 12 bis 15 Wochen gemacht werde, da sich das Kind in der dafür vorgesehenen sensiblen Phase befinde und deshalb besonders offen sei für diese Entwicklung. Man könne dann nicht von Sauberkeitstraining und schon gar nicht von schädlicher Dressur sprechen. «Es ist ein grosser Unterschied für das Gehirn, ob ich etwas trainiere oder eine sensible Phase nutze», so Messmer. «In beiden Fällen wird das Gehirn stimuliert und vernetzt, aber nur in der sensiblen Phase fliessen die Informationen mühelos und werden mit Leichtigkeit vernetzt.» Laut Messmer sind Babys, die von Geburt an nie Windeln tragen, deren Eltern sich gut ins Kind einfühlen können und auf seine Bedürfnisse richtig reagieren, mit vier bis sechs Monaten trocken. Sepp Hotz, Kinderarzt am Kinderspital Zürich, ist jedoch der Ansicht, dies habe keinesfalls mit der kindlichen Kontrolle seiner Ausscheidung zu tun. «Als mütterliche Leistung, die auf die Zeichen des Kindes achtet, ist es jedoch denkbar.»

Mittlerweile ist das Windelfrei-Konzept in der industrialisierten Welt angekommen. Es ist die Sehnsucht nach mehr Natürlichkeit und Einfachheit in einer hoch komplexen, technologiegesteuerten Welt, die ihm den Weg bereitet hat. Bücher werden veröffentlicht, Blogs gefüttert, in Foren diskutiert, Hosen mit offenem Schritt entworfen – sogenannte Splitpants, mit denen sich das Krabbelkind ohne Zeitverlust aufs Häfi setzen kann. Dank dem Megatrend Öko-Lifestyle sind Babys ohne Windeln und deren Eltern zwar nicht gerade salonfähig, werden aber sicher eher verstanden. Als deshalb die deutschen Windelfrei-Pionierinnen Julia Dibbern und Nicola Schmidt vorschlugen, für die Leserinnen und Leser von «wir eltern» einen Workshop durchzuführen, war schnell klar: Wir sind dabei.

Zehn Mütter, ein Vater und ihre Babys versammelten sich am Kursnachmittag im vergangenen Herbst in Zürich: Zum Beispiel Fatima, Umweltingenieurin, die aus ökologischen Gründen keine Wegwerfwindeln braucht. Oder Sibilla aus der Medienbranche, für die es eine Frage des Instinkts und ein gutes Gefühl ist, das Baby nicht in seinen Ausscheidungen liegen zu lassen. Oder Brigitte Langenegger, deren Kind keine Windeln tragen wollte. Alle haben bereits Erfahrung mit der Methode, sind aber froh um Tipps, Anleitung und Erfahrungsaustausch.

Teilzeit windelfrei reicht auch

Schnell zeigt sich: Einfach ist es nicht, ein Baby ohne Windeln aufzuziehen. Neugeborene pinkeln rund 20 Mal pro Tag, nicht immer künden sie dies lautstark an. Und nicht immer ruhen die Augen der Eltern zwecks Beobachtung auf ihrem Kind. «Wir freuen uns, wenns klappt», sagt Kursleiterin Nicola Schmidt. «Wenn nicht, gilt: lächeln, wischen, waschen.» Sie selber sei mit ihren zwei Kindern bekannt gewesen für «Windelfrei mit Windeln». «Alles, was die Mutter entspannt, ist legitim», sagt die 35-Jährige. Unterwegs im öffentlichen Verkehr, im Auto oder auf Besuch habe sie ihren Kindern öfters Windeln angezogen. «So blieben die Kleider auch trocken, wenn sich keine Möglichkeit fand, rechtzeitig auf eine Toilette zu gehen oder in ein Gebüsch zu pinkeln.»

Teilzeit windelfrei – das scheint eher im Rahmen des Erreichbaren zu liegen als Vollzeit. Laut der amerikanischen Windelfrei-Vorkämpferin Laurie Boucke reicht es sogar schon, ein Kind nach dem Schlafen, nach dem Trinken oder sogar nur morgens und abends übers Töpfchen zu halten, damit es das Körperbewusstsein für seine Ausscheidungen behält. «Die Kinder sind dann zwar nicht schon mit einem halben Jahr trocken, sondern erst mit 12 bis 18 Monaten», sagt Boucke. Auch wenn es laut Nicola Schmidt und Julia Dibbern keine Garantie für den Zeitpunkt des Trockenwerdens gebe, seien die Kinder deutlich früher als diejenigen, die Wegwerfwindeln tragen und diese oftmals noch bis weit ins Kindergartenalter brauchten.

Vater und Schwester machen mit

Für Windelfrei gilt wie auch sonst im Umgang mit Kindern: Hauptsache, kein Stress! Kaum eine Bevölkerungsgruppe ist so anfällig für Perfektionismus und die vermeintliche Notwendigkeit, alles toll zu machen wie junge Mütter. «Dies ist kein Super-Mami-Test», betont Nicola Schmidt. Denn Druck dient in diesem Fall niemandem. Das hat auch Brigitte Langenegger (32) gemerkt. «Am Anfang wollte ich, wenn Besuch kam, unbedingt zeigen, dass es geht», erzählt sie. Habe Aruna dann statt auf die Toilette in die Kleider gepinkelt, habe sie sich geärgert, dass die Leute nun denken würden, es funktioniere nicht. «Heute kümmere ich mich nicht mehr darum.» Auch Vater Sämi und Arunas grosse Schwester Wanja gehen mit Aruna aufs Klo. Beim Pippi liege die Trefferquote mittlerweile bei zwei Dritteln, beim Stuhlgang immerhin bei 99 Prozent. «Wir alle sind fasziniert, dass es klappt und freuen uns immer wieder aufs Neue.»


Gut zu wissen

  • Infos und Windelfrei-Kurse von Julia Dibbern und Nicola Schmidt: www.babysohnewindeln.de
  • Kleidung und Zubehör für Windelfrei www.topffit.ch
  • Buch: «Ihr Baby kann’s», Rita Messmer, Beltz-Verlag, Fr. 24.90
  • Studie (quantitative Befragung) von 2012 zur Windelfreimethode und Infos auf www.rita-messmer.ch
  • Alles zum Thema Stoffwindeln: www.windelzauber1.blogspot.com

Und so geht's

  1. Die meisten Babys pinkeln unmittelbar nach dem Aufwachen und jeweils nach dem Trinken, manche legen dafür beim Stillen eine Pause ein.
  2. Oftmals künden sie durch Mimik und Bewegungen an, wenn sie urinieren oder stuhlen müssen.
  3. Neugeborene urinieren oft alle 10 bis 20 Minuten. Es lohnt sich, das Kind regelmässig abzuhalten, also über ein Becken oder die Toilette zu halten.
  4. Gut zu wissen: Im Tiefschlaf pinkeln Babys nicht.
  5. Neugeborene bis ca. drei Monate sollten seitlich abgehalten werden. Ältere Kinder hält man mit dem Rücken zum eigenen Oberkörper, spreizt die Beinchen etwas und fordert sie mündlich auf, ihr Geschäft zu machen und macht dann ein bestimmtes Geräusch wie zum Beispiel «pssss».
  6. Wenn Windeln, dann ist es besser Stoffwindeln zu benutzen, damit das Kind merkt, wenn es im Nassen liegt. Das Gehirn lernt, einen Zusammenhang zwischen Nässe und Ausscheidung herzustellen.
  7. Stuhlen und Urinieren sollen als völlig normale und natürliche Vorgänge eingestuft werden und keine Aufregung verursachen. Ausscheiden ist ebenso natürlich wie Essen und Trinken.
  8. Reinlichkeit ist stark mit der Psyche gekoppelt; Einflüsse wie Impfungen, Veränderungen im familiären Umfeld, Entwicklungsschritte oder Stress können sich erheblich auf das Ausscheidungsverhalten auswirken.

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